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Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

Seite: 85
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DIE NEUEN DENKMÄLER

ASS nach der Siegesallee
und dem Wagnerdenk-
mal eine Steigerung im
schlechten Geschmack
eintreten könnte, hätte
man nicht für möglich
gehalten; es ist aber er-
reicht. Als die Denk-
mäler des Kaisers und
der Kaiserin Friedrich
vor dem brandenburger Thor enthüllt wurden,
starrte Berlin: wir glauben, der verknochertste
Mensch, der Anhänger verrottetster Anschauungen
sagte: Das geht denn dochnicht. Diese Geisselung
des guten Geschmacks übersteigt in der That alles
Mass, übertrifft die höchsten Erwartungen im
schlechten Sinne, die gehegt werden konnten.

Man denkt manchmal: ist das Recht, das wir
uns nehmen, Kritik zu üben, nicht eine Usur-
pation? waren wir aufgefordert worden, ein Ur-
teil zu geben? , f
Noch jüngst äusserte jemand in der Zukuntt
— und irren wir uns nicht, ist er dem Kaiser

persönlich bekannt geworden — die Ansicht,
dass man sehr unrecht thäte, z. B. die Theater-
direktoren zu kritisieren, wenn sie gemeine Stücke
aufführten: die Theaterdirektoren, äusserte er,
wollen Geld verdienen und wir haben uns eine
sehr willkürliche Theorie geschaffen, als wir an-
nahmen, dass gerade sie unter allen Geschäfts-
leuten gehalten sein sollten, nicht ans Geldver-
dienen zu denken sondern an die Kunst. Es zwingt
denn doch niemand, sagte mit Recht der Verfassser
jenes Artikels, uns, das Publikum, in die schlechten
Stücke hineinzugehen; das Theater öffnet uns
gegenüber nicht seine Fangarme und zieht uns in
seinen Schlund, nein, wir können draussen bleiben,
wenn wir so wollen und brauchen die schlechten,
die gemeinen, die geldbringenden Stücke nicht
zu sehen.

Ebenso liegt es bei Bildern. Sie stehen nicht
vor dir auf deinem Wege, wenn du deinen Ge-
schäften nachgehst oder deinen Spaziergang machst,
nein, du suchst sie auf, du gehst ihnen nach,_ du
bekümmerst dich um sie in dem Laden eines
Kunsthändlers. Du schiltst? Nun, du brauchtest

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