Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 12.1907, Band 1 (Nr. 1-27)

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Nr. 14

JUGEND

1907

gefährtin, und nahm sie aus der Kategorie dcr-
j nigen, die weder in Gestalt noch Betragen im
Geringsten von der männlichen Spezies zu unter-
scheiden sind. Valeska Sidonius studierte Medizin,
und wer sie nicht näher untersuchte, konnte wohl
kaum darüber ins Klare kommen, ob er einen
Student oder eine Studentin vor sich sah. Der
Kopf wie rasiert, die Brille, der Schlips und
Stehkragen, der lange Stanbmantel, der Spazier-
stock, die Stiefeletten, ihre unglaubliche Schlank-
heit, die einem Betrachter fast ängstlich die Frage
ans die Lippen brachte, wo sich denn eigentlich
ihre lebenswichtigen Organe befänden. Auch war
sie alt genug, um den Ernst eines solchen Schrittes
zu würdigen, denn sicherlich würde man sie in
nicht allznferner Zeit mit dem Gesänge des ehr
würdigen Holtei'schen Mantellicds haben begrüßen
dürfen, ohne sich einer Verletzung der Wahrheit
schuldig zu machen. Außerdem rauchte sie Ziga-
retten wie eine Russe — kurzum, sie bot in jeder
Hinsicht die notwendigen Garantien für eine glück-
liche Ehe nach dem Schema des großen Künstlers
Sternbald-Finsterwalde.

Sternbald wußte nicht einmal ihre» Namen,
aber er hatte sie einige Wochen beobachtet, sie
hatten im Cafö zusammen geplaudert und er fand
ihre Ansichten ganz mit,den seinigen übereinstim-
mend. So wagte er denn eines Abends im Cafe
den kühnen Schritt. Er begann damit, die junge
Dame zu fragen, was sie von der Ehe halte.

„Von der Ehe? Das!" Damit spuckte sie aus.

„Ein allegorisches Urteil, aber sehr schlagend,"
rief er entzückt. „Doch es gibt auch moderne
Ehen — was halten Sie von denen

„Ah bah — ans Lehm läßt sich keine Torte
backe» I Ehe ist Ehe — 's ist alles beschummelt!"

Niedergeschlagen blickte er vor sich hin.

„Sie hassen die Männer?"

„Nee, aber ich fühle mich als ihresgleichen —
und nieinesgleichen kann ich doch nicht heiraten.
Mein ganzes Streben ist, in jeder Hinsicht ein
Man» zu werden. Ich wollt, ich könnte mein
Jahr abdiencn — es ist eine Schmach, daß man
uns dieses Recht vorenthält."

„Welch wunderbare Seelenharmonie! Mein
Bestreben ist es gerade, die weiblichen Züge in
mir zu entwickeln. Ich bin Feminist, Fräulein;
der Feminismus ist das Ziel der männlichen Ent-
wicklung. Früher zur Zeit unserer Klassiker-Idioten
und später noch hielt man die Entwicklung des
Männlichen im Manne für erstrebenswert, später
fabelte man von der Erhaltung der naiv kind-
lichen Züge — heute setzen wir alles daran, weib-
lich, echt weiblich zu werden! Das Ewig-Weib-
liche zieht uns hinan!"

„Und wir Frauen halten es für
das höchste Ziel, unser Geschlecht männ-
lich zu machen!"

„Sie sind also Männin, ich Femt-
nist — das paßt ganz vorzüglich zu-
sammen. Freilich, wenn Sie prinzipielle
Gegnerin der Ehe sind —"

Sie wandte sich mit einer blitzartigen
Bewegung nach ihm herum. „Ehe —
wollten Sie etwa —"

„Ihnen eine Ehe Vorschlägen — eine
moderne natürlich — aber wenn Sie
prinzipiell dagegen sind —"

„O, da Sie Feminist sind, ist es
etwas andres."

