Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 309
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Fidus (Berlin


schaftliche Bedeutung und die Liebe Ihrer Schüler
beruft. Nochmals: Leben Sie wohl!"

Ohne aufzusehen, zog er mit hastiger pand
das Schriftstück an den Schwiegervater des ver-
storbenen aus dem Umschlag und las mit ge-
spanntem Blick:

„Lieber, verehrter Vater! Mein Freund Dr. Geb-
hard hat Dir mitgetheilt, was geschehen ist, aber
noch bin ich selbst Dir Rechenschaft schuldig über
die Gründe, warum ich aus dem Leben gehe. Ich
entschließe mich dazu nach reiflicher, ruhiger, vier-
undzwanzigstündiger Ueberlegung.

Alles Glück, das mir das kärgliche Leben bot,
sandte es mir durch Euch, liebe Eltern, und Eure
geliebte Tochter. Ihr wurdet dem Sohn der so
früh Heimgegangenen Freunde die warmherzigsten
Berather und Tröster, und Ihr wart bereit, ihm
Euer höchstes Gut anzuvertrauen: Euer einziges
Kind. Aus tiefster Seele bin ich Luch dankbar
dafür gewesen, daß ich nicht wie so viele junge
Leute familienlos meine Abende auf einsamer
Bude verbringen mußte; daß mich nicht der
junger nach Menschen in Kneipen und Kaffee-
häuser trieb, sondern daß ich an Euerm perde
mich wärmen durfte, wenn es mich in meiner
Einsamkeit fror. Und noch mehr pries ich das
hohe Glück, daß schon in jungen Jahren eine tiefe
Liebe mein ruheloses perz schirmend umstoß und
umfriedete; daß in ihrem reinen Strom mein
heißes Blut von wilden Begierden sich freibadete
und keinen Durst mehr empfand nach verbotenen
oder vergifteten gZuellen der Sinnenlust.

Als ich gegen Ende der Referendarzeit zur
letzten Station ans Kammergericht nach Berlin
versetzt wurde, da war es nicht ,Leichtsinn ver-
liebter Leute*, wie Du meintest, wenn ich Dich
allen Ernstes bat, vorher Martha heiraten und
sie als meine junge Frau nach Berlin mit mir
nehmen zu dürfen. Ich hatte eine so namenlose
Angst, mich von meinem lieben Schutzgeist zu
trennen. Aber Du bliebst fest gegen unsere Bitten.
Erst sollte ich mein Examen bestehen und dann
mit einem garantierten Mindesteinkommen als
jüngerer Kollege beim alten Iustizrath eintreten.
Ihr seid keine Proletarier, sagtest Du; in unseren
Kreisen heiratet man nicht, bevor man in der
Lage ist, ein standesgemäßes Familienleben zu
führen. M, das Standesgemäße! Dieses furcht-
bare Phantom! wieviel blühendes Leben hat es
schon grausam verzehrt! wieviel kraftstrotzende
Jugend schon im Kerker gefangen gehalten und
welken lassen! Ach, könnt ich den Massenmörder
mit mir in den Abgrund reißen! An diesem
Todfeind wird die bürgerliche Gesellschaft noch zu
Grunde gehen! Standesgemäß, so heißt der Ver-
räther, der sich in ihre Kreise eingeschlichen hat,
um ihnen das Mark aus den Knochen zu saugen
und sie ihren Feinden auszuliefern, wenn wir
diesem Tyrannen nicht bald den Garaus machen,
so wird der Tag kommen, wo es großen Schaaren
unserer Klassengenossen wie Schuppen von den
Augen fallen wird, daß sie, von ihm um das
Beste betrogen, auf das Schändlichste ausgewuchert,
es tausendmal schlechter haben, als die von keiner

Repräsentationspflicht geknebelten -'Proletarier,'und
wo wir zu ihnen überlaufen'und mit ihnen ge-
meinsame Sache machen werden. : .

Es liegt mir fern, lieber Pater, Dir einen
Vorwurf zrr machen, Du wolltest unser junges
Glück uns nicht bewilligen, weil- Du es-, nicht
konntest,, nicht durftest; weil Du, ich, wir alle
nach dem. Befehl der Gesellschaft handeln, nach
ihrem Kopfe denken müssen. D diese phartzäerin,
sie läßt keine Gemeinschaft gelten als die Ehe,
jede andere ist durch sie schuldvoll oder schrnutzig
.geworden; die Ehe allein preist sie als sittlich,
gottgefällig, heilig; malt . sie uns--in verlockenden
Farben; hält sie unseren dürstenden Lippen als
köstliche Frucht vor, aber wenn sich junge pände
sehnend danach ausstrecken, zieht sie sie höhnend den
armen Tantaliden fort aus unerreichbarer Nähe.
Diese Heuchlerin, die sich auf allen Gebieten
geistiger Arbeit mit flacher, dutzendmäßiger Durch-
schnittsleistung schon zufrieden gibt, sie verlangt
Pelden und Märtyrer der Moral.

Ach, hätte ich mich von meiner Martha nicht
zu trennen brauchen, hätte ich meine Martha mit-
nehmen dürfen, wie wäre alles anders gekommen,
so traulich, so schön, so beseligend glücklich ! Martha
und ich hatten es ja ausgerechnet, mein weises,
liebes Pausmütterchen hatte Euch ja einen wirth-
schaftsplan vorgelegt, nach , dem wir blutwenig
gebraucht hätten, uns behaglich und gemüthlich
einzurichten, wie lustig hätten wir junge Lhe-
leutchen miteinander gehaust; wie warm und sicher
geborgen wäre ich daheim in unseren zwei Stübchen

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Fidus: Am grossen Gitter
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