Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 1 (Nr. 1-26)

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Satana??

(3u dem Bilde von Lidus)

O Wcib, Du rathsclvollstes aller Wesen,

Dem Höchsten, ivic dem Niederste» so nah,
Mir bist Du niemals Satana gewesen.

Mir warst Du immer nur die PictL.

Wohl schlug auch Deine Hand mir

ihre Wunden!

Doch immer ehrlich, im gerechten Krieg!

Der Liebe Süßestes hat nie empfunden.

Wer Dich erkauft durch mühelosen Sieg.

Nicht ohne Widerstand Dich zu ergeben.

Ist ja Dein Recht —, und Deiner

Schönheit Reiz!

Doch, was uns elend macht, das ist —

das Leben!

Oie Sorge schlagt »ns ewig an daö Kreuz!
Haß, Neid und Dummheit peitschen uns

mit Ruthen

Und mit der Dornenkrone naht die Noth,

Oie Stirnen uns zu krönen, daß sic bluten
Und treibt uns langsam täglich in den Tod.

-Dann aber nahest Du! Und nimmst

uns wieder

Vom Kreuz des Alltags, ob wir nackt

und bloß.

Und bettest unsre kampfgcqualtcn Glieder
Und unser wundes Haupt in deinem Schooß!
Da öffnen stumme Lippen sich, cs biegen
Sich starre Arme und in Seligkeit
Erwachen, die au Deinen Brüsten liegen —

— Denn was Du gibst, ist

Weltvergessenheit!
O Weib! Du rathsclvollstcS aller Wesen!

Dem Höchsten, wie dem Niedersten so nah!
Mir bist Du niemals Satana gewesen —»
Mir bist Du immer nur die Pietä.

C. t'lninbera:

Wie der Ruiisrmcrlcr Tycho Brahe
seinen pfiegecltcrn imponieren wollte,
die ihm aber doch kein Bild abkauftcn,
weil er es gar zu roll trieb.

Von Otto Srautoff

^hchoBrahc, ein wilder übermüthigerJunge, Halle
cv/ mit neunzehn Jahren das Ghinnasiuin in Bremen
absvlvirt, nun sollte er Kaufmann iverdcn, so wünsch-
ten und wollten cs sein Vormund und seine Ver-
wandten, damit etivas Ordentliches aus ihm würde.
Einzig und allein seine sauste Mutter trat für ihn
ein; sie war es auch, die cS durchsetzte, daß Thcho
nach München gehen durfte, um seiner Sehnsucht
Ziel und Wunsch zu erreichen. Er ivollte Maler wer-
den, und sein glückliches Talent entwickelte sich
heiter und rasch; doch seiner Kräfte Uebermaß floß
auch hier über in schalkhaften, tollen Streichen, von
denen seine kühne Laune einen au den andern reihte
in harmloser, fröhlicher Folge.

Nach dreijährigem Studium an der Akademie
und einem weiteren Jahre eigener Arbeit trat Thcho
Vrahc zum ersten Male vor die Ocsfentlichkeit. Der
Erfolg, war glänzend; der junge Künstler halte
sogar zwei Verkäufe zu verzeichnen. Als diese
Meldung seine Bremer Anvcrivandten erreichte,
in deren Augen er bis dahin als ein verkommener,
mit lasterhasten Neigungen behafteter Mensch, von
dein man ungern in ihren Kreisen sprach, galt, da
gingen sie in sich. Ein Künstler ist doch eigentlich
nichts. Nun aber hatte Thcho Brahe Geld verdient,
4500 Mark, obwohl er gar keinen Beruf hatte.
Das machte Eindruck. Also machte sich Senator
Marcellus Stoltcrfoth auf, um seinen Pflcgesohn,

den Kunstknalcr Thcho Brahe, in München zu be-
suchen.

ES war kurz nach Schluß des OktobcrsesicS, als
eines Abends Thcho Brahe in einem Kreise von
Kollegen und Kolleginnen in der American Bar saß:
am Vormittage desselben Tages hatte Thcho die
Nachricht erhalten, daß Senator MarccllnS Skoltcr-
foth übermorgen am Samstag Nachmittag 4.30 Uhr
mit dem Schnellzuge auS Hamburg in München cin-
trüfe; seine Gemahlin GvSivida ivürde ihn begleiten
und er bäte Thcho, seinen Pslegesohn, sie Beide am
Bahnhos zu erwarten. Thcho war für dieses Mal
die Laune für den Schlaraffia-Abend verdorben:
die Nachricht quälte und bedrückte ihn, und er ries
ein Mal über daS Andere: „Kinder-, Kinder, wnS
soll ich blos mit den steifen, alten Pluiupsäckcn hier
ansnngcn?"

