Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

Seite: 394
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Frühwerke Menzels gemahnenden Porträt des
Cellisten Pillet von Degas als Schenkung des
Herrn Comiot in den Louvre. In der Schenkung
Ernest May findet sich nochmals ein Werk von
Renoir, eine weibliche Halbfigur aus der mittleren
Zeit des Meisters, ein prachtvolles Stück Malerei,
aber doch nur ein Nebenwerk und nicht ge-
nügend für eine Sammlung, der es an Haupt-
stücken noch fehlt. Das bedeutendste Werk der
May-Stiftung ist neben einem Rahmen mit drei
charakteristischen Landschaften von Sisley, Pissarro
und Monet ein Bild von Degas „a la Bourse",
eine Gruppe von Halbfiguren, Herren im Zylinder,
charakteristisch im Ausschnitt und außerordentlich
in der malerischen Behandlung des Schwarz, das
die Hauptfarbe des Bildes ist.

Ein wenig verloren in dieser Umgebung hängt
endlich der große Zirkus von Seurat, den der
amerikanische Sammler John Quinn dem Louvre
vermacht hat. Es bezeichnet den Beginn einer
neuen Epoche der Malerei, das Ende der großen

Tradition, die von Delacroix über Courbet zu
Manet und bis zu Renoir reichte. Seurat war ein
großes Talent. Aber sein Schaffen war eingeengt
durch die Problematik eines bewußten Wollens,
durch eine Intelligenz, die nicht geringer war als
der reine künstlerische Instinkt. Gliedern sich die
Werke der älteren Generation der Impressionisten
so natürlich dem Museum der Meisterwerke der
Malerei aller Zeiten ein, die der Louvre besitzt,
daß man das Fehlen einer großen und geschlossenen
Sammlung ihrer Kunst an dieser Stelle als eine
schwere Lücke empfindet, so verspürt man hier
einen Einschnitt. Von Manet zu Seurat führt nicht
mehr eine gerade Linie. Hier wendet sich das
Schicksal der Malerei. Es setzt eine Bewegung
ein, deren letztes Ziel noch im Ungewissen bleibt.
Man würde es verstehen, wenn dieses Bild seinen
Platz im Luxembourg fände. Aber die Meister-
werke der großen Maler des neunzehnten Jahr-
hunderts gehören nirgendwo anders hin als in
den Louvre.

MUSEE DU LUXEMBOURG

VO N

WALTER BONDY

T Terr Benedite, der frühere Direktor des Luxem-
bourg-Museums, ist gestorben und Herr
Masson, dem zwei Helfer, Herr Rey und Herr
Francois Monod, zugesellt wurden, trat an seine
Stelle. Herr Masson, angeblich ein fortschrittlicher
Mann, hat einen guten Teil der „Croutes", die den
Aufenthalt in den schönen Räumen der früheren
Orangerie nicht gerade zu einem erfreulichen ge-
macht hatten, hinausgeworfen, und jüngere Werke
an Stelle der älteren aufgehängt. Die Impressio-
nisten, ursprünglich die Enfants terribles und
äußerste Linke der französischen Kunst der acht-
ziger Jahre, bilden jetzt den regierenden Block und
sind in einen Hauptsaal aufgerückt. Die schlimm-
sten Pompiers derselben Zeit, die ordengeschmück-
ten Vertreter der offiziellen Schule, sind zum Teil
schmählich in Depots verbannt worden, oder man
hat sie vielleicht in Provinzmuseen deportiert, wo

der alte Klang dieser Namen noch leise forttönen
mag. Die besten Vertreter der Ecole des beaux arts
dürfen noch hängen bleiben; die Direktoren der
Villa Medici hat man bis jetzt noch verschont,
aber im großen und ganzen bedeutet diese Razzia
doch ein schmähliches Fiasko für das alte Regime,
dem sein holder Traum vom Louvre und Un-
sterblichkeit nun so traurig zu Wasser gewor-
den ist.

Recht schwierig mag dem neuen Direktor die
Stellungnahme zu den Malern geworden sein, die
sein Vorgänger für die Vertreter der modernen
Ideen gehalten hat. Ich meine hier die Jugend der
Jahrhundertwende. Es sind dies meistens Maler,
die weder Fisch noch Fleisch sind, und die sich
mühten, den schwächlichen Mägen der französi-
schen Bourgeois die unendlich alten modernen
Ideen verdaulich zu machen. Mir persönlich sind

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