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Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 4

JUGEND

1899

Nein Märchen Franz Hein (Grötzingen b/Karlsruhe).

Ws war ein schlankes Königskind,

Schön, wie sie nur im Märchen sind,
Das Haar wie Gold, die Glieder weiß,
Die junge Seele keusch wie Lis.

Lin Unihier kam, ein wüster Bär,

Lin zottig Vieh, und dumm und schwer;

Der freite sie; sie sagte „3a“ —

Den Ausschlag gab die Frau Mama. —
War's ein verwunsch'ner Königssohn?
Das Märchen meldet nichts davon,

Ls meldet nur das Line, daß
Sie arm war und -—- er hatte was!

Das ist abscheulich, wie Du meinst —
3Rein Freund, es ist noch heut' wie einst:
Wenn Lr was hat, so kriegt er sie,
Und wär' er auch das größte Vieh!

Linger Longer Loo

^Cmselschlag

©rüb senkt sich nieder
Der JSpätmärztag.

Hör' ich Dich wieder,
Mein |Imselschlag?

JIus knospigen Zweigen»
Verdämmernd schon,

Im ^Tbendneigen,
ßüss lockender Ton,

Gleich Kindheitsahnen
In Knabenbrust,

Von dunkeln Dahnen
Hoch ungewusst.

Von CDärchenländern
Und JJrührothglanz.
Von Duftgewändern
find €(lfentanz.

Verklungener ^Saiten
€{in schluchzender Klang-
Durchrungener Zeiten
€(in Jäturmgesang.

Gebangt, gelitten,

Tirilit, tirilit.

Verlangt, erstritten,
Tirilit, tirilit.

CDax Halbe-

Vater

Die heissen Sonnefl'
strahlen finden keinen Ein'
lass in das verdunkelteZim'
mer. In einem hohen, 5>'
terthümlichen Stuhle sitz1
eine zusammengekauerte
weibliche Gestalt, in nach'
lässiger, dunkler Kleidung-
In das weisse Gesicht, da5
tief auf die Brust herabge'
stinken ist, fallen Strähn6
schwarzen Haares. Ein Paär
grosse, dunkle Augen stai"
ren heiss und thränenlo5
vor sich hin.

Tiefe Stille ringsum; ntif
aus dem Garten tönt $
und zu das schrille Län
men der Spatzen; aus def
Halle unten hört man ein6
Zeit lang das regelmässige
Fegen eines grossen Re1'
sigbesens. — Die Leute
sind Alle draussen auf den'
kleinen Dorfkirchhof.

Jetzt muss es vorüber
sein!

Hat sie nicht die harten
Schollen eben auf den kle>"
nen Sarg stürzen hören?

Die Frau fällt ganz i*1
sich zusammen und press1

s8
Linger Longer Loo: Kein Märchen
Max Halbe: Amselschlag
Max Grad: Vater
Franz Hein: Zeichnung zum Gedicht "Kein Märchen"
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