Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 16.1918

Seite: 246
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ÜBERWINDUNG DES STOFFES

Vor der Skizze zum „Gemetzel von Chios" von
Delacroix soll Renoir ausgerufen haben: „Ah, das ist
wie ein Rosenbukett!"

*

NOCH NICHT GENUG____

Bei der Betrachtung der Studie, die Liebermann für
das Bildnis des Bürgermeisters Petersen gemalt hat,
sagte ein Kunstfreund zu dem Künstler: „Es ist viel
Frans Hals in dem Bild." Liebermann antwortete:
„Wissen Sie, es ist noch nicht genug Frans Hals drin."

*

DER „GRÜNE" TRÜBNER

Ein Berliner Kunsthändler, der die fixe Idee hat, nur
er dürfe Bilder von Trübner erwerben, besuchte einmal
im Sommer den Künstler in Starnberg, um in dessen
Atelier auf Jagd zu gehen. Zu seinem Leidwesen fand
er nicht ein einziges neues Bild vor. Als er Trübner
fragte, ob er denn nichts Neues gemalt hätte, antwortete
dieser: „Sehen Sie zum Fenster hinaus; da werden Sie
sehen, dass die Bäume grün sind. Wie soll ich da
malen? Die Leute wollen doch nun einmal nicht, dass
meine Bäume grün sind. Kommen Sie im Herbst wie-
der; dann sind die Bäume gelb, dann male ich."

„IM ERSTEN SCHMERZ"

Dem Pariser Rothschild war seine Frau gestorben,
die Frau mit den berühmt schönen Händen. Rothschild
bat den Bildhauer Fremiet, die Hände abzugiessen und
in Marmor auszuführen. Als Fremiet die Arbeit ab-
lieferte, dankte Rothschild ihm überschwänglich. „Sie
haben unendlich viel fürmichgethan, verehrter Meister",
sagte er. „Bei dieser Gelegenheit — was bin ich Ihnen
schuldig?" „Hunderttausend Franken." „Hundert-
tausend Franken? Das ist viel Geld!"

„Aber Herr Baron, was thut man nicht im ersten
Schmerz!"

MISSVERSTÄNDNIS

Vor einigen Jahrzehnten genoss eine aus Österreich
stammende Malerin grossen Ruhm als Porträtistin. Ein
deutscher Industrieller Hess sich von ihr malen und
sandte ihr dann einen Scheck über dreitausend Mark.
Andern Tags kam der Gatte der Künstlerin, der die
Rolle eines Impresario spielte, zu dem Industriellen
und meinte, es sei ein kleines Versehen passiert. Es
wären freilich dreitausend vereinbart, aber seine Frau
sei Österreicherin, sie habe Gulden gemeint. „Ach so",
sagte der Industrielle, ging an den Schreibtisch, schrieb
einen Scheck im Betrage der Differenz aus und übergab
ihn dem tüchtigen Ehemann mit den Worten: „Ich bin
nur froh, dass Ihre Gattin nicht Engländerin ist; sonst
wären es Pfunde Sterling gewesen."

SECHZEHNTER JAHRGANG. SECHSTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 9. FEBRUAR. AUSGABE AM I. MÄRZ NEUNZEHNHUNDERT ACHTZEHN
REDAKTION: KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER IN BERLIN. GEDRUCKT IN DER OFFIZIN

VON W. DRUGULIN ZU LEIPZIG
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