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Furtwängler, Adolf   [Hrsg.]
Aegina: Das Heiligtum der Aphaia (Text) — München, 1906

Seite: 470
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ACHTER ABSCHNITT
GESCHICHTE DES HEILIGTUMS

Die Gegend, in welcher das AphaiaheÜigtutn liegt, ist heute einsam und verlassen.
Wie unsere Karte zeigt, auf welcher alle noch sichtbaren antiken Baureste mit roter Farbe
eingetragen sind, war dies im Altertum nicht der Fall. Die ganze Nordostspitze der
Insel war einstens dicht besiedelt. Nach Süden, Osten und Norden vom Heiligtu'me
fanden wir überall Spuren antiker Wohnstätten. Diese sind namentlich deutlich längs der
Bucht der Agia Marina, dann in dem Tale von Trypiti nordöstlich vom Heiligtume;
ferner auf allen Höhen rings um die Nordostspitze der Insel. Im Tale von Trypiti und
an dem Pyrgazi genannten Platze der Nordostspitze haben wir Ausgrabungen gemacht,
über welche im Zusammenhange mit der ganzen Topographie der Insel in dem folgenden
Bande eingehender Bericht erstattet werden wird. Die gefundenen Baureste gehören nur
der klassischen Epoche an; in römischen und noch späteren Zeiten war die Gegend ganz
verlassen. Dagegen fehlt es nicht ganz an Spuren vorklassischer Bewohnung. Aus dem
Tale der Vaghia stammt ein merkwürdiges weibliches sog. Inselidol von steatopyger
Bildung, das wir später publizieren werden, und auf den Höhen der Nordostspitze kommen
Obsidian messerchen vor.

Unser Heiligtum war ursprünglich offenbar der gemeinsame Besitz der Insel-
bewohner, welche die Gegend von der Vaghia um die Nordostspitze der Insel herum
bis zur Agia Marina innehatten. Der Platz des Heiligtums ist so gewählt, dass er von
den verschiedenen Seiten der genannten Ansiedlungen her gut zugänglich war; die nächste
Beziehung aber hat er offenbar zu den Bewohnern der Bucht der Agia Marina, von
welcher der direkteste Zugang zu der Höhe des Heiligtums besteht.

Es lässt sich aus diesen Tatsachen schon der Sehluss ziehen, dass die Gründung
des Heiligtums einer Epoche angehört, in welcher die Stadt Aegina noch nicht die
ausschliessliche Herrin der Insel war, sondern wo noch ausserhalb derselben Gemeinden
einer gewissen Selbständigkeit bestanden, die sich um ein eigenes Heiligtum gruppierten.

Auf die Frage, wann das Heiligtum gegründet wurde, haben uns die Funde indes
eine bestimmte Antwort erteilt. Es ist die Epoche der später mykenischen Vasen. Nach
den relativ zahlreichen Funden der mykenischen Epoche muss das Heiligtum innerhalb
derselben ziemlich lange bestanden haben. Seine Gründung wird in der Zeit um 1400
bis 1200 v. Chr. erfolgt sein. Vasen der früher mykenischen Epoche, der der Schacht-
gräber Mykenäs, Vasen mit Mattmalerei, wie sie so massenhaft unten bei der Stadt am
Aphroditeheiligtume gefunden worden sind, fehlen hier vollständig.
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