Die Gartenkunst — 33.1920

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band der Gärtner und Gärtnereiarbeiter (früher
Allgemeiner Deutseber Gärtnerverein) sowie der
Deutsche nationale Gärtnerverband als Arbeit-
nehmervertretungen andererseits — oder vielmehr
deren Vorstände sich bemüht, eine der gewerb-
lichen und industriellen Arbeitsgemeinschaft völlig
qleichgeartete Arbeitsgemeinschaft zu entwickeln.
Die zu diesem Zwecke vereinbarte Satzung ist in
einer Tagung (im November 1919) aber nicht zu
weiterer Beratung gekommen, und der Arbeits-
qemeinschaftsgedanke selbst ist bisher über den
Rahmen von Arbeitstarifgemeinschaften nicht hin-
ausgewachsen. Schuld an dieser Verkümmerung
sind die Kreise der Landwirtschaft, die mit Hilfe
des Einflusses preußischer Geheimräte diese Or-
ganisation hintertrieben haben. Ob sie nun jemals
noch in Erscheinung treten wird, ist sehr zweifel-
haft, zumal sich inzwischen auch herausgestellt hat,
daß die kühnen Ziele, die anfänglich mit solchen
Arbeitsgemeinschaften verfolgt wurden, sich nicht
haben erreichen lassen. Eines der Hauptziele war
beispielsweise die Ablösung der älteren Kammer-
einrichtungen (Landwirtschafts-, Handels-, Gewerbe-,
Handwerkskammern) durch diese Arbeitsgemein-
schaften. Dieses Ziel muß heute als aufgegeben
betrachtet werden. Ich selbst hatte von vornherein
dazu wenig Vertrauen und war der Ansicht, daß

es geratener sein müßte, die alten Kammereinrich-
tungen lieber zeitgemäß umzubauen und sie mit
neuem Geist zu erfüllen. Aus dieser Auffassung
heraus arbeitete ich neben jener Satzung für die
paritätische Arbeitsgemeinschaft „Grundsätze
und Richtlinien für d i e E r r i ch t u n g eines
freistaatlich preußischen Landes-Garten-
bauamtes" aus, die mit Schreiben vom 10. Mai
1919 durch den Verband der Gärtner und Gärtnerei-
arbeiter dem preußischen Landwirtschaftsminister
eingereicht worden sind, später auch noch den
anderen Gliedstaaten-Regierungen und dem Reichs-
wirtschaftsministerium übersandt wurden. Die
Spitze der hier geforderten paritätischen Ämter
sollte in einem Reichsgartenbauamt auslaufen.
Gedacht waren diese Ämter jeweils als besondere
Verwaltungs-Abteilungen im Rahmen der Land-
wirtschaftsministerien. Dabei wurde davon aus-
gegangen, daß die seit 1913 bei den preußischen
Landwirtschaftskammern gebildeten Gärtnereiaus-
schüsse zu Provinzialämtern dieser Art umzubilden
wären. Ob sie zugleich Abteilungen der (selbst-
verständlich neuzeitlich umzubildenden) Landwirt-
schaftskammern sein oder werden sollten, diese
Frage wurde offen gelassen. Mir selbst erschien
diese Abteilungsbildung als das Gegebene und
Zweckdienlichste. (Fortsetzung folgt.)

Von neuen Büchern und Zeitschriften

Trotz der schweren Not kaum ein Tag, der uns
nicht auch auf unserm Arbeitsgebiet ein neues Druck-
werk auf den Tisch legt! Vieles von Eintagsbedeu-
tung und morgen schon überholt; anderes nur ver-
ständlich, wenn man bedenkt, daß es Verfasser —
und Verleger gibt, die wähnen, die Welt sei nur
aus den Fugen gegangen, damit sie Gelegenheit
haben, sie wieder einzurenken.

Zuweilen hält man aber doch den Atem an!