„Wünschen Sie Bedenkzeit?"

„Ich? — Nun ja, solche Hand-
lungen wollen reiflich überlegt sein —
geben Sie mir — zehn Minuten Be-
denkzeit." Und nach zehn Minuten er-
klärte sie, ihren Zigarrenstummel weg-
werfend und mit ihrem Glase auf beit
Tisch schlagend: „9!a meinetwegen —
hier meine Patsche!"

„Wünschen Sie etwas Schriftliches?

Oder eine mündliche Erklärung vor
Zeugen?"

„9* nicht nötig! Das gegenseitige
Avertissement genügt. Wir können ja
gleich alles Nähere vereinbaren. Doch

wir sind verheiratet und wissen noch nicht einmal
unsere Namen. Ich heiße —"

„Halt!" fiel ihr Sternbald heftig ins Wort.
„Sprechen Sie nicht weiter!"

Sie sah ihn verwundert an.

„Eine wahrhaft ideale Ehe," fuhr er fort, „soll
von keinerlei Rücksicht ans die äußeren Verhältnisse
der beiden Vertragschließenden diktiert sein. Der
9Nensch soll allein den Menschen suchen! Damit
wir nun genau wissen, daß wir uns nur um
unser selbst willen heiraten, wollen wir einander
unsere Namen gar nicht mitteilen. Ebensowenig
wollen wir uns je etwas über unsere anderen
Verhältnisse, unsere früheren Schicksale, unsere Ab-
stammung re. mitteilen. Wozu auch? Wir kommen
als neue Menschen zu einander, wir fragen weder
nach Geld noch nach Familie — unsere Verbin-
dung ist ein Akt echter natürlicher Zuchtwahl.
Außerdem ist unsere Verbindung dadurch eine uni
so freiere, ethischere; denn da keins vom andern
auch nur den Namen kennt, hat es nicht einmal
gegebenen Falls die Möglichkeit, die geringsten
Ansprüche an den andern geltend zu machen:
wir sind also in Wahrheit nur durch unseren
ethischen Willen vereinigt. Das ist sowohl originell
und neu, als auch sensationell, und eine ganz neue
Idee zur Lösung des Eheproblems!"

„Entzückend! Superbe! Ganz einverstanden!
Aber wie nennen wir uns dann?"

„Ganz einfach Mann und Weib."

„Es sei — ich bin die Deine, Mann!"

„Und ich der Deine, Weib!"

llnvermählt waren sie gekommen, vermählt
gingen sie nach Hause. Valeska bestand auf eincr
gemeinsamen Wirtschaft, und da sie diese auf
eigene Kosten beschaffte, hatte er nichts dagegen.
Er seinerseits bestand auf einem opulenten Ein-
zngsschmaus, ebenfalls auf Valeskas Kosten, und
bei diesem tat er sich nicht wenig auf den Um-
stand zu Gute, daß er und seine Gattin so blut-
wenig von einander wußten, als hätten sie sich
eben erst auf der Straße getroffen.

Die Tatsache erregte in der Tat Aufsehen und
trug dem Künstler mehrere hundert enthusiastische
Briefe von Gymnasiasten und Pensionsfränleins
ein, in welchen diese ihn ihrer begeisterten Zu-
stimmung versicherten und ihn als den Begründer
einer neuen Aera der Ehe verherrlichten.

In der Praxis dieser Ehe sah es inzwischen
um so schinnnliger aus. „Mann" konnte sich nicht
entschließen, dem veralteten Grundsatz, daß der
Mann für die Familie zu sorgen habe, irgend-
welche Konzessionen zu machen; was er verdiente
— wenig genug — brauchte er selbst und auch

L. Prochownik (Berlin,

das noch dazu, was man ihm kreditierte, und was
dann noch fehlte, mußte „Weib" ihm vorstrecken.

Nach einige» Wochen hatte „Weib" es satt.

