Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 14.1909, Band 2 (Nr. 27-52)

Seite: 1064
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zu verleihen, fehlt es freilich heute so weniz wie
ehedem. In der bis auf weiteres neuesten Schiller-
biographie, in der von Karl Berger, heißt es vom
frommen Knecht Fridolin, er sei „ein Held im
Dienen und Dulden", und vom Bitter Toggen-
burg, er sei „ein Held in der Bemeisterung der
eigenen Begierden." CEttt merkwürdiges Helden-
tum! Der Line gehorcht kindlich einer sanften
Gebieterin und hält sich als Ministrant in einer
Kirche auf, während der Himmel eine ihm gänz-
lich unbekannte Gefahr abwendet; der Andere,
dessen angebliche „Begierden" auf alle Fälle höchst
gesittet sind, schmachtet viele Jahre hindurch nach
dem Fenster einer Geliebten, die ihn von Anfang
an verschmäht hat, und sieht darin die Lebens-
führung eines Mannes. Leider versagt die Ber-
gersche Schillerbiographie noch an anderen und
wichtigeren Punkten; alles beschönigend, alles
zum Gefällig-Einschmeichelnden glättend und zu
einem Ja der Bewunderung immer bereit, be-
deutet dieses Werk, trotz mancher Verdienste, für
die ästhetische Unterweisung der Nation einen
Rückschritt.

Ein großer Mensch und ein großer Dichter,
nicht aber einer der größten Künstler — auf diese
Formel wird sich, so scheint es, die Zukunft, wenn
sie von Schiller spricht, einigen; wobei weder in
Abrede gestellt werden wird, daß er in seiner
Lyrik einzelne vollendete Kunstwerke geschaffen
bat, noch daß er in der Wallensteindichtung das


Höchste dramatischer Kunst nahezu erreichte. Kritik
mit Pietät und Pietät mit Kritik zu verbinden, ist
ihm gegenüber unsere Aufgabe, wenn der Pracht-
mantel seiner Poesie einige schadhafte Stellen zeigt,
so hat er doch tausend Schönheiten, die für uns
erst aufs neue zu entdecken sind, und wenn er als
Künstler hinter Goethe und Shakespeare zurück-
sieht, so sind doch seine Bühnenwerke von noch
heute nicht versiegter hinreißender Kraft. Selbst
Emil Mauerhof, der in seinem Buche „Schiller
und Heinrich von Kleist" das Schärfste gegen
Schillers Dichtung gesagt hat, Geistvolles und
wahres, aber, bei der Maßlosigkeit seines fchrift-
stellerischen Temperamentes, auch sehr Ungerechtes,
bekennt doch am Ende, daß Schiller „unter Aehn-
lichen seiner Art noch für lange Zeit hin der erste
bleiben wird, daß er die Corneille und Racine,
die Ealderon, Alsieri und Byron an Herzensbildung
wie dramatischem verstände, an Phantasie wie
Sprachgewalt — sie alle insgesamt zumeist uner-
meßlich überragt". Aber Schiller gilt uns noch
mehr: er ist die Hälfte der Geifteskultur, mit der
sich Deutschland in den Tagen von Weimar an
die Seite, ja an die Spitze der neueren Völker
gestellt hat, er ist ein Erzieher unserer Nation
zur Freiheit geworden, sein Leben ist ein Vor-
bild des heroischen, arbeitsvollen Ringens um
die edelsten Ziele des Menschentums, und der
Gedankengehalt seiner Werke bildet eine ins Un-
endliche fortwirkende Ideenmacht.

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A. Schmidhammer (München)

Murbringer

„Der Menge Spott Hab' ich beherzt verachtet."

Schiller

Wie trägt in lebensschweren Stunden,
Wenn sich erschöpft der Mut verlor
Und frisch es rinnt aus tiefen Wunden,
Der Großen Inschrift mich empor!

Erschüttert bis zum Grund der Seele
Vom rohen Metzgerstoß der Zeit,

All mein Vertrauen ich befehle
Den Geistern, die ihr Mut geweiht.

Die, wenn die Sterne rings verglommen
Und jeder Hoffnungsstrahl entschwand,
Mit der Verzweiflung Kraft geschwommen
Entgegen dem verhüllten Strand.

Hoch haben sie emporgehalten
Mit grimmer Faust ihr leuchtend Gut,
Trotz bietend allen Truggewalten
Von Pöbel- und Tyrannenwut.

Da steigt aus sternengoldnen Tiefen
Die Zuversicht, die nie vergeht,

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Karl Henckell: Mutbringer
Arpad Schmidhammer: "Die Räuber" im Münchner Künstlertheater
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