Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 23.1925

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MAURICE UTR I LLO

VON

WALTER BONDY

Frankreich hat wieder einen Maler I — Paris hat
wieder seinen MalerI — Das Paris Monets und
Pissarros versinkt immer mehr im Nebel. — Wir
sehen Paris mit neuen Augen. — Mit den Augen

Utrillos.--------

Vor etwa fünfzehn Jahren, gerade um die Zeit
als der Kampf Impressionismus —Expressionismus
am erbittertsten tobte, saß abseits von dem Schlacht-
getümmel, oben auf dem Montmartre, ein junger
Maler und malte. Er ahnte wohl kaum etwas von
den großen Problemen, die die Literaten vom Pin-
sel und von der Feder in stets wachsende Auf-
regung versetzten. Er freute sich an den holprigen
steilen Straßen, an den baufälligen Gartenmauern,
an den schäbigen Kneipen und an all den anderen
schönen Dingen, mit denen dieses Stadtviertel so
freigiebig ist. Einer alten Regel folgend, hat das
Schicksal eben diesen jungen Mann, der von
nichts wußte und von dem keiner was wußte, dazu
ausersehen, die glorreiche Tradition der französi-
schen Malerei fortzusetzen.

Seine Mutter ist die begabteste französische
Malerin, Suzanne Valadon. Wer sein Vater war,
wissen wir nicht. Ein Kerl muß es gewesen sein,
denn der Kleine konnte malen, als er zum Pinsel
griff. Utrillo heißt er von einem Spanier, der es
aus Gefälligkeit tat, gegen die charmante Suzanne.
Er hat seinen Namen mit dieser Freundlichkeit
unsterblich gemacht. Suzanne fing bei Degas an
zu zeichnen und zu malen. Bei Renoir, Lautrec,
Puvis war sie bloß Modell. Alle hatten die kleine
Frau sehr lieb. Vor Maurice sprach man nur von
der Malerei, von nichts anderem. Als er also vom
Lande kam, wo er seine erste Jugend verbrachte,
nahm er die Palette der Mama und malte. Visavis
wohnt der pere Tanguy; dort kauft man billig
Meisterwerke: Pissarros, Sisleys, Cezannes. Dort
sah der Gymnasiast, er mußte noch in die Schule,
diese schönen Dinge aus nächster Nähe. Seine
ersten Sachen sehen also aus wie Pissarros, wie
Sisleys, besonders wie Sisleys. Aber Persönliches
haben sie doch schon. Einfache Sujets, Betonen

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