Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 8.1892-1893

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Personal- und Ateliernachrichten

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Personal- u. Nkelirr-Nachrichten

f. 8. Berlin. Die Ausstellung im Verein Berliner Künstler
nach dem Fall Munch ist das geworden, was sich von ihr Voraus-
sagen ließ: ein Bazar leicht verkäuflicher, also mittelmäßiger
Bilder. Unter den ausgestellten Bildern finden sich auffallend
viel Damenmalereien und dann die nirgends fehlenden, von
jedem gemalten und von jedermann malbaren nordischen Marinen.
Die Leute der alten Garde (ach, sie haben mehr die Eigenschaften
des Alters, als die der Garde) vermehrten diese erquickliche Aus-
stellung der Lückenbüßer durch einige Mondscheinlandschaften und
Gewitterböen. In dieser Gesellschaft durste auch der süßliche
Düsseldorfer nicht fehlen und fand sich in G. Zaaks „Über-
raschung bei der Toilette" in der dieser Umgebung gemäßen
Qualität vor. Übrigens war das Bild schon vor zwei Jahren
auf der hiesigen großen Ausstellung zu sehen. Einige Bilder
ließen sich immerhin auch hier ansehen, so Dud ley-Hardhs
in blauem Dust gehüllte „Flucht nach Ägypten". Die reisenden
heiligen Eltern sind mit langen blaugrauen Mänteln bekleidet,
das Kind selbst, das die Mutter unter dem Mantel sorgsam vor
der abendlichen Kühle bewahrt, ist nicht sichtbar. Nur der gelb-
rötliche Heiligenschein der Maria läßt den biblischen Gegenstand
erkennen. Und doch ist das in höherem Sinne Religionsmalerei,
als die gemalten frommen Phrasen eines Psannschmidt oder
Plockhorst. Hümmels Gänse sind eine impressionistische Farben-
studie und als solche gut, es ist aber doch seltsam, ein solches
Bild in demselben Raume zu sehen, aus dem Munch heraus-
geworfen wurde. — Bei Schulte Unter den Linden waren C. W.
Allers Zeichnungen, „Fürst Bismarck in Friedrichsruhe", vor
Weihnachten einige Wochen ausgestellt. Trotz der wenig günstigen
Zeit waren die Säle immer dicht gefüllt und zeigten wieder, daß
es den Berlinern bei Kunstwerken mehr auf den Gegenstand als
auf die Ausführung ankommt. Die Reproduktionen dieses Allers-
schen Bismarck-Cyklus sind überall hingekommen, sodaß ich mich
darüber kurz fassen kann. Wir wußten ja, was wir zu erwarten
halten. Auffallend ist auch bei diesem neuen Allers-Cyklus, daß
die Fürsten und Grafen, Diplomaten und Künstler wieder alle
wie die Verwandten des Künstlers, wie behäbige Hamburger aus-
sehen. Da Allers als erster die intimen Szenen des Bismarckschen
Familienlebens in bildlicher Darstellung festhalten durfte, so wird
sein Bismarck-Cyklus einen hohen historischen Wert dauernd be-
halten. So voll es vor den Allersschen Zeichnungen war,
so leer blieb es immer vor den Bildern von W. Trübner, die
nachher bei Schulte zur Ausstellung kamen. Auch wenn er nicht
den erwarteten Erfolg hatte, blieb immer der Versuch lobenswert,
in einer größeren Anzahl Gemälde das Schaffen eines der tiefsten
und begabtesten unsrer lebenden Künstler vorzuführen. Die Bilder
sind geschickt ausgewählt und zeigen Trübners vielseitige Anlagen;
es ist nicht allein die Vielseitigkeit der Darstellungskreise, sondern
mehr die rühmlichere der Darstcllungsart gemeint. Dann waren
bei Schulte japanische Studien von Fr. Neidhardt ausgestellt,
ich sehe sie mir aber lieber an, wenn sie von Japanern gemalt
sind. Jose Moreno-Carboneros „Einzug des Roger de Flor
in Konstantinopel 1303" ist eine große historische Morithat mit
viel modernen Köpfen in sehr gut gemalten alten Kleidern. Dann
fehlten auch die loyalen Marinebilder bei Schulte nicht. C. Saltz-
mann „Kaiser Wilhelm II. auf der Walfischjagd an Bord des
Duncan Grey am 15. Juli 1892" und das viel schwächere Bild
von Hans Bohrdt „Start der Segelregatta des kaiserlichen
Nacht-Klubs in Kiel am 29. Juni 1892". Ich empfehle beiden
Malern die Lektüre von Lessings Laokoon und namentlich die
Stelle über den fruchtbaren Moment. Ter Fischzug Polyphems
von M. Pietschmann ist in Blau und Gelb etwas grob
gemalt. Berständigeeweise ist das Gesicht Polyphems abge-
wandt, so daß man das eine Auge auf der Stirn nicht zu
sehen bekommt. In Gurlitts Kunstsalon waren Werke des
Berliner Malers Hermann Hendrich zu einer Sonderaus-
stellung vereinigt. Hendrich malt Stoffe der nordischen Mytho-
logie und der deutschen Sage, die uns (und ihm wohl auch)
durch die Wagnerschen Opern näher gebracht sind. Auch Wagner
kam nicht durch zufällige Wahl aus Siegfried und Tristan, son-
dern war durch den retrospektiven Charakter unsrer Kultur und
unfern nationalgermanischen Chauvinismus bestimmt. Aber malen
lassen sich die Helden der deutschen Sage nicht. Sie sind poetisch
gedacht und von einem Volke erdichtet, das damals noch keinerlei
Kunstübung besaß. Die Entwicklung der nordischen Mythologie
wird vorzeitig unterbrochen und sie hat es daher nie, wie die
antike, zu einer künstlerischen Verklärung gebracht. Die diesen
Gebieten entnommenen Vorwürfe sind unkünstlerisch, die künst-

