Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

Seite: 217
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AUS DEM VORRATHE DER KAISERLICHEN GEMÄLDEGALLERIE.

Von

Hermann Dollmayr.

fleh habe mich lange gefragt, ob es gerathen sei, die Oeffentlichkeit mit Werken
der Malerei bekanntzumachen, die im Laufe der Zeit so viele Verletzungen er-
litten haben, dass man ihr früheres Aussehen nur mehr mit Mühe zwischen den
entstellenden Narben zu erkennen vermag. Und ich habe mich dazu entschlossen,
weil ich mir vorhielt, dass daran trotz hundert Hässlichkeiten noch immer hundert
Dinge aufzuzeigen wären, die reine Schönheiten sind und sich siegreich gegen alles
Widerliche zu behaupten wissen. Dabei habe ich natürlich ganz von jenem kleinen
Kreise emsiger Arbeiter abgesehen, die am Baue der italienischen Kunstgeschichte thätig sind; denn
ihnen darf ich wohl ohne Weiteres meine Findlinge an ihren Werkplatz hinterlegen, einfach wie sie
mir der Zufall in den Weg schob. Sie werden sie schon mit kundiger Hand zur rechten Zeit an die
rechten Stellen zurückversetzen, woraus sie einst gebrochen waren.

Der erste, den ich also für heute bringen will, wird schon seit langer Zeit vermisst, weshalb man ihn
für verschleudert und für verloren hielt. Es ist vielleicht derselbe, über den Vasari im Leben des Piero
di Cosimo vermerkt:

»Piero schuf zu Florenz viele Bilder für eine Reihe von Bürgern, in deren Häusern sie
nun verstreut sind und wovon ich viele gute gesehen habe. Desgleichen machte er ver-
schiedene Dinge für manche andere Personen. So ist im Noviziat von San Marco auf einem
Bilde Unsere Liebe Frau in Oel gemalt, aufrechtstehend, mit ihrem Söhnchen am Halse.«1
Diese Madonna glaube ich nämlich in einem Gemälde (Taf. XXXII) wiedererkannt zu haben, das ich vor
einigen Jahren in den Räumen der kaiserlichen Restaurirschule antraf, einer kreisrunden Tafel aus
Pappelholz, deren Durchmesser 125 Cm. beträgt.

Aufrecht, wie Vasari sagt, sieht man dort die heil. Jungfrau mit dem Jesusknaben auf dem Arme
neben einem niederen Baumstamme stehen, der abgestorben ist und wie ein Pult mit seinen dürren
Aesten ihr Gebetbuch halten muss, worin das Christkind geblättert hat, von dem es aber jetzt, wo der
kleine Johannes mit seinem Rohrkreuz herangetreten ist, aufsieht, um seinen Spielgenossen zu segnen,
den die freundliche Mutter zum Grusse liebkosend beim Kinne nimmt. Ein Engel kniet ihnen zur
Rechten, bricht aus einer Hecke Rosen, dem Heiland der Welt damit zu huldigen, und schliesst so die
Gruppe, die einsam auf der weiten Wiese weilt, die sich mit ihrem grünen Rasen bis an den Horizont
zieht, wo ein sanfter Fluss strömt und ein Dörfchen zwischen den Bäumen und Sträuchern seines
Ufers sehen lässt. Im Vordergrunde liegen Steine verstreut, von allerlei Pilzen und Wiesenblumen
umgeben, und auf einem Felsstück macht sich ein Vogel mit einer riesigen Raupe zu schaffen.

Das dunkelrothe Unterkleid, das violette Busentuch und der blaue, gelbgefütterte Mantel der
Madonna, das gleich tiefrothe Gewand des Engels und der grauviolette Ueberwurf, den der Johannes

1 Vasari, edizione Sansoni, vol. IV, p. 133.
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