Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 29.1910-1911

Seite: 171
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GESCHICHTE DER PORTRÄTBILDNEREI IN WACHS.

EIN VERSUCH

von

Julius von Schlosser.

. . . wie Kunsl und Technik sich immer
gleichsam die Wage halten und so nah ver-
wandt immer eine zu der andern sich hinneigt,
so daß die Kunst nicht sinken kann, ohne in
löbliches Handwerk überzugehen, das Handwerk
sich nicht steigern kann, ohne kunstreich zu
werden.

Wilhelm Meisters Wanderjahre,
[IL Bd., Kap. 3.

Vorwort.

enn wir in den folgenden Blättern den Versuch machen, den Lebenslauf eines in-
haltlich, technisch und stilistisch streng begrenzten Kulturproduktes zu beschreiben,
so bleiben wir uns stets bewußt, daß es sich hier keineswegs um ein organisches
Gebilde, um die Evolution einer «Art» im Sinne der modernen Naturwissenschaft
handeln kann, sondern lediglich um eine historische Kategorie, ein methodisches
Präparat. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu betonen, der namentlich in Frank-
reich (wie dem von ihm vielfach abhängigen Italien) nicht immer gewahrt worden
ist, wo einer der scharfsinnigsten, aber auch einseitigsten Vorkämpfer des Evolutionismus in der Litera-
turgeschichte, Ferdinand Brunetiere, die Lehre von den «genres» vertreten hat, als für sich bestehen-
der organischer Entwicklungen, die ihren eigenen, inhärenten Gesetzen folgen und Anfang, Blüte und
natürlichen Tod in sich schließen. Es handelt sich hier lediglich um drei Begriffe, die der Titel dieser
Abhandlung schon einigermaßen in ihrer logischen Determinierung umschreibt: um die Kunst des
Porträts, also um einen bestimmten Ausschnitt aus der allgemeinen Geschichte der Kunst, im weiteren
Sinn der Kultur überhaupt, und zwar wesentlich in einer formell wie stofflich beschlossenen Einschrän-
kung, um das Bildwerk in Rundplastik (Vollfigur und Büste), dieses endlich in einem besonderen
organischen Material, in Wachs, erscheinend. Je weiter wir in diesem logischen Unterordnungsver-
hältnis bis zu der zuletzt genannten äußersten Staffel herabsteigen, desto klarer muß uns werden, daß
das Eigenleben dieser Abstraktionen nur im Umfang des Ganzen möglich und verständlich ist. Geschichte
im eigentlichen Sinne (nicht in dem der «Naturhistorie») kann sich nur auf die wirtschaftlichen und
sozialen Wechselbeziehungen, den technischen Fortschritt beziehen, wobei diesem leicht mißzuverstehen-
den Ausdruck jede absolute Wertbestimmung fernbleiben muß; das Kunstwerk, das seinem innersten
Wesen nach individuell ist, seinen Wertmaßstab in sich trägt, nicht von außen aus der «Geschichte»
oder gar aus dem Reiche platonischer Ideen entlehnen darf, soll es sich nicht selbst verlieren, dessen
Charakter von einem modernen Ästhetiker (J. Cohn) glücklich mit dem Ausdruck der «Inselhaftigkeit»
formuliert worden ist, kann als solches gar keine, von der innern der scharfenden Individualität abzu-
lösende Geschichte haben, sondern nur als Kulturprodukt, das heißt, wenn es in den Kreis der wirt-
schaftlichen, sozialen, technischen Mächte dieses Lebens tritt. In diesem Sinne bitten wir also den
obigen Titel aufzufassen. Von dem Einzelwert des Kunstwerks — im weitesten Sinn gesprochen —
wird demnach im folgenden sehr wenig die Rede sein, desto mehr und fast ausschließlich von dem
Wert und der Bedeutung, der ihm als Exponenten kulturgeschichtlicher Entwicklungsreihen eigen ist.

XXIX. 23
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