Die Gartenkunst — 33.1920

Seite: 36
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machen, der kleinsten kulturfähigen Fläche den
höchstmöglichen Ertrag abzuringen versuchen müssen.
Das ist nur ein Ausschnitt. Wie bessern? Hans
Horst Kreisel zeigt gangbare Wege. Dem Siedler
— er hat mehr den landwirtschaftlichen Siedler im
Auge — zuerst beibringen, daß Siedeln Arbeiten
heißt. Aus dem Gedanken heraus, daß die Not
unserer Zeit dazu drängt, jeden auf den ihm nach
Veranlagung und Fähigkeit zustehenden Posten im
Wirtschaftsprozeß zu bringen, verlangt er Auswahl
der zu Siedlern geeigneten unter den Siedlungs-
willigen. Geschehen soll dies durch Siedlerschulen,
die Arbeitsschulen sein sollen. Schulen, die Sied-
lungsmissionare hinaussenden, deren Lehrtätigkeit
die eigene Siedlertüchtigkeit ist. Darüber hinaus
Ausbau der Siedlerschulen zu Volkshochschulen, nicht
in dem Sinne, wie viele Volksbildungsstätten jetzt
genannt werden, sondern zu Volkshochschulen im
engeren Sinne, deren alleinige Aufgabe Erweckung
und Pflege reinen Menschentums ist. Alles Fach-
wissen durch die Fachschule. »

Bei der ungeheueren Bedeutung der Siedlungs-
bestrebungen nach der bevölkerungspolitischen und
wirtschaftlichen Seite hin ist es auch für den Garten-
fachmann notwendig, daß er zu den praktischen
Voraussetzungen einen klaren Standpunkt zu ge-
winnen sucht. Denn Siedlertätigkeit wird zum
großen Teil gärtnerische Tätigkeit sein oder sie als
Vorstufe haben. Besonders ist dies der Fall bei
der Siedlertätigkeit der Städte, die vorerst wohl
nur eine planmäßig geführte, erweiterte Schreber-
gärtnerei sein kann. Es werden sich hier eine
Menge beruflicher Berührungspunkte ergeben. Han-
delt es sich doch vor allen Dingen darum, den
Städter, in dem das innere Verhältnis zur freien
Natur und zur Arbeit in der freien Natur verküm-
mert ist, für den Kleingartenbau zu schulen und
zum Siedler vorzubereiten. Diese Vorbildung kann
nicht früh genug einsetzen, am besten schon in der
Schule und zwar für Kinder beiderlei Geschlechts.
Ich verweise in diesem Zusammenhange auf die in
dieser Zeitschrift erschienenen Aufsätze: Heilig,
Kleingartenbau als Vorschule zum Siedlertum, Sep-
temberheft 1919 und Förster, Schülergärten, Juli-
heft 1919. Es dürfte naheliegen, alle zum Siedler-
tum führenden gartenmäßigen Betätigungen in ihren
Zusammenhängen und Wechselbeziehungen aufzu-
decken, um hierauf praktische Vorarbeit zu leisten.
Es bietet sich da ein weites Feld, das vor allen
Dingen unsere Gartenbauschulen beackern möchten.
Denn mehr wie bisher wird der Gartenfachmann
dem noch unwirtschaftlich arbeitenden Schreber-
gärtner Führer sein und die wirtschaftlichen Grenzen
und Möglichkeiten des Kleingartenbaues beherrschen
müssen. Wird ja häufig genug der Vorwurf er-
hoben, der Schrebergarten nehme Land in Anspruch,
das im Interesse unserer Volkswirtschaft intensiver
zu nutzen wäre. Mitunter mit Recht. Manche
Schrebergärten verdanken ihr Dasein nicht einem
überwiegend wirtschaftlichen Bedürfnis, sondern der
starken Gartensehnsucht unserer Zeit. Daß diese
Art Schrebergärten oft Spielerei sind, daß hier die
Hingabe an die Natur zur Farce geworden, liegt in
der Zeitphysiognomie. Handelt es sich aber um
Existenzfragen unseresVolkes, müssen Liebhabereien
zurückstehen. Ich will nicht bestreiten, daß auch
in diesen starke seelische Kräfte investiert sind.
Wir müssen uns nur darüber im klaren sein, daß
der Kleingarten jetzt vor allem rein ökonomische
Bedeutung hat, wenn es auch gilt, damit geistige
Werte zu schaffen. Liefert er dem Besitzer den
gewünschten und notwendigen Ertrag, so ist seine

