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Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 57
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Nr. 4

Lust im Sturm

Wenn der Sommerregen fegt
Und die Winde singen,

Halm und Kraut sich niederlegt
Und die Wälder klingen,

Wie von tausend Harfen ein
LaitenvoUes Sausen,

^Uuß ich mit im Wetter sein,

Im Gestürme draußen.

bturm und Regen macht mich froh,
^eel' und Sinne heiter,

^inge mit unisono,

Wie ein kampfbereiter
Landsknecht, der zur Trommel singt
Und voran dem Haufen
Die zerfetzte Zahne schwingt.

In den Zeind zu lausen.

Dtta Julius Bierbaum.

&

Liebe und das Weib

Wenn ich von den Frauen Gutes rede,
wird man sagen, ich kenne sie nicht: rede
. Schlechtes, so wird man sagen, sie hätten
m'ch vor die Thür gesetzt..

r>as soll mich aber nicht hindern, Gutes
Und Schlechtes von ihnen zu sprechen.

Bei der Liebe hat die Erinnerung das
Schöne, dass sie nur das Lächeln der geliebten
Gesichter bewahrt.

Die Liebe ist eine Frucht, die man pflücken
muss, ohne dabei den Zweig zu zerbrechen.

Die Liebe ist ein Faden, den das Weib an bei-
den Enden hält und den es uns aufwickeln lässt.

Der Liebesbrief ist ein Wechsel auf Sicht;
man muss stets bezahlen; gleichviel in welcher

Münze.

Anfänge gibt es nur bei den wirklich vor-
nehmen Frauen, denn bei den andern fängt
man immer beim Ende an.

Jede Liebe, selbst die Mutterliebe, hat ihre
Angst und ihre Qualen. Gott hat für jede
Freude ein Leid geschaffen. Eine der Para-
diesespforten führt direkt in die Hölle.

Um zu wissen, wie eine Frau hassen kann,
muss man sich erinnern, wie man sie geliebt hat.

Die Liebe ist wie die starken Liqueure;
man mag noch so sehr behaupten, sie tödten,
man kehrt stets zu ihnen zurück.

Die rothe Rose ist das Symbol des Schmerzes,
da sie mit dem Blut der Venus gefärbt ist.

Das Weib verzeiht nur, wenn es Unrecht hat.

In der Liebe, wie in der Poesie, kommen
die Narren weiter, als die Weisen.

IN arreii --,

Die Liebe ist die schönste Erfindung, die
die Alten für die Modernen gemacht haben.

Die Scham ist erhaben, denn sie ist die
Natur, die sich vertheidigt. Die Prüderie ist
widerlich, denn sie ist nur eine Maske. Hinter
der Scham steht ein Weib, hinter der Prüderie

nur eine Gans.

Die Feste der Liebe gleichen den Festen
der Gesellschaft; man muss fortgehen, ehe die
Kerzen ausgelöscht werden.

In der Politik wie in der Liebe vernichtet
das erste Zugeständniss die Macht.

Die Freundschaft lebt von ihren Renten,
die Liebe isst ihr Kapital auf.

Man wird immer noch etwas Neues über
die Frauen sagen können, so lange noch eine-
auf der Erde bleibt.

Der König und der Gatte, die Zugeständ-
nisse machen, sind Herrscher, die vor der Ab-
dankung stehen.

Seit der Erschaffung der Welt ändert sich
das Kleid, doch das Weib ändert sich nicht.

Der Mann würde immer geradeaus gehen,
wenn er nicht bei jedem Schritte auf die Frau
stiesse. Sie ist ein reizender Reisegefährte,
der aber seinen Weg nicht kennt und uns
hindert, den unsern zu finden.

Die Frauen sind ganz gut oder ganz schlecht;
das richtet sich nach dem Manne, der sie führt
— genau wie bei den Vollblutpferden.

Die Frauen, die uns nur Bewunderung ab-
ringen, gleichen den Tragödien Racines; sie
sind zu vollkommen. Diejenigen, vor denen
wir wie vor einem Fragezeichen stehen, sind

uns lieber.


.-.a nicht alt, sie

Um das Alter einer Frau zu erfahren, muss
man sie und ihre beste Freundin danach fragen.
Sie wird dreissig, die Freundin wird vierzig
sagen, und man nimmt dann den Durchschnitt,

nämlich fünfunddreissig. ,

b Arsene Houssaye.

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Otto Julius Bierbaum: Lust im Sturm
Ludwig Ritter v. Zumbusch: Die Hexe
Arsène Houssaye: Die Liebe und das Weib
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