So mag es manchem ergangen sein, als ihm die
„Gartenschönheit" zum erstenmal vor Augen kam.
(Die Gartenschönheit. Eine Zeitschrift mit
Bildern für Garten- und Blumenfreunde, für Lieb-
haber und Fachmann. In Gemeinschaft mit Karl
Förster, Harry Maaß und Camillo Schneider her-
ausgegeben von Oskar Kühl. Verlag der Garten-
schönheit, Berlin-Westend. 1920. Heft 1/4.) Man
weiß zunächst nicht, soll man mehr die Gediegen-
heit und den Wert des Dargebotenen bewundern
oder den Mut, mit einem solchen Unternehmen in der
jetzigen, trüben Zeit an die Öffentlichkeit zu treten.
Wünschen möchten wir, daß diese Zeitschrift, die es
an Gediegenheit des Inhalts und der Ausstattung
mit allem aufnehmen kann, was In- und Ausland
seither auf dem Gebiet des Gartens geboten haben,
selbstverständlich zunächst bei uns in der Heimat,
dann aber auch im Auslande weiteste Verbreitung
finde. Es könnte kaum etwas Besseres geben, um
den Zweiflern an deutschem Unternehmungsgeist,
all den Vielen, die meinen, in Deutschland herrsche
nur noch Umsturz und Kleinmut, Bankrottstimmung
und Leichtsinn, den Beweis zu liefern, daß wir noch
trotz allem Unglück den Glauben an uns selbst und
eine bessere Zukunft nicht verloren haben.

Wir haben früher mit Neid auf die vornehmen
Gartenzeitschriften Englands, Amerikas, selbst Frank-
reichs geblickt, denen wir nichts Ähnliches gegen-
über zu stellen hatten. Und nun in unserer bittersten
Not ein solches Blatt! Das bedeutet ein Programm,
ein Bekenntnis und wird nicht übersehen und unter-
schätzt werden dürfen. Wir selbst haben erst in letzter
Zeit mit einem an Übelkeit grenzenden Gefühl die

wachsende Zahl und Verbreitung von Blättern für
die Dame, für die elegante Welt erlebt, die sich
kaum verhüllt in den Dienst der Demimonde stellen
und zur Vollendung unseres Ruins beitragen. Dem
gegenüber erblicken wir in der „Gartenschönheit"
einen Beweis, daß die gerade von uns in der „Gar-
tenkunst" unentwegt vertretene Auffassung, daß wir
am Garten wiedergenesen werden, recht behalten soll.

Unter den Schriften, die sich mit Problemen der
Siedlungs- und Wohnkultur, den Fragen der
Parkpolitik und dergleichen befassen — ihre Zahl
ist naturgemäß besonders groß — ist uns eine mit
Schneid und Unvoreingenommenheit geschriebene
Erörterung von Franz NoihhacKsberger, Garten-
siedlungen und Grünflächenreform. (Anzengruber-
verlag, Wien-Leipzig, 1920), besonders in die Augen
gefallen. Sie bekommt dadurch einen eigenen Reiz,
daß der Verfasser, geborener Österreicher, aber mit
unseren Verhältnissen vertraut, oft treffende Ver-
gleiche und Gegenüberstellungen einflicht. Er stellt
seinen „Skizzenblättern" — wie er seine lod?er an-
einander gereihten Abhandlungen nennt — den Satz
voran: Volksökonomen und Stadtverwalter haben
nicht nur dem Wohnbedürfnis des Menschen vor-
zusorgen, Straßen, Kanäle und Beleuchtungssysteme
zu bauen, sondern vor allem die Ernährung zu
sichern und Kräftequellen anzuschlagen, aus denen
ein ununterbrochener Erneuerungsstrom in die Adern
der Menschheit fließt. Abbau der Großstadt-, Neu-
siedelung, Grünflächenreform ergeben sich daraus.
Und daraus zieht er dann seine weiteren Schluß-
folgerungen. — Die Gartensiedlung,_ als Flach-
bausiedlung, ist ihm letzten Endes ein Abwehr-,
um nicht zu sagen Kampfmittel — gegen rein
kapitalistisch auf Rechtsungleichheit fußenden
Staatenaufbau. Kleingärten und Gartensiedlungen
haben die Aufgabe, den Großstadtmenschen wieder
zur Scholle zurückzuführen — Die Landbausiedlung
verkörpert den Siedlungsgedanken am reinsten. —
Wenn bei ihr der Siedlungsgenosse seinen Lebens-
unterhalt aus dem Boden zieht, so strebt die In-
dustriesiedlung eine teilweise Bedarfsdeckung für

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