Hauptaufgabe erfüllt. Daß dieser Ertrag auf einer
durch das volkswirtschaftliche Interesse bestimmten
Landgröße gewonnen wird, bedarf nun der Mit-
arbeit des Gartenfachmannes, der den Kleingärtner
durch Hinweis auf die jeweils günstigsten Anbau-
methoden zur intensivsten Ausnutzung des Bodens
drängt. Man bedenke: Boden ist für die Nation
als Wirtschaftseinheit ein Wert von konstanter
Größe. Audi solle man den Neuling im Kleingarten-
bau nicht auf den Weg der Selbstbildung und Selbst-
hilfe verweisen. Es schädigt das Gemeininteresse
und die Sache. Gerade in dem Punkte, der die
gärtnerische Bodennutzung gegen die landwirt-
schaftliche, den Kleinbetrieb gegen den Großbetrieb,
daseinsberechtigt machen kann, im höheren Aus-
wertung skoeffizienten. Möchten das die Gemeinden,
die Gelände für den Kleingartenbau bereitstellen,
berücksichtigen. #
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Ich betone nicht ohne Absicht die wirtschaftliche
Bedeutung des Kleingartens, denn ich habe das Ge-
fühl, daß man dieser unter den Gartenarchitekten
nicht immer mit dem notwendigen Ernst gegenüber
steht. Was in ihm ideell und kulturell von hohem
Wert, ist noch lange nicht wirtschaftlich gleichgültig.
Man sucht den Kleingarten schon künstlerisch zu
gestalten, ehe er noch da ist. Ich meine in einer
gesunden wirtschaftlichen Bedingtheit. Genau so
wie Architekten früher ihr Herz für das Arbeiter-
wohnhaus und jetzt für den Lehmbau entdeckt
haben, so mancher Gartenarchitekt für den Klein-
garten. Der Garten als künstlerische Angelegenheit
ist etwas anderes, dem Kleingarten zu fernstehen-
des. Beispielsweise: Auch die Architektur kann sich,
wohl kaum im Kleinwohnungshaus als künstlerische
Angelegenheit manifestieren. Schöne Pläne schaffen
keine Kleingartensiedlungen. Sie müssen in allen
ihren Teilen aus sich selbst herauswachsen. Das
Zeitnotwendige geht mit Eigenkraft seinen Weg,
sich selbst die Form gebend.

Die Führung im Klein- und Siedlergarten dem
gut handwerklich gebildeten und empfindenden —
Gärtner. J. Leibig, Dresden-Loschwitz.

Max HesdörfFer f.

Am 8. Januar 1920 ist in Straußberg bei Berlin
der Herausgeber der „Gartenwelt", Max HesdörfFer,
nach längerem Leiden im 57. Lebensjahre gestorben.

Er war in Fulda am 10. Dezember 1863 geboren.
Seine gärtnerische Ausbildung fand er im Palmen-
garten und in der Handelsgärtnerei von Fleisch-
Daum in Frankfurt a. M. Nachdem er sich schon
mehrfach schriftstellerisch betätigt hatte, begann er
1897 die Herausgabe der „Gärtnerischen Monats-
hefte", die im Jahre darauf in der „Gartenwelt"
ihre Fortsetzung fanden.

Sie wurde von HesdörfFer, der eine ausgesprochen
journalistische Ader besaß, trotz oder vielleicht ge-
rade wegen seiner mit den Jahren fast in Taubheit
übergegangenen Schwerhörigkeit erfolgreich ge-
führt; eine gewisse, dadurch geschaffene Distanz
zu den Tagesvorgängen im Gartenbau verlieh seiner
Arbeit am Redaktionstische eine gewisse Abgeklärt-
heit, ohne daß er etwa in Abhängigkeit von An-
deren geraten wäre.

Seine Arbeitsamkeit war unerschöpflich, das
eigene Gartenanwesen, wo er besonders den Zwerg-
obstbau pflegte, bildete seine liebste Erholung.
Angenehme Charaktereigenschaften sicherten ihm bei
Jedem, der zu ihm in Beziehungen trat, dauernde
Wertschätzung, die über den Tod hinaus erhalten
bleiben wird.

Für die Schriftleitung verantwortlich: Gartendirektor Heicke, Frankfurt a. M. Selbstverlag der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst.

Druck der Universitätsdruckerei H. Stürtz A. G., Würzburg.
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