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Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 59
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Nr. 4

1899

. JUGEND -

die Hände vor’s Gesicht. — Weinen kann
sie noch nicht. Ein eiserner Reif liegt um
den Kopf, Brust und Kehle sind ihr wie
zugeschnürt.

Nun sollte sie niemals wieder den klei-
nen, rothen Mund küssen, der eben die
ersten Worte gestammelt hatte.

„Vater!“ Nein! Nur das nicht!

War dies Schreckliche, Unfassbare nun
die Strafe, dass sie es nicht hatte hören
wollen?

Und diese lieben, schönen Augen!
Seine Augen! Die tiefen, dunkeln!

Wo mochte er jetzt sein! Hoch oben
im Norden in seiner Heimat, vielleicht
sorglos und guter Dinge, während man
sein Kind begrub. Sein Kind!

Sie nimmt eine Photographie vom Tisch;
ein schönes, etwa einjähriges Kind. Helle
Locken umrahmen das Gesichtchen, die
Augen blicken seltsam klug; um den fein-
geschnittenen Mund ist ein Zug von
Schmerz.

Dann steht sie hastig auf und nimmt
0us dem verschlossenen Schreibtisch noch
^in anderes Bild und legt es vergleichend
daneben.

Zug um Zug!

Die Frau stöhnt laut auf. Das Bild fällt
zu Boden und sie sinkt wie leblos in den
Stuhl zurück. Sie ist aber vollkommen bei
Besinnung. Auf der weis-
sen Stirne stehen kleine
Schweisstropfen; die Ge-
danken arbeiten mit grau-
samer Macht und Klarheit,
mit erschreckender Deut-
lichkeit steigt Bild um Bild
vor ihr auf.

Diese langen fünfjahre!

Die ersten ihrer Ehe, hier
draussen auf dem eins! -
men Gut. Ohne Sorgen,

Mühen und Aufregungen,
fast wunschlos hatte sie
dahingelebt.

Den nervösen, lebhaften
Gatten, der den ganzen Tag
draussen war, das ausge-
dehnte Gut zu besorgen,
sah sie wenig; Tage lang
oft nur bei den Mahlzeiten.

Sie hatte so viele, viele
einsame Stunden zum Den-
ken — und das erschwert
das Vergessen. Mutter zu
sein, war ihr nicht ver-
gönnt. Sie konnte es sich
mch nicht vorstellen, wie
es wäre, ein Kind zu haben.

Dann kam der harte,
schwere Winter, der ihr die
lange Krankheit brachte.

Im Vorfrühling begleitete
sie der Gatte langsam und
mit Ruhepausen nach Ita-
lien zur Erholung. Bald
musste er sie wieder allein
lassen, das Gut konnte
seinen Herrn nicht ent-
behren.

Und dann, — wie er kam,

— der herrliche Tag! Heute noch kann
sie die Empfindungen von damals nach-
fühlen.

Drunten am Meer lag sie in ihrem Stuhl,
liess die kräftigende, salzige Luft auf sich
wirken und die Wellen rauschten und
plätscherten geheimnissvoll zu ihren Füs-
sen. Mit geschlossenen Augen, empfand sie
die Körperschwäche beinahe wohlig. Halb
war’s ein Träumen, — halb ein Vergössen.
Wie sie dann aufgefahren war! Diese

Stimme! —

Da stand er, — einige zwanzig Schritte
von ihr und liebkoste seinen grossen Hund.
Sie hatte auf die Erscheinung gestarrt, als
wäre ihr ein Gespenst am hellen Tage
erschienen.

Breiter und bärtiger war er geworden,
sonst sah er noch aus wie damals, — als
ein hartes Geschick sie trennte. Verhält-
nisse, über die sie Beide nicht hinaus
konnten. — Er bemerkte und erkannte sie,
war betroffen und tief bewegt. Ein Zufall
hatte sie nun zusammengeführt; damals,
als sie sich auf immer selbst von einander
geschieden hatten, hatte Keines die Qual
eines Wiedersehens gewollt.

Wunderbare Tage folgten diesem einen.

Er hatte die gleiche Villa bezogen, worin
sie die Einsamkeit gesucht, und wich nicht
mehr von ihrer Seite. Er hegte und pflegte

Plakette

sie, an seinen Armen lernte sie das Gehen
wieder, von seiner Hand gestützt, wagte
sie sich hinein in die blaue, schmeichelnde
Fluth, die ihre Glieder so wunderbar stärkte.

Ein dichtes Netz feiner, goldener Fäden
wob sich um sie Beide, und schloss sie
von der Aussenwelt mehr und mehr ab.

Dann zog ein Mal eine gewitterige,
schwüle Nacht herauf, mit Donner, Blitz
und Sturmeswuth, die sie zu Tode ängstigte
und die Zitternde in seine Arme trieb, die
sich um sie schlossen, mit der ganzen
Gewalt und Leidenschaft lange niederge-
haltener Liebesgluth.

In ihr, der Kühlen, Unempfindlichen,
flammte es auf! Ihre Liebe schien uner-
messlich, grenzenlos. Sie fragte nach
keinem Recht mehr und dachte an kein

Ende.

Mitten im Liebestaumel überraschte sie
ein Brief des Gatten, der den ernsten
Wunsch ausdrückte, sie möge nun end-
lich, hoffentlich neugestärkt, nach Hause
zurückkehren.

Sie erwachten, jäh aufgeschreckt aus
ihrem Traum.

In der Verzweiflung wollte sie sich
tödten. Er suchte ihr Trost zu spenden,
und hatte doch selber keinen, — einen
Ausweg fanden sie nicht. Scheidung? Die
Hindernisse einer vergangenen Zeit lagen
jetzt erst recht thurmhoch
zwischen ihnen; an eine
Existenz zu Zweien war
nicht zu denken. Durch
einen günstigen Zufall nur
war es dem unbemittelten
Künstler vergönnt gewe-
sen, die Studienreise nach
dem Süden zu machen. Zu
Hause hatte er eine hilf-
lose Mutter und zwei un-
versorgte Geschwister.

Keine Hoffnung, — kein
Stern für die Zukunft!

Und so trennten sie sich
abermals. Trübe war er
wieder nach Norden ge-
zogen, — müde und ge-
brochen an Seele und Her-
zen war sie in die Heimat
zurückgekehrt. Da lebte
sie das alte Leben. Und
doch nicht das alte! Ein
neues keimte und wuchs
und sein Werden erfüllte
sie mit Schrecken und
Wonnen zugleich.

An einem klaren, eisigen
Wintermorgen wurde das
Kind geboren. Es war ein
Mädchen! Ihr war das
recht. Nun würde es doch
vielleicht nicht immer den
gestohlenen Namen tra-
gen und ihn weitergeben
müssen. — —

Die Freude war gross;
nach langen fünf Jahren
heissen Höffens und Har-
rens. Der rastlose, ner-
Rud. Bosselt (Frankfurt a. M.). vöse Mann wurde ruhiger

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Rudolf Bosselt: Eva (Plakette)
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