Die Kunst für All- VIII

lerische Form muß ihnen der Maler erst aus eigenem geben und
das ist nicht die Aufgabe des neunzehnten Jahrhunderts. Im
besten Fall sehen diese Bilder wie Illustrationen zu Wagnerschen
Opern aus. Das ist doch auch von den Hendrichschen Bildern
zu sagen, so selbständig er sich auch die phantastischen Gestalten
für seine malerischen Zwecke umformt. Künstlerisch folgt er
manchmal Böcklinschen Anregungen, so besonders auffallend in
der schlafenden Brunhilde, die wie Böcklins Prometheus auf einem
gewaltigen dunklen Felsen gelagert ist und in schemenhafter Form
erscheint. Eine zweite Reihe von Bildern Hendrichs behandelt
das mystische Geinerleben, darin offenbart sich ein Zeichen jener
seltsamen sensitiven Richtung, die von England zu uns herüber-
gekommen ist, dort aber immer noch gesunder erscheint, als bei
uns. Berechtigt ist wohl die malerische Behandlung des spiri-
tistischen Irrwahns wenig, aber so erklärlich, wie der Wahn selbst
und so modern. In einigen landschaftlichen Aquarellen hat Hen-
drich einzelne sanfte Stimmungen glücklich festgehalten. l>nos
8—O. Darmstadt. Im letzten Frühjahr weilte Direktor
Fritz August v. Kaulbach in Darmstadt, um im Auftrag des
Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen einige Porträts von dessen
Schwestern zu malen. Diese Arbeiten sind jüngst von ihm hier
beendet worden und nun (zweite Hälfte des Dezember) auf
einige Zeit im Kunstverein ausgestellt. Für Fritz August von
Kaulbach läßt sich keine dankbarere Aufgabe denken, als diese
schönen, jugendfrischen Prinzessinen zu malen und der Künstler
hat sich seiner Ausgabe mit seltener Meisterschaft entledigt. Es
sind im ganzen sechs Bildnisse, das der Großfürstin Sergius
(Prinzeß Elisabeth von Hessen) in ganzer Figur, stehend, als
Oelgemälde ausgeführt, sowie fünf Pastelle, Brustbilder, nochmals
die Großfürstin, sowie die Prinzessinnen Ludwig von Batten-
berg (Prinzeß Viktoria von Hessen), Heinrich von Preußen (Prin-
zessin Irene von Hessen) mit ihrem kleinen Sohne Waldemar
und Prinzessin Alix von Hessen darstellend. Mit dem großen
Bildnis der Großfürstin Sergius hat Kaulbach ein Werk von
hinreißender Schönheit geschaffen, das unbedingt zu dem aller-
besten zählt, was uns der Künstler je geboten. Die junge Fürstin
steht, obwohl das Bild repräsentativ gedacht ist, in ungezwungener,
ungemein anmutiger Haltung dem Beschauer gerade gegenüber.
Die rechte, mit einem schmalen Perlenarmband gezierte Hand
