Grautoff, Otto
Die Entwicklung der modernen Buchkunst in Deutschland — Leipzig, 1901

Seite: 108
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Fidus. Kopfleiste zu Franz Evers, „Das Land der Kraft“
aus „Hohe Lieder“. Berlin 1896, Schuster & Löffler.

ACHTES KAPITEL.
FIDUS.

s lässt sich in der heutigen Zeichenkunst wohl kaum ein schärferer und inter-


I v essanterer Gegensatz denken als Thomas Theodor Heine und Fidus; jener
der sarkastische Spötter, der gemütlose Mephisto, der die Geissei schwing!
über das Herdenvolk, dieser der himmelstürmende Idealist, der Verkünder
einer neuen Religion der Schönheit, der an die Aufwärtsentwicklung des
Menschengeschlechts glaubt; — dabei stehen beide Künstler auf eben dem-
selben Boden; beider Ausdrucksmittel ist vorwiegend die Linie. Es wird sich
aber im folgenden zeigen, wie Fidus die Linie ganz anders als Heine zu
verwerten gelernt hat.
Eigenart, starke Individualität und Originalität — das sind heutzutage
wohlfeile Attribute geworden, mit denen man jeden nur halbwegs amü-
santen Stilisten gar zu gerne beschenkt. Wenn man aber die vielen, die es
gelernt haben, verschnörkelte Linien zu schwingen, auf eine solche über-
triebene Weise feiert, und so die Kleinen und Kleinsten den wirklich Grossen
allzu nahe rückt, dann verlieren diese edlen und vornehmen Attribute ihren
wahren Wert und sehen aus wie abgenutzte, glanzlose Kronen, die man
Königen anzubieten sich scheut.
Darum sei nicht also von Fidus gesprochen, denn er ist mehr als die
andern und seine Kunst heischt eine besondere Betrachtungsweise.
Was ihn vor allen Buchkünstlern und Illustratoren Deutschlands aus-
zeichnet, das ist das gewaltige Feuer seelischen Ernstes, das aus den Male-
reien sowohl wie aus der kleinsten Zeichnung von Fidus ergreifend auf uns
ein dringt. Ihm ist die Kunst nicht ein mehr oder weniger angenehmer Beruf,
sondern sein ganzes Wesen ist durchtränkt und durchglüht mit Kunst; die
Kunst ist ihm nicht ein Mittel, sondern Selbstzweck als Verkörperung seines
Schönheitsideals. Darum ist der Ernst seines Schaffens, den man rühmend an
ihm hervorhebt, ihm persönlich auch etwas so selbstverständliches, als ob
es überhaupt gar nicht anders sein könnte.
Seines Wollens Ziel ist, die erhabene Grösse der Seelenwelt in sinnlich-
schönem Ausdrucke dem Volke mitzuteilen und des Volkes Bedürfnis nach
Schönheit und edlem Lebensgenuss zu erfüllen. Dieser ihm eigene, positive
Idealismus, der so viel Revolutionäres und Himmelstürmendes in sich birgt,
lässt ihn diametral entgegengesetzt der Maschinenkultur unserer Tage er-
scheinen, die durch Negation und Kritik zerfressen bis heute im monu-
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