Grosjean, Georges [Hrsg.]; Cavelti, Madlena [Hrsg.]
500 Jahre Schweizer Landkarten — Zürich, 1971

Seite: 10
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sehen, flachen, runden Hügelchen. Walter Blumer hat sie noch etwas
markanter gezeichnet, als sie auf den Blättern der Stiftsbibliothek
St. Gallen sind. Wir wissen nicht, wie Tschudis Vorlagen zur Karte
von 1538/1560 ausgesehen haben. Es ist aber wahrscheinlich, daß sie
ähnlich waren. Denn der Vergleich der Handrisse Stumpfs mit den
gedruckten Landtafcln zeigt, daß die eigentliche künstlerische Gestal-
tung beim Formschncider lag, der den Karteninhalt verhältnismäßig
frei behandelte. Die Ortsansichten, der künstlerische und heraldische
Schmuck, die Schiffe auf den Seen, die Schriftbänder wurden vom
Formschneider beigesteuert. So ist es auch wahrscheinlich, daß an der
Tschudi-Karte von 1538/1560Sebastian Münster und der unbekannte
Formschneider einen wesentlichen Anteil haben. Vor allem die mar-
kanten, spitzen, nicht gerundeten Hochalpcnformcn scheinen gegen-
über Tschudis Handzeichnungen und Stumpf eine Besonderheit Mün-
sters zu sein. Die topographische Matcrialsammlung und auch die
ganze Anlage der Karte ist aber das Werk Tschudis. Wohl spürt man
noch eine leise Abhängigkeit von Türst: Auch Tschudis Karte ist
nicht richtig südorientiert, sondern ebenfalls gegen Osten abgedreht.
Die Karte von 1560 und Stumpf haben wohlweislich vermieden, ein
Gradnetz überzuwerfen, das den Fehler sichtbar gemacht hätte. Mün-
ster in seinen Karten von 1540 und 1544, Salamanca und Ortelius
zeichnen die Breitenkreise von 450,460 und47° ein, wobei gegenüber
Türst eine etwas bessere Ubereinstimmung mit dem Kartenbild fest-
zustellen ist. Der 47. Breitenkreis läuft zum Beispiel nicht mehr über
Radolfzell, sondern über Arbon. Bemerkenswert besser gegenüber
Türst ist die klare Gliederung der Höhenzüge und Täler. Der Gott-
hard ist mit seinem radialen Abfließen vieler Flüsse und Ströme als
Herz der Schweiz herausgearbeitet. Der Staatsmann und Offizier
Tschudi und wohl auch der Wcltgeograph Münster haben gegenüber
dem Arzt und Astrologen Türst eine viel klarere, sogar recht eigent-
lich erstaunliche Vorstellung von den räumlichen Zusammenhängen.
In dieser Hinsicht ist die Tschudi-Münstcr-Kartc den meisten unge-
111 fähr gleichzeitigen ausländischen Karten überlegen. Das Verzerrungs-
gitter zeigt, daß die Zentral- und Nordostschweiz besser erfaßt ist als
die Westschweiz. Ganz schlecht ist das Tessin. Einzelne Fehler sind da:
So mündet die Kander in den Thunersee, die Simme ist als Kander
angeschrieben, Wimmis weit oben im Simmental. Tschudis Werk
als Ganzes ist eine eigentliche neue Aufnahmekarte und damit eine
bedeutende Originalarbcit.