stützt sich leicht auf einen Sessel, über den ein dunkelblauseidener,
mit Pelz gefütteter Abendmantel hängt, die linke Hand hält eine
Rose. Ebenso vollendet wie der mit einem kostbaren Diadem
geschmückte herrliche Kopf, sowie die edelgeformten Arme und
Hände, ist auch die große Gesellschaftstoilette, mattgelbe Seide
und alles Beiwerk behandelt. Den Hintergrund bildet eine schwere,
dunkle Portiere, die, auf der einen Seite etwas zurückgeschoben,
ein Stückchen Landschaft freiläßt; den Boden bedeckt ein dunkler
Teppich. Die ganze Farbenstimmung ist eine gedämpfte, unge-
mein vornehme. Großfürstin Elisabeth ist dann nochmals als
Profilkopf in Pastell da, dann ihre ältere Schwester, Prinzessin
Viktoria (Prinzessin Ludwig von Battenberg), deren intelligenter
Kopf mit feinem Verständnis gegeben ist, ferner Prinzessin Irene
(Prinzessin Heinrich von Preußen) mit ihrem bald vierjährigen
Söhnchen Prinz Waldemar, — ein echter Fritz August Kaulbach,
junge, glückliche Mutter mit ihrem Kind! Es folgen dann noch diese
zwei Porträts der jüngsten der Schwestern, der Prinzessin Alix,
einmal in Heller Toilette mit großem weißen Gartenhut, ganz
von vorn und dann in schwarzem Kleide, den Kopf zur rechten
Seite gewendet, beides ungemein graziöse Bilder, auf denen der
seelenvolle Gesichtsausdruck der jungen Prinzessin mit feinster
Empfindung wiedergegeben ist. Es wäre sehr zu wünschen, daß
die besprochenen Bilder noch auf einer größeren Ausstellung
erschienen, — Fritz August v. Kaulbach würde mit diesen ent-
zückenden Schöpfungen seinen zahlreichen Verehrern gewiß Freude
bereiten. Die Darstellung weiblicher Schönheit und Anmut in
edelster Auffassung ist sein ureigenstes Gebiet, auf dem es ihm
kein andrer zuvorthut. lisssi

---München. Die Maler Direktor Professor L. von
Löfftz und Professor F. von Lenbach sind von S. K. H. dem
Prinzregenten durch den Michaelsorden > 2. Klasse ausgezeichnet
worden. Ter Kunstverleger Fr. Bruckmann, Begründer der
Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft vormals Friedrich
Bruckmann hat den Titel Kommerzienrat erhalten, Professor
Josef v. Brandt den Verdienstorden der bayrischen Krone.

Dl>. v. 8r. Budapest. DieWinter-Ausstellung im
Künstlerhause ist sehr reichhaltig und besonders in Abendstunden,
bei^ elektrischer Beleuchtung, stark besucht. An der Ausstellung
sind 252 Künstler mit 527 Werken beteiligt; darunter sind 142
Ungarn (mit 335 Werken), 45 Deutsche (71 Bilder) 34 Italiener


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