Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 9.1856

Seite: 55
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Schnitze. Also in Dessau ooch 'nc Bank? Nu Ist fast feen klcener
Staat mehr, der nich 'ne Bank hätte.

Müller. Da« find dicSchatten, welche die Ereignisse voran-

Schultze. Wie mcenst du de«?

Müller. Die Banken der kleinen Staaten beweisen, daß sie nicht
mehr lange stehen können.

Müller. Na wa« hast du denn wieder zu lachen?

S ch u l tz c. I, über meinen klccnen Zungen. Wie ich ihm jestern frage,
wa« er werden will, nieent er: Direktor von 'ne neue Bank.
Müller. Nu seh' mal Eener an, der klcene Spitzbube!

S ch ultze. Wa« sagst du denn nu zu die neue Französische Amnestie?
Müller. Ich bin außer mir.

Schultze. Sie dürfen ja Alle zurückkommen!

Müller. Eben de« empört mir, daß sie dürfen und nich können.

Bcu döm laut Bvssüsche Zeutung jedenfalls nahe bevorstöhenden Zwcu-
kampf dör Hörren Hörrnian Kaufsmann contra Reuchenheum em-
pföhle üch mür al« IInparten lisch er ün gehörügcr Distance.

Zwickauer, gleuchfall« Parüser AuSstöller.

Zu meiner Vrrtheidigung.

Pari« will immer etwa« Neue«. Frankreich liebt nur da« Unerhörte, da»
noch nicht Dagewcsene. El« bien! Ludwig der .Fromme' ist passirt,
Ludwig der.Heilige" auch längst antiquirt; welche Steigerung blieb mir
noch übrig als „Ludwig der Gott?"

Thäophile Gautier.

Herr von Brunnow hat einen Großhcrzoglich Hessischen Hofzahn-
arzt au« Darmstadt zu sich nach Paris bcschiede».

lieber den Zweck der Reise diese« coalirten DarmstädterS cursiren ver-
schiedene Versionen. Die Einen behaupten, der Russische Diplomat wolle
sich einige Zähne aus ziehen lassen, welche dadurch, daß er in der letzten
Zeit gezwungen war, so manche harte Nutz zu knacken und in manchen
sauren Apfel zu beißen, etwa« schadhaft geworden wären. Andere
dagegen meinen, er wolle sich der odontoplastischen Kunst dcS Darm-
städtcrS bedienen, um bei der Erörterung gewisser Pnnclc den Alliirtcn die
Zähne weisen zu können.

.Wenn c« sich um Abtretung von GebietStheilcn handelt, ist Oesterreich
freilich competentcr al« Rußland," soll Herr von Orloff gesagt haben.

Herr von Buol aber soll, wa« die Zeitungen verschweigen, erwidert
haben: „ES ist besser zur Zeit abzutreten, als zur Unzeit aufzutretcn;
besser ein zeitiger Rückschritt, als ein unzeilige« Uebcrschreiten, und
besser etwa« Terrain, al« seinen Platz verlieren."

Ichl'

Der zukünftige Kaiser hat die hohen Körperschaften von Frankreich
»mmernd empfangen. Jetzt nickt er, und sie müssen wachen; später
" wachen, und sie werden — nicken.

die Handwerker zu kleinen Herren machen Die

Au« i« m,l ln fctn Sulinlm

Auch mir hat die Natur

In meiner Wiege Frieden zugeschworen,

Doch Thränen gab der kurze Lenz mi
(Frei nach Schiller- Resignation.)

Ie Duc d'Orl«an».

le comtc de Cbambord.

Napol6on II.

Der Saron von prudelwitz an den Baron
von Strudeiwih.

