Die Gartenkunst — 33.1920

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Reihenhaussiedlung. Blockansicht mit Wohnweg und den Häusern vorgelagerten Gärten.

Arch. Otto Völckers DWB, München. (Abb. 4 zu dem Aufsatz „Der breite Garten", Seite 106 u. f.)

Der Siedlergarten eine Kulturangelegenheit

Von HeicKe*)

Warum wir siedeln müssen. Unter Bauen verstehe ich, dem Menschen ein

Das Siedlungswesen ist in seinem Kern noch Dach über dem Haupte schaffen, ein Obdach,

lange nicht überall erfaßt. Der Gartenarchitekt Obdachlose gab es bei uns früher kaum, aber es

betrachtet es meist als eine Sache, die ihn über gab im gepriesenen Vorkriegsdeutschland Städte,

Wasser halten kann, wenn die Steuern anfangen in denen weit über neunzig von hundert

zu wirken und lohnende andere Aufträge nach Familien in Einzimmerwohnungen

und nach aufhören. Warum auch nicht? Ver- hausten. Nach dem Kriege ist das noch viel

Stehen doch manche Gartenarchitekten vom Bauen schlimmer geworden.

mehr als der Baufachmann vom Gestalten eines Wer sich die Zustände in solchen Wohnungen

Gartens. Andere sind sehr skeptisch, da es zum vorzustellen vermag, dem wird eä nicht verwun-

Bauen an allem fehle und bei den wenigen Sied- derlich sein, daß in der Zeit des Achtstundentages

lungsunternehmen, die bereits am Werke sind, alle öffentlichen Orte von einer ruhelosen Menge

die Sache bald wegen Baustoffmangel ein Ende erfüllt sind, die in Kneipen, Kinos und anderen

nehmen werde. Stätten zweifelhafter Genüsse die Zeit totschlägt

Ich glaube nicht, daß diese Auf- oder sich in Versammlungen halbverstandene

fassung recht behält; denn wir werden Schlagworte in den Kopf hämmern läßt,

bauen können, wenn, anstatt alles Heil von Es ist die Leere des Daseins, die Öde ihres

Uberteuerungszuschüssen, Mietsteuern und der- Obdachs, die diese Menschen hiKaustreibt. Jetzt,

gleichen zu erwarten, die Bautätigkeit sich im bei der verkürzten Arbeitszeit, mehr als früher,

weitesten Sinne den Verhältnissen an- wo sie bis zu zwölf und mehr Stunden an die

paßt. Es sei nur an Bestrebungen wie die des Arbeitsstätte gefesselt waren.

Hauptmanns Schmude und anderer erinnert. Soll man nun den Achtstundentag wieder ab-

Wir müssen bauen, um aus unserer Not schaffen?

wieder herauszukommen. Daran ist nicht zu Ich habe mir schon als Kind meine Gedanken

rütteln. darüber gemacht, wie Tausende, die ein Hirn,

Wo ein Muß ist, hat sich noch immer ein genau so wie ich, im Kopfe haben, Tag für Tag

Weg gefunden. Aber wir wollen ja nicht nur wie- bei einer stets gleichbleibenden geistlosen Be-

der hoch kommen, sondern streben höher, als wir schäftigung aushalten können ohne Hoffnung,

vor unserem Sturze standen. Dazu hilft frei- daß dieses Einerlei jemals ein Ende nehme oder

lieh das Bauen alleinnicht, dazumüs- wenigstens Kinder und Enkel in eine bessere

sen wir siedeln. Lage kommen werden. Ich verstehe es, daß

Worin besteht der Unterschied?? diese Menschen kein anderes Interesse am

•) Vortrag auf der Hauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst, Meiningen,
27. Juni 1920.

Gortenkunst Nr. 7, 1920.

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