„Weib, ich biir in der tödlichsten Verlegenheit

— Ehrenschuld von 150 Mark — kannst Du mir
aushclfen?"

„Bedaure, Alaun. Habe selber nichts mehr.
9Rein bischen Vermögen ist drauf gegangen bei
dem liederlichen Leben, das Du führst."

„Ta? ist nicht wahr," rief er zornig. „Dil
willst bloß nicht! Du hast noch Geld, noch viel
Geld!"

„Schafskopf, ich muß es doch besser wissen als
Du!"

„Du hast noch über 5000 Mark — 1000 hast
Du mir gegeben — 1500 kostet die Einrichtung

— 1000 haben wir verbraucht —"

„Donnerwetter, woher weißt Du das so genau?

Es ist alles Humbug, was Du sagst!"

„Lüge nicht! Ich habe mich vorher ganz ge-
nau bei einem Auskunftsbüreau erkundigt!"

„Also Du hast Dich nach mir erkundigt, eh
Du mich genommen hast? Und das nennst Du
natürliche Zuchtwahl?"

„Denkst Du, ich kaufe die Katze im Sack?
Und noch dazu 'ne Katze wie Dich?"

„Ich war leider so dumm, 'nen Hund wie Dich
zu kaufen, obwohl man inich gewarnt hatte —"

„Ah, Du hast Dich also auch nach mir er-
kundigt ? Sehr nett! Noch einmal: willst Du mir
das Geld geben?"

„Einen Tritt, aber kein Geld!"

„9!cnnst Du das eine ethische Ehe?"

„Wenn Du Dich einen ethischen Ehemann
nennst, ja!"

„Wenn es Dir nicht paßt, kannst Du Deiner
Wege gehen!"

„Du bist wohl verrückt? Mein ist die Wirt-
schaft, ich habe das Logis gemietet — Du bist
bloß als Astermietcr gemeldet — wenn Du mir
zu viel Späne machst, fliegst Du ransl"

Demgegenüber blieb ihm nichts übrig, als klein
beizugeben. Ja, noch mehr, da er wenig arbeitete
und viel Geld brauchte, geriet er bald in die un-
würdigste Knechtschaft. Obwohl weder kirchlich
eingesegnet noch standesamtlich getraut, ward er ein
Pantoffelheld ersten Ranges. Seine Frau hielt
den Daumen auf das Geld und ihn unter der
Fuchtel. Sie drehte den Spieß um und machte,
was sie wollte, während er sich, wie der Volks-
ausdruck lautet, nicht rippel» durfte. Schließlich
hatte sie es überhaupt satt, für ihn zu arbeiten
und setzte ihn ohne viel Zeremonien auf die
Straße.

So endete seine dritte Ehe — kein
Wunder, daß er nach dieser neuen
herbe» Erfahrung unter die Weiber-
feinde ging und die Ehe selbst in ihrer
modernen Form als eine Institution
des Teufels verachtete und schmähte.
Legte ihm später einmal jemand die
Frage vor, warum er denn ledig bleibe,
erwiderte er mit bitterem Lächeln:
„Ledig? Ich bin zum dritten Mal
Witwer-, und will es bleiben, bis —
die Frauen reif zur Ehe ge-
worden sind!"

'wahres Geschichtchen

Lin Rekrutenoffizier prüfte seine
Leute auch ans ihre vaterländischer!
Gefühle hin. Er stellte unter anderem
hiebei die Frage: „kver war Bismarck?"

Einige gaben ihn als „Fürschien"
oder „Grafen" aus. Liner meinte:
„Bismarck war der Feldwebel vom
Kaiser Ivilhel m." Der nächste ver-
sicherte, Bismarck sei ein „preiß" ge-
wesen. Lin „frommer" Kaiholik aber
behauptete: „Bismarckwar ein „Pro-
cestant!"
Leo Prochownik: Vignette
[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichtchen
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