Edler Freund! Massenhafter Fortschritt in Entwickelung unserer Jn-
stilulioncn. Bisher nur kümmerliche Lese in unserm Weinberg, jetzt Aus-
bruch; früher nur Dämmern, jetzt Nordlicht; früher Zwielicht, jetzt

Sonne de« neuen Tage«-auf Jockey! Unser Recht hat gesiegt und

unsre Rechte, wir wieder Herren, Meister der Situation, Leiter von
Politik, Bureaukratie gestürzt — auf Jockey! — Noch Manche» zu thun,
aber Hauptsache abgemacht; der ganze Club unsrer Meinung, nur rüstig
vorwärts, bis wieder auf alten Standpunct. Müssen die Zügel ganz in
Hände bekommen, auf Jockey! — Kennen doch mein Vollblut, meinen
Araber? Denken Sie, eher Baron, mein edler Han« hat Hahnentritt!
Aber wird sich wieder machen, hoffe zum Himmel. — Au« Paris lese mit
Staunen, daß Rußland nachgibt und Friede bald fertig. Incroyable, aus
Jockey! Oder ist'S vielleicht nur ein diplomatischer Brand von LIo»con?
Lien possible. Nur diplomatischer Rückzug wie 1812? — 1'rd» raisonnable.
Nom verrons! — Hoffe das Beßte! Was sagen Sie, edler Freund, daß
neue Dynastie fertig? Ob wohl auf dem Throne folgen? — Unsre Kinder
werden antworten. Schade, daß keine habe. Mit mir erlischt der MannS-

stanim Derer von Prudelwitz, wenn nicht-6h bien! Wer weiß, was

noch möglich! Regardire auf reiche« Judenmädchen, da meine Frau etwa»
kränklich. Zu diesem Zwecke Juden ganz angenehm. Viel Grüße Ihrer
verehrten gnädigen Gemahlin. Ihr

Prudelwitz.

Der Saron von Strudelwih an den Saron
von prudelwitz.

Liier varon! Der Klügste gibt nach, und Rußland ist klug. Dem
edlen HanS wünsche von Herzen gute Besserung. Neuer Dauphin, neuer
Embarras— weiter nichts. Für uns nicht vorhanden. Habe heut Broschüre
vom edlen Grafen Pfeil erhallen. Excellente Vertheidigung! Sagt gerade
heraus, daß nur zu Trunkenbolden damals gesprochen und Bürger
alarmirt, um sic der Reaktion in die Arme zu Hetzen! Edler Mann! hat
aus Patriotismus Leben und Ehre auf Spiel gesetzt — auf Jockey! Erinnere
Sie, eher Narvn, an Ihren erste» Brief vor 8 Jahren, worin Sie ge-
sagt: „Wir bearbeiten jetzt die Bürger, und die Hetzen die Arbeiter, und die
Banditen bekommen Gott sei Dank schon Prügel, und die Bürger werden
dabei herumgejagt und alarmirt, daß sie wüthend werden." Muß Ihnen
schmeicheln, edler Freund, daß so richtig prophezeit und jetzt College« ge-
fundcn, der offen sagt, wie damals für Vaterland gewirkt. — Auch magni-
perbcS Motto auf Pfeil'fchc Brochürc: „La patria si debbe difendere con
ignominia o con gloria c in qualunque modo i ben difcsa.“ Habe mir
von Hauslehrer übersetzen lassen, heißt auf Deutsch:

„Ob schimpflich, ob mit Ruhm für Reaktion betheiligt —

Du handelst gut: der Zweck ist'S, der das Mittel heiligt."

Hat meinem Herzen wahrhaft wohlgethan, auf Jockey! Da« ist die Sprache
des Biedermannes. Begreife nicht, warum aus Herrn von Gerlachs Partei
excludirt. Sind Alle nicht besser, Viele aber schlimmer gewesen. Werden sich
hoffentlich wieder mit ihm vertragen.

Habe mir Gilet L l'Orlow, Paletot h la Brunnoir und Crarale u la
Manteuflel bestellt; werde ganz congräßlich auSschcn! Aus Jockey!

Ihr Strudelwitz.

Die Kaiserin der Franzosen soll sich die Feder auSgebclen haben, mit
weicher der bevorstehende Friede »nterzeichnct werden, oder vielmehr worden
sein wird. ES werden sich voraussichtlich auch andere hohe Personen um die
Reliquie» des CongresseS bemühen, und spricht man