Kunstgewerbliche Rundschau: Verkündigungsblatt des Verbandes Deutscher Kunstgewerbevereine — 2.1895

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MÜNchen, den ^5. Iuli 1895.

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Veiölatt zur

AkitWist des Va;zB. KünflgkwM-Zkrkins.




LerküniiigüWölatt dcs 8eröandes öeütsDek Kunstgeweröe-Zkreine.

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kW NesttMmW von MirDU >M ihrkk NiuikNjMstMU.

k 2*^ n dcm cim -z. Dezomber gehaltencn vartrag über die

künstlerische Lntwickelung des Altars (abgedruckt in diescr
Nummer dcr- „Zeitschrift") wurde mchrfach auf die Rcstaura-
XLIV5 tionen von Kirchen hingowiesen, dcncn häufig die Innenaus-
stattung dcr Kirchen, so namentlich die nicht „stilrcincn odcr stilgcmäßcn"
Altäre zum Gpfcr fallcn. Zur Belenchtung dicscr Frage mögen hicr noch
einige Worte Raum findcn. so undankbar auch das Thema ist. Dcnn
wer jemals in Restaurationsfragen thätig einzugreifen oder nur einen
Linblick zu gewinnen Gelegenheit hatte, weiß genau, mit welchor Un-
kcnntniß, mit wclchem Dünkcl man in den meisten Fällcn kämpfen muß.

Wenn ein Reijender ein Land nur auf den käauptstraßen durch-
streift, nur in den größeren Städten sich umsieht und nicht auch zum
Theil nach abgclcgeneren wegcn und Orten seine Schritte lenkt, so
wird, wie klaren Blickes er auch immer schauen mag, das wahre Bild
dieses Land ibm unoollständig, unklar, wcnn nicht direkt salsch er-
scheincn. So muß auch derjenige, der übcr Rcstanrationen urtheilen
will, nicht nur dic dcr Rirchen in Städten, sondern auch die dcr Dorf-
kirchen in Betracht ziehen; denn weitaus der größte Theil der geplanten
und ausgeführten Restaurationen betrifft Rirchen in kleinerern Städten
und Dörfern.

Die Zeite» der Reftaurationeu, odcr besser gesagt Purifikationcn
unserer Dome liegen hinter uns. Ab und zu wird wohl noch der'
Vorsuch gemacht, eine (Fenehmigung der Ruratelbehörde zu ähnlichem
Vorgehen geqen eine größere Airche zu erhalten, was gewöhnlich nicht
gelingt oder aber es fehlen, wenn ja folche Absichton vorhanden sind,
von vornhercin dic entsprcchenden Mittel. Richt sclten theilen sich auch
bei Frageu von Restaurationen größercr Rirchcn die Nkeinungen der
Bevölkerung, die cinen vertretcn durch wahrhaft Runstverständige,
sei es, daß sie ihre wissenschaft durch Studium erworben haben oder
aber mit richtigem natürlichen Gefühl und edler Pietät begabt sind,
die andern Meinungen, vertreten durch die sich kunstverständig Dünken-
den, die Alles, was jenc wirklich wisscn, besser zu wissen glauben
und durch ihre Restaurationspläne gleich am Anfang ihre Unkenntniß
und Pietätlosigkeit dokumcntiren. Jn solchen Fällen ist der Sieg der
guten Sache sehr oft schon gesichert, ehe die entsprechende Ruratel-
behörde einzuschreiten braucht, da auf theilweise und bedingungsweise
Restaurationen die „Befser wissen wollenden" sich selten einlassen, oder
aber, wie es vor nicht langer Zeit wieder einmal geschah, die Gläubigen
die nöthigen Ukittel versagten, als sie von Seite der verständigen über
die Art der Restauration ausgeklärt und belehrt worden waren.

Auf dem Lande liegt die Sache anders. Auch hier haben wir
einc Zeit der Pnrifikation erlebt. Ich nchme hier ein Beispicl aus
Bayern. Ukan kann Gcgenden finden, wo ein Schema in der Airchen-
anlago dutzende Ukalo wiederkchrt, z. B. eine einschiffige gothische
Anlage. Das zs., (7. und f8. Iahrhundert hat dann diese Airchen
mit Stukkaturcn und Altären der verschiedensten Art geschmückt und
so ein abwechslungsreichcres Bild geschaffcn. Und jetzt? Ljat man
eine dieser „restaurirten" Kirchen gesehen, so sah man sie alle. Ts
ist ein Glück, daß cs solcher Gegendcn nicht vicle gibt. wiederholte
Ulinisterialerlasse (am f2. Februar und 2Z. November Z88-Z) haben
uns vor weiteren ähnlichen „Restanrationen" bewahrt und schützen
uns vor solchen. Das verbot, der diroktc Zwang also war und ist
zumeist die einzige Rettung; eigene Ueberzeugung, daß etwa so,
wie das k. Generalkonservatorium der Kunstdenkmäler bestimmte,
und nicht anders restaurirt werden dürse, kommt selten vor; dcnn für
die meisten Restaurationsbeflissencn gibt es nur ein Ziel: in möglichst
barbarischer Weisc zu Gunsten eines Stilcs gegcn die nicht „stilgemäßen"
und „nnschönen" Stücke dcr I»nenausstattung rücksichtslos zu Felde zu
ziehen. Das Bestreben der Sachverständigen, die Denkmäler, Altäre rc.
im Rahmen der Kirche, so wie der Lauf der Zeiten in den vcrschiedenen
Stilarten sie geschaffen hat, zn erhalten, ist ihnen unbegreiflich. „Stil-
oinheit" steht auf der vordcrseite der Fahne, „Pietätlosigkeit", ihnen oft
selbst unsichtbar, auf der Rückseite. Nun wäre es aber falsch zu glauben,
daß alle Stile Gleichberechtigung bei diesen Liferern hätten. Für diese
Aberklugen und Geschmackshelden gibt es nur zwei der kirchlichen
Aunst angemessene Stile, den romanischen und dcn gothischen; im Bezug
auf künstlerische Leistungen sind ihnen das f6., und namentlich das
;7. und f8. ^ahrhundert, UIN mit Knab und Berthold Riehl zu reden,
„vcrgestene 5»h>'hunderte", ja noch mehr, sie sind verachtet. ksat längst
die profane Kunft dem Barock und Rokoko die Glcichbcrechtigung mit
dem romanischen nnd gothischen Stile eingeräumt, so versagt ihnen
diese noch immer die kirchliche Kunst. Es soll damit nicht etwa gesagt
werden, daß man nun zur Abwechslung einmal Airchen im Barock-
oder Rokokostil bauen soll, aber erhalten soll man, was unsere väter
geschaffen haben.

worin aber habcn wir den Grund des unanslöschlichen kjasses
gegen die Kunst der letzten drei Iahrhunderte zu suchen, so wie er
sich noch bei der Akehrzahl der vorstände der Landkirchen findet? In
dem unsagbar schlechten Geschmack, der die modernen xseudogothischen
Schreinerkästen z. B. einem wenn auch recht handwerklichen Barock-


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Zeitschrifk des buyer. Kunftgewerbe-Vereins Müncben

I6<)5. Kunftgewerbliche Rundschau Nr. 7.
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