Hoeber, Fritz  ; Liebermann, Max   [Ill.]; Behrens, Peter   [Ill.]
Peter Behrens — München, 1913

Seite: 16
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auf der Darmftädter Ausftellung an die Seite zu
(feilen war. Das ift vor allem der Eindruck der
Innenräume.

DIE INNENRÄUME. Das Mufikzimmer ift der
feierliehfte Feftraum: Eine koftbare Schiebetüre,
von in goldener Bronze getriebenen Zierblechen
verkleidet, deren Ornamente vier große, dia-
gonal lieh ordnende Strahlenbündel darftellen,
und von marmornem Gewände umrahmt, öffnet
den Raum von der Diele aus. Die gegenüber
liegende Hauptwand wird durch die zentrale
Klaviernifche gegliedert, die in der Ichmücken-
den Individualität des myftüchen Bildes «Der
Traum» prangt. Marmorpfeiler umlchließen das
Gemälde und (feigen zu der, den ganzen qua-
dratifchen Raum umziehenden Hohlkehle empor.
Sonft bedecken die Wände blaues Glas, und
diefelbe Stimmung halten wertvolle Vorhänge
feit, die vor das große Fenlfer der Straßenfront
gezogen werden. Unter diefem Fenfter zieht
(ich eine lange, ledergepolfterte Sitjbank hin. —
Die ganz einheitlich, nur den Ton des (ehernen
Holzmaterials zeigende Schiebetüre nach dem
Speifezimmer ift, kontrahierend, von defto rei-
cherem Schmucke gerahmt: ein moderner Me-
topenfries von bunten mufivifchen Ornamenten
bekrönt (ie; rechts und links ftehen feierlich ftili-
(ierte Geftalten, ägyptifchen Königinnen gleich,
die je einen großen Kriftall in ihren Händen er-
heben, von dem lange Strahlen ausgehen. Und
in reichen Strahlen breiten (ich auch die Mufter
der goldenen Decke diefes Saales und des in
koftbaren Hölzern eingelegten Fußbodens aus.
Ebenfo zeigt das Mobiliar des Mufikzimmers, der
große reich intarfierte Flügel mit dem Noten-
pult und den beiden feierlichen Kerzenleuchtern
zur linken und rechten des Wandgemäldes, wie
auch der Klavierftuhl, das Tabourettifchchen, die
Holzfeffel, analoge Strahlenmotive als Dekoration.
Man fteigt die Stufen hinauf zu dem Speile-
zimmer: War in dem Mufikfaal die Stimmung
feierlich, ernft gehalten, fo herrfcht hier die
kriftallklare Anmut gaftfreundlicher Heiterkeit.
Der mit einem Erker herausgebaute Raum ift ganz
in Weiß und Weinrot gehalten. Weinrot ift die
Mufterung der Tapete, weiß die verl'chiedenen
Schränke und die Holzverkleidung der Wand,
weiß der fchön gedeckte Tifch, auf dem aparte
Gläfer ftehen mit dunkelrot leuchtenden Füßen,
weiß die Decke, aber dunkelrot wieder die in
großen Falten gerafften fchweren Fenftervor-
hänge. Diefer koloriftifchen Eleganz entfpricht
dann auch die durchgehende Linienführung:

Ovale Kurvenparallelen in plaftilchem Stuck teilen
die Decke ein, umziehen lanzettförmige Felder
aus Glas, von denen die analog gezeichneten
Beleuchtungskörper herabhängen. Der Gläfer-
fchrank und die Türe zum Balkon weifen in
denfelben runden Formen ausgefchnittene Schei-
benrahmen auf. Die Stühle, der Eßtifch, Por-
zellan und Leuchter auf ihm, — alles bewegt
(ich in dielen bequemen, (ich überlchneidenden,
langgezogenen Kurven, deren leichtes Wellen-
fpiel auch den Mofaikfußboden aus Holz beherrlcht
(Abb. 11,12).

Das Zimmer der Dame ift der Raum des
Darmftädter Haufes Behrens, der in feinem
ftrengen Formausdruck am meiften auf das hin-
weift, was die zukünftige Entwicklung von Behrens
bringen Tollte : Alles ift auf den rechten Winkel,
genauer auf das Oblongum, architektonifch auf-
gebaut, Grundriß, Aufriß wie Schnitt, und
wiederholt fo die individuelle Planform des nur
mäßig großen Zimmers. Auf feiner einen Seite
ift ein von niederen Schränkchen umbautes Sofa
aufgehellt, vor dem ein runder Tifch mit zwei
Stühlen fteht. Gegenüber fieht man einen breiten
Zierfchrank, der (ich fchräg gegen die fchmale
Türe fortfe^t, auf deren anderer Seite ein kleiner
Schrank als Pendant zur Verkleidung des Heiz-
körpers dient. Die Schubladen diefer ver-
fchiedenen Schränke geben in ihren Rechtecken
den gleichen Höhenabfchnitt. Über ihnen zieht
(ich unter der Decke ein von geraden Leihen um-
fäumter Fries, wie Leiften überhaupt die japa-
nifchen Matten der Wände tektonifch fefthalten.
Der bereits ganz geometrifche Teppich endlich
bringt diefelben Durchdringungen von Rechteck-
variationen, mit einem faft einem Edelfteine
gleichenden Oval in der Mitte; eine eigentümliche
Form, die auch fonft noch in dem damaligen
Werk Behrens wiederkehrt, hier im Damenzimmer
z. B. in dem Heizkörpergitter und dem koftbar
fchmückenden Mittelftück der Türe. — So zerlegt
(ich diefer ganze Raum für das äfthetifche Gefühl
in präzife kubifche Kompartimente, eine Wirkung,
die für das fpätere Werk von Behrens, wie wir
fehen werden, die Regel bedeutet. Um nun
unfern Eindruck diefes, in feiner Vornehmheit am
wenigften gewollten Raumes des Darmftädter
Haufes zu vervollftändigen, ftelle man (ich die
köftliche Tonharmonie vor, die zwifchen dem gelb
gebeizten, polierten Birnbaumholz der Möbel,
der Türe, der Wandhölzer und den ftillen Go-
belinfarben des Teppichs und des Sofaftoffes
herrfchte (Abb. 13).

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