Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 3.1850

Seite: 138
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Feuilleton.

Der Präsident dir Französische» Republik Hai von seinen mit Jammer und
Noch zusaniinengeschnorrteu Millionen jetzt VV.OVll Franc« zn Militair-
Banketten bestimmt. Die Ossieierc werben daselbst königlich bewirthet.
nnd in kaiserlichem Rausche wi,d die Republik vertrunken und vergessen.
Herr Louis Napoleon ist dock noc» immer der sw leckte Rcckc»-
meister von Straßburg und Boulogne. Ein ciuziger Katzenjammer. i
kleiner Neffe! Und alle, die mit dir sick berausckt. »erden mit dir
brechen!
In Sachsen ist den Redakteuren der Zeitungen jeder Zweifel an der
Ncchtmäßigkeit de« Landtage« so wie jeder Angriff gegen die Ver-
fassung bei Straf- sofortiger Unterdrückung ihrer Blätter »-.boten worden.
Mit vollem Reckt. Wcr über da« Erste überhaupt noch Zweifel hat, ist
nickt zurechnringSsShig genug, »»> ein Blatt zu redigire». Da« Zweite aber
ist in Sachse» ei» Regal; nnd wer sich eine« solchen bemächtigt, wird überall
gestraft. _
Der bewährt« Mann. Herr E. F. Lessing (Thicrgartenstr. 21), dem
von allen für Schleswig-Holstein Beitragenden die Wenigsten ihr Geld an-
vcrtrauen wollen, übrigen« nickt etwa au« Furcht, daß er c« nach England
an die politischen Flüchtlinge schicke» mochte — also der bewährte N-dacteur
der Bossischen Zeitung will die Verzeichnisse der für Schleswig-Holstein vom
Eomile veranstalteten Sammlungen nur gegen Bezahlung i» die Spalten
seine« Lumpenpapier« aufnehmen. Warte, grauer Einsiedler de« Thiergartens!
Du sollst bezahlt werben!

Der „Wanderer" berichtet folgende Acußernng de« Kö bowbnrelutore.
„Wenn die auSwärligen Mächte sich in meine Angelegenheiten mischen, werde
ich ihnen mit der Spitze meiner Bayonctle antworten; für meine rebellischen
Untcrthancn genügt die Spitze meines Stiefels."
Wir glauben, es würde den rebellischen Unterthanen weit mehr genügen,
wenn sic nicht die Spitze, sonder» nur noch den Absatz seine« Stiesel«
sehen könnten.
Au« Turin wird gemeldet, daß da« Volk blutige Rache an cinem Geistlichen
nehmen wollte, der dem Handclsministcr Santa Rosa die Slcrbesacramentc
verweigert hat.
Auch unser Bvlk würde den braven Italiener» an Pietät gegen unfern all-
verchrten HandclSministcr nicht nachstehen, und wir würden gewiß gern
alle« opfern, wenn e« daraus ankämc, ihm die letzten Dienste zu erweisen.

Man will jetzt die Berwaltung der Theater-Angelegenheiten an da« Mini- ^
stcrium der geistlichen Angelegenheiten übergehe» lassen. Komödie und Cnltus ^
unter cinem Dach! Es fragt sich nur, rechnet man die Komödie zum Cnltu«,
oder rechnet man den EultuS zu den Komödien?

Herr von Bicbahn ist als Ausschuß für die Londoner Genie bcauSffkllung
fortwährend angestrengt beschäftigt. Es ist eine gemeine Verleumdung, daß er
von der nächsten Woche an auf dem Kroll'scheu Somnicrtheater unter dem !
Namen Toni Poucc auszulreten beabsichtigen soll.
Die Ministerkrisi« .st, Gott Lob, vorüber; nnd es sollen alle Literalen, >
welche dieselbe so gescheckt zu machen nnd wieder zu beseitigen verstanden, .
jetzt belohnt weiden. Wir hören, daß Leibchc Hahn ein Nabbinat, und Rebb
Hcrsck, um seinen gegen die „Vierhundert vor Pforzheim" bewiesenen
Blutdurst in gesetzliche Bahne» zu lenken, eine Schächlerstellc krhalten soll.

Herr Friedrich Adami macht in der N c »e n Prcu ßijchcn Zci lung
folgende höchst intcrcssante M.ttheilnng. „Von Adami werden zwei
neue Slückc crn> artct." — Die Spannung im Lande ist in Folge dessen
eine allgemeine, fast peinliche zn nennen. Die Papiere sind bedeutend gefallen.



Fanny Lewald nennt betannllick die Rache, o.e „Mens , gewordene
Marseillaise." Von Charlotte Bi rck - P sc i ffe r wird sie einst sagen.
>ic Mensch gewordene Lott' iS tobt!"
Eine hiesige Eh-coladen-Fabrik, welche schon seit einer gangen Reihe von
Jahren Rhabarber-Chocolade u. dgk. »erkauft, ist kürzlich vom Polizeirickler
wegen „»»erlaubten Arznei-Debits" zu üThlr. Strafe veruriheilt worden.
Wir sind gegenwärtig mit einer umfassende» Revision sämmtlicher
Wein- und Bier-Locale angestrengt beschäftigt, nnd werden unbarm-
herzig all« diejenigen Lcnuncircn, welche uns zur Bestrafung wegen »ner
lanblen Arznei'Debits geeignet scheinen.

Den Dänen ist c« nicht gelungen, die Uebcrgängc de« Sorgeflusse« zu
gewinnen, und da auch die Deutschen nicht daran denken, den Herzogthümern
ihre Sorge abznnchmen. so wird de» Holsteinern ihre Sorge »nbenommen bleiben.

Wie schauerlich der Schmutz der Berliner Straßen sein muß, geht am besten
daraus hervor, daß sich selbst Herr Neilst ab darin nicht mehr wohl befindet.

Die blödsinnigen Floskeln der Französischen Aitlkel i» der Bossischen Zeitung
flößen »n« Zweifel darüber ein, ob der Verfasser dieser Artikel wirklich identisch
sei mit der Person de« Herrn Rellstab, der sich durch seine klare und gemein
verständliche Abhandlung über die Berliner Gossen eine neue Blume i» den Kranz
nicvcrduslcnder Kanal-Poesie geflochten hat. Sollte jedoch jener Französische
und dieser Berliner Straßcnverkchrcr eine und dieselbe Person sein, so wäre
erwiesen, daß Herr Rellstab weniger in der Politik als vielmehr in den
Gossen in seinem Elemente ist.


Müller. Na sehst de. Schnitze? Wie ilk dir jesagt habe.
Schnltze. Was denn.
Müller. Na. et iS richtig, er bleibt.
Schnitze. Wal wird denn „n?
Müller. Wat soll» werden? Nanu ist »ock so!
Schnitze (seufzend). Ja, ja!
Müller. Da hast de Reckt: det Hab' ick occk schonst jesagt.

Der Streit der Herren von Radowitz nnd von Manteussel hat leider
einen stl,r betrübende» Ausgang genommen. Beide streitende Parteien
find auf dem Platze geblieben!
Herr Stahl hat für den nächsten Winter öffentliche Vorlesungen „über
Kehre und Wahn der gegenwärtige» Parteien in Staat
und Kirche" angckündigt. Wir hoffe», »,a» wird auch von diesen Vorlesu»
gen sagen können:
„Der Wahn ist kurz, doch ewig ist die — Leere!"

Außer dem Grase» von Chambord, dem Feldzeugnieister Hayna» und
einigen andern interessanten Gästen ist auch Fräulein Stromeycr vom
Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in den letzten Tagen hier durchgegangen.
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