Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 3.1885

Seite: 88
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DAS DIURNALE ODER GEBETBUCH DES KAISERS MAXIMILIAN I.

Von

Eduard Chmelarz.

n der Ueberschrift sind dem Buche, welchem diese Arbeit gilt, zwei Titel gegeben,
obwohl es in Wirklichkeit gar keinen hat. Panzer hat es im Jahre 1801 zuerst in
seinen «Annales typographici» IX, p. 38o, bei Aufzählung der Augsburger Drucke
unter Nr. 6g mit dem Titel «Diurnale seu liber Precum» angeführt, sich jedoch mit
der allerkürzesten bibliographischen Notiz in 12 Zeilen begnügt, ohne des Bezugs
zum Kaiser Maximilian zu erwähnen. Brunet («Manuel du libraire», II, col. 768)
wusste bereits von diesem Verhältnisse, behielt aber den Titel «Diurnale» bei, und
ich folgte ihm hierin gerne wegen der bibliographischen Tradition.

Uns Deutschen ist allerdings die Benennung: «Gebetbuch des Kaisers Maximilian» geläufiger, und sie
wurde es zumeist dadurch, dass man unter demselben ausschliesslich das in München vorhandene Exem-
plar verstand. Dieses allein ist weltberühmt, wegen seiner Randzeichnungen von Albrecht Dürer, dem
grössten und gedankenreichsten deutschen Künstler, und von Lucas Cranach, dessen Leistungen nicht an
jene unseres Altmeisters hinanreichen, dessen Popularität aber, um nicht zu sagen Ruhm, durch Zusammen-
wirken verschiedener günstiger Umstände jenem Dürer's seinerzeit nicht viel nachstand.

Diese Randzeichnungen wurden im Laufe unseres Jahrhunderts zu wiederholten Malen reproducirt,
und die Geschichte dieser Reproductionen ist recht gut zusammengefasst in Franz X. Stöger's Vorrede
zu der 1883 bei Stägmeyr in München erschienenen neuen Ausgabe von «Albrecht Dürer's Randzeichnungen
aus dem Gebetbuche des Kaisers Maximilian I. mit eingedrucktem Originaltexte». Diese Vorrede wurde
bereits im Jahre 1845 geschrieben, bedarf also einiger Nachträge und zum Theil Berichtigungen.

Die Schilderung der Dürer'schen Zeichnungen in ihrer Herrlichkeit, ihrem geistreichen Bezug zum
Texte, ihrem eigenartigen Humor als der schönsten Ausgestaltung jener burlesken Manier von Randver-
zierungen, wie sie in den französischen Livres d'heures längst in Uebung war, u. s. w. nach Stöger und
vollends nach Thausing (Dürer, II. Aufl., Bd. II, 127 ff.) zu wiederholen, halte ich hier für überflüssig. Die
weiteren Notizen Stöger's über Aretin's, Bernhart's, Heller's literarische Auslassungen betreffs des Horarium
Maximilianum, wie er es genannt haben will, sind wohl erschöpfend, nur ist die Angabe unrichtig, dass
sich das einzig bekannte vollständige Exemplar, jenes des Herrn von Josch aus Linz, jetzt in der Wiener
Hofbibliothek befinde. Vielmehr ist dasselbe in das British Museum nach London gelangt.

Dann folgt bei Stöger die Aufzählung der verschiedenen Ausgaben: jener Strixner's auf Veranlassung
des Freiherrn v. Aretin 1808, der englischen Copien bei M. Ackermann in London 1817, der Stuntz'schen
Copien vom Jahre 1820 und dann wieder der von Stöger selbst bei Franz in München.

Alle diese Ausgaben enthielten nur Dürer's «christlich-mythologische Randzeichnungen» mit oder
ohne eingedruckten Text, aber bei der Mehrzahl war der Originaltext durch die Oratio dominica in
38 Sprachen ersetzt. Die neue Stägmeyr'sche Ausgabe vom Jahre i883 enthält nun den Originaltext.
Die Cranach'schen Blätter des Münchner Exemplars erschienen zum ersten Male 1818 in der Zeller-
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