Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 29.1910-1911

Seite: 85
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Fig. I. St. Veitsdom, Oberer Abschluß des kais. Mausoleums (Rückseite).

STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER ARCHITEKTUR PRAGS

1520—1600.

Von

Oskar Pollak.

Wenn auch der hochberühmte Vitruvius und
andere gesucht und gute Dinge gefunden haben, so
ist damit noch nicht aufgehoben, daß nichts anderes,
das auch gut sei, möge gefunden werden.

Dürer, Unterweisung.

mm?.

wei Jahrhunderte lang hatte der spätgotische Stil im Norden geblüht und sich zu
immer malerischerer Freiheit und Ungebundenheit entwickelt. Gegen Ende des
XV. Jahrhunderts erfolgte schließlich die Negierung jeder architektonisch-struktiven
Bauweise: an Stelle des gegliederten Stützpfeilers tritt der glatte Baumstamm, der
sich unter dem Gewölbe in Zweige zerteilt, die in den willkürlichsten Formen das
Gewölbe überspinnen, gleich Laubendächern herabhängen, in den naturalistischen
Formen von knorrigen Asten, an denen man die kleineren Zweige abgehackt
hat. Aus Portalen und Fenstern sind phantasievoll ausgeschnittene Öffnungen der Fassade geworden,
an denen sich wie an einer Laubentür das Schlinggewächs emporwindet, an denen dichtes und üppiges
Geblätter emporwuchert. Von den Strebepfeilern, von den Dachrinnen, von den Erkern, aus allen Ecken
blicken wunderliche Tierfratzen und seltsame Menschengrimassen den Beschauer an. Man hatte den
direkten Gegenpol jedweder «antiken» Bauweise erreicht: das Bauglied sollte nicht mehr tätige Kräfte,
Tragen und Lasten versinnbildlichen, sondern die nordische Phantasie flößte diesen Gliedern wirk-
liches Leben ein, es bildete sie zur Pflanze, zum Tier, zum Menschen um. Diese Verlebendigung
der Architektur scheint auf einem tiefliegenden Rasseninstinkt der nordischen Völker zu beruhen;
denn die Kunstgeschichte zeigt, daß dieses Phänomen periodisch immer wieder auftritt: von der lango-
bardischen Kunst bis zu den Portalriesen des Barock und Rokoko sehen wir immer wieder Epochen,
die in kontradiktorischem Gegensatze stehen zur Kunst Italiens, die den streng tektonischen Sinn der
Antike selbst im wildesten Hochbarock niemals ganz verloren hat.

Wie die Extreme sich überall berühren, so auch in der Kunst, in der nordischen Architektur.
Wenn die Köpfe am heißesten glühen, wenn die knorrige Phantasie der nordischen Meister im Rausche
unerhörter Formen schwelgt, ertönt leise und immer bestimmter der Ruf «Zurück! Zurück zur Strenge,
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