DIE ERSTEN AUFNAHMEKARTEN
EINZELNER ORTE

Die wachsenden Ansprüche an Genauigkeit und Reichtum an Einzel-
heiten ließen es bald als unmöglich erscheinen, daß ein Einzelner die
ganze Schweiz in Grundriß legen konnte. Zwar veröffentlichte 1561
der Arzt Wolfgang Lazius noch Karten sämtlicher Länder Österreichs.
Aber die Qualität lag weit unter derjenigen der Tschudi-Münstcr-
Karte. In der Schweiz ging man seit den 1560er Jahren zur Schaffung
neuer Karten einzelner Orte oder Landesteile über, wobei auch diese
Arbeiten von einzelnen Humanisten oder Künstlern aus eigenem An-
trieb, ohne Auftrag und Unterstützung der Obrigkeiten vollbracht
werden mußten und schon deshalb äußerst staunenswert sind. Denn
all diese Karten wurden von Grund auf neu geschaffen und aufge-
nommen, ohne sich an frühere Arbeiten anlehnen zu können. Die
Tschudi-Münstcr-Karte hätte in keiner Weise genügt. Tatsächlich
wurde fast die ganze Schweiz in dieser Weise aufgenommen. Es war
die dritte Generation von Primär- oder Aufnahmekarten der Schweiz.
Als ein Vorläufer dieser Gattung, freilich noch in kleinem Maß-
107 stabc von ungefähr 1:200000, ist die Karte des Wallis anzusprechen,
die Sebastian Münster erstmals 1544 in einer deutschen Ausgabe der
Cosmographie und dann auch in den Ptolemäus-Ausgaben von 1545 und
1552 und den späteren Ausgaben der Cosmographie erscheinen ließ.
Die Karte ist in zwei Teilkarten von je 26 X 34cm zerlegt, wobei
Münster aber sagt, daß beide Teile zusammen ein Ganzes bilden. Die
Titel der beiden Teile lauten: Valesiae charta prior et VI. nova tabula
und Valesiae altera et VII. nova tabula. NachMünsters Angaben sind die

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Unterlagen zur Karte samt der Beschreibung des Wallis von Johann
S chalbetter, Landvogt des Bischofs von Sitten, geliefert worden
(vgl. Gattlen, Lit. 23, entgegen Grob, Lit. 25, S. 22). Die Beschriftung ist
vorwiegend deutsch, indem Münster bemerkt, die Karte sei für die
deutsche Ausgabe der Cosmographie geschaffen worden. Die Orien-
tierung ist Süd. Das Verzerrungsgittcr, das der Vergleichbarkcit we- 112
gen nordorientiert ist, zeigt, daß die Karte auf keinerlei Vermessung
beruht, höchstens auf sehr vagen Straßcndistanz-Vorstellungcn zwi-
schen den größern Orten. Ncndaz ist viel zu weit nach Süden gerückt,
das Hochgebirge zwischen dem Großen St. Bernhard und Zermatt
dagegen in Nord-Süd-Richtung ganz zusammengedrängt. Auffällig
gut erfaßt sind dagegen das Val d'Hercns und das Zermattertal. Hier
scheint auch in der Darstellung dcrBcrge geradezu eigene Anschauung
im Spiel gewesen zu sein. Unsere Abbildung zeigt einen Ausschnitt.
Bei den Namen Mattertal finden wir auch die Namen der kleinen
Orte Ried und Findelen. Das Matterhorn ist in seiner Form und in
seiner das Tal beherrschenden Stellung unverkennbar. Die Bezeich-
nung Möns Silvius scheint weniger zum Matterhorn oder zum Theo-
dulpaß zu gehören, bei dem er in Stumpfs XI. Landtafel und andern
Karten erscheint, als zu einem westlich liegenden Paß. Es steht dabei
der deutsche Name Augstalberg, also ein Paß, über den man ins Aosta-
tal geht. Tatsächlich waren damals die Walliscr Hochalpenpässe als
Saumwege begangen. In Les Haudcres gibt es noch heute eine Ört-
lichkeit, die Marche des Langobards heißt. Hier kauften die lombar-
dischen Viehhändler ganze Herden Schlachtvieh ein und trieben sie
über den Col d'Hercns und den Col de Valpelline oder über den Gol
Collon nach Aosta. Auch der Weg über den Theodul war durch
Saumkolonnen begangen. Es gibt mehrere Zeugnisse über diesen
Paßverkehr. So verlangte zum Beispiel 1529 die Walliser Tagsatzung,
daß der Saumweg über den Col Collon zerstört werde, weil man bei
der damaligen Kriegsgefahr - in Oberitalien wütete der Krieg zwi-
schen Karl V. und Franz I. - nicht alle Pässe bewachen konnte. Es ist

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