Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 9.1856

Seite: 54
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KopfcS erleichtert und gleichzeitig den Hals gegen alle schneidenden, erkältenden und sonst schädlichen Einwirkungen von außen
schützt, zu einem reißend abgchcndcn Modeartikel geworden.

Indem wir unö hier mit der Aufzählung nur dcö Vorzüglichsten, waS wir auf dem Lager haben, begnügen, glauben
wir unseren geehrten Abnehmern die Bürgschaft geben zu können, daß wir zu allen unseren Artikeln nur die neuesten und
bclicblcstcn Stoffe verarbeiten und dabei stets daö richtige Maß mit solcher Sicherheit zu treffen wissen werden, daß dieselben
immer gleich daö erste Mal angemessen und gut sitzen.

Um unsere Artikel auch dem weniger Bemittelten zugänglich zu machen, haben wir unS entschlossen,

tgjgr vom I April av

ein vierteljährliches Abonnement zu eröffnen, in Folge dessen auch der Acrmstc für den Spottpreis von 21 Silber-
gro schon das Recht und die Gelegenheit erhält, dieselben alle Woche einmal zu wechseln und sich so immer au courant mit de»,
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dränge zu vermeiden, ersuchen wir Alle, welche von diesen unser» spottbilligen Anerbietungen Gebrauch zu machen wünschen,
sich rechtzeitig und, wenn cö sein kann, recht zeitig cinzufindcn zum Abonnement aus die Artikel des

_ ZküMeravalsch.

N§^Der geborene Mensch

Mensch von Gebnet.

(Line sentimentale Dichtung.)

Gekrönt siehst du der bangen Sehnsucht Ziel:

Die Theure, deren Bild dich stet« umschwebte,

Die dir der Liebe schönste Träume webte,

Wird deine Braut. — O süß verliebtes Spiel,

Da» dann beginnt! Welch Flüstern, Necke», Scherzen!
Welch schöner Tag, wenn endlich am Altar
Die Kirche weiht den sesten Bund der Herzen,

Und Atle» ruft: Seht da! welch' schmuckes Paar!

Beim HochzcitSschmauS dann schallen lust'ge Lieder,
Auch fehlt» an losen Stichelwortcn nicht;

E» schlägt die junge Frau die Augen nieder
Verschämt, wenn man von Storch u»d Schnäbeln spricht.

Und sind die ersten Monde deiner Wonnen
Im stillen Glück des Hauses dann verronnen —

Und klagt dein Weibchen über die« und das
Und blickt verlegen, wenn die Nachbarn kommen;

Ist roth bald ihre Wang', bald wieder blaß —

Dann ist der Hoffnung neuer Stern erglommen,

Dann stehst du ängstlich jener Stund' entgegen,

Da durch der Mutter heil'ge» Schmerz geweiht,
Ersprießcn soll des Hauses stiller Segen —

Wie bebt dein Herz vor banger Seligkeit!

Die Stunde naht — o süße Vaterlust!

Vor Wonne strömen über deine Augen,

ES zieht dein Weib das Söhnchen an die Brust:

Aus ihrer Brust soll es die Freude saugen,

Die erste Freude und die erste Krast.

Dann legt sie'S in die schmucklos kleine Wiege —

Du hattest sie ja heimlich angeschafft —

Daß friedlich drin der winz'gc Bürger liege.
Glückwünschend nah'n die Freunde zum Besuche,

Du meldest deinen Sproß der Polizei
Und sagst ihr auch, wie dann im Kirchenbuchc
Beim PathenschmauS das Kind benamset sei,

Ob SouiS, Joseph, August oder Fritz —

Denn Kirch' und Polizei nimmt gleich Notiz
Von deinem Sproß, daß er nicht geh' verloren. —

So wird ein einfach Menschenkind geboren!

AuSposaunt in alle Winde wird die ungeheure Kunde,

Daß der Kaiser der Chinesen sei gewillt zum Ehebunde,

Sei gewillt in allerhöchster Gnade und der Welt zu Liebe
Allerhöchstselbst fortzupsianze» seines Stammbaums edle Triebe.

Und wenn dann der Bund geschloffen, und genügt der Etikette,

Wenn die Majestät herabsicigt zu der Gattin Tisch und — Stätte,

Dann sogleich in allen Blättern China'» rege» sich die Weisen:

„ Von sehr int'reffantcm Umstand munkelt man in höchsten Kreisen;

Ein erfreuliches Ereigniß dürfe, solle, wolle, werde

Nächstens für das Reich der Mitte nah'n und für die ganze Erde;

Ein Ereigniß, dessen Folgen gar nicht zu berechnen schienen!'

Und entboten nach neun Monden werden alle Mandarinen,

Sammeln in der Kaiserhalle sich in allerhöchster Nähe,

Um zu lauschen und zu jubeln neu bei jeder neuen Wehe —

Werden, wenn die arme Kaifrin kreißt in ihrem höchsten Jammer,

Dann zur Augenwcid' entboten und zum Zeugniß in die Kammer;

Müsse» unterthänigsi warten, biü dem Höchsten e» gefällt,

Daß geruh' der Allerhöchste zu erblicken diese Welt.

Rufet dann die Wchcmuttcr: »Heil! geboren ist ei» Prinzchen!"

Ei, wie flattert dann die Kunde rasch in» serneste Provinzchen!

Ei, wie regen gleich so schwungvoll sich der Sänger Mandolinen,

Und wie wonnewacklig trunken jauchzen alle Mandarine»!

Ei, wie drängen China'» Frauen um den Sprößling sich zusammen,

! Melden sich als Gouvernanten, Wickelfraue» und als Ammen.

Und gelegt in goldne Wiege wird da» Kleinod der Chinesen;

I» der Mandarinen-Zeitung stündlich ist genau zu lesen,

Wann die Kaiserliche Hoheit sich de» süßen Schlafs erfreute,

Und wie oft an jedem Tage seine Windel man erneute;

Wan» ihn auf den Arm genommen habe die Milch-Bureaukratin,
Wer zum Adjutant erkoren, wer als Pathc oder Pathin;

Wie der Amme man befohlen: ,Hüt' die» Kleinod, und vor Allen
Halt' cs fest; denn ach! gar Mancher ist schon auf de» Kopf gefallen!
Diese» aber darf dem Erbe» China'» nimmermehr passircn,

Denn e« soll Millionen Menschen ja dereinst sein Kops regieren.'

Ferner steht in dieser Zeitung, wie viel für die Majestäten
Man beschafft a» Dienern, Ochsen, Eseln und an Hospocten.

Und eö regnet von Gedichten und verzücktem Sing und Sang

Bis zur Mongolei im großen Reich von Tsching-tschang-tschi-Ischu-tschang-

Also ist'» dreitausend Jahre und noch länger stet» gewesen,

Wann ein Prinz geboren wurde in der Hauptstadt der Chinesen.

Kladderadatsch.
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