Plötzlich sprang er aus und rief über den ganzen
Tisch: „Kinder, ich hab'S! — Kellner, eine Flasche
Sekt! — Ich Hab keine Lust und auch gar keinen
Grund, diesen Herrn Senator, meinen Pflegevater,
ernst und würdevoll, zu empfangen; diesen steifen,
vertrockneten Bohnenstangen muß man imponieren.
Das ist daS einzige Mittel, ihnen Respekt vor der
Kunst einzutrichlern; man muß ihnen beibringen,
daß die Kunst ein gutes Geschäft ist, daß man durch
die Kunst viel Geld verdienen und daß man durch die
Kunst spielend die höchsten, gesellschaftlichen Ver-
bindungen anknüpfen kann; dann werden sic ein-
sehen, daß Kunst ein lukratives Handelsobjekt ist;
und ich habe gewonnenes Spiel. Zum Schluß kaufen
sic mir vielleicht sogar noch ein Bild ab."

Thcho Brahe strahlte über das ganze Gesicht;
dann fuhr er fort: „Ja, und ihr müßt mir alle helfen.
Erst einmal müssen wir meine Wohnung Herrichten,
mit alten Renaissancemöbeln reich und behaglich
ausstnlten; an die Wände kommen die Karikaturen
von der Oktoberfcstwicse, aber nur soweit man sic
halbtvegs ernst nehmen kann. Aus Deinen Lcn-
bachschen Mommsen schreibst Du, Hans Schröder,
recht groß eine Widmung: „Seinem lieben Thcho
Brahe Franz von Lcnbach."

Die ganze Gcsellschast brach in ein schallendes
Gelächter auS und Mine Ting, die Knnstgeiverblerin,
rief einmal über das Andere: „FamoS, famos!
Thcho, Du bist ein Mordskerl."

Sie saßen noch lange beisammen und beriechen
hin und her. Am SamSlag Abend sollte in Thcho
Brahe's weiträumiger Wohnung ein großes Souper
staltfindcn, „mit allen Schikanen", ivie Mine Ting
betonte. Jeder bekam eine Rolle zugethcilt. Der
Eine sollte als Lcnbach kostümiert, der Andere als
Fritz August von Knillbach, der Dritte als Defregger,
der Vierte als Grützner erscheinen u. s. >v.; absolute
Aehnlichkeit mit den Koryphäen der Münchner Kunst
war durchaus nicht erforderlich, denn Herr und Frau
Stoltcrfoth kannten ja keinen dieser Künstler.

Einmal, als schon so ziemlich alle Rollen vcrthcilt
waren, meinte HnnS Schröder, einer müsse doch auch
als Franz Stuck austreten. „Na, na," sagte Tucho
Brahe, „so weit sind die noch nicht in Bremen. Für
die gilt heule gerade Böcklin als der Modernste, der
Revolutionärste — als das, was in der Politik die
Sozialdemokratie ist. Stuck — vielleicht haben sic
den Namen in Bremen auch schon gehört — wäre
für sie die absolute Anarchie. Und das kann man
einem Herrn Senator aus Bremen nicht zumuthen,
daß er mit Anarchisten zusammen am Tische sitzt."

Alles lachte, und Mine Ting rief wieder einmal
über das Andere:

„Thcho, Du bist ein Mordskerl."

Schließlich. aber entschied man sich doch dafür,
daß der Anarchist Franz Stuck am Samstag Abend
erscheinen sollte. Paul Bömmler ivurde für diese
Rolle bestimmt, weil er ein gar so fürchterlich ver-
wegenes Aussehen halte und sich durch den wildesten
Haarivuchs nuszeichnele, wie man ihn nur bei Anar-
chisten zu finden pflegt.

Der Hamburger Schnellzug fuhr mit der üblichen
Verspätung brausend und prüschtcud in die Halle.
DcrStrom der Reisenden ergoß sich aus den Waggons
und sluthclc auf den Perron. Als Letzte entstiegen
einem Coups erster Klasse ein würdiger, aller Herr
mit strengem, steifem Gesicht, dessen hvchrolhc Farbe
von einem weißen jiucbelbnrt umrahmt war; er
war seiner Gattin, einer wenig jüngeren Dame in

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Fidus (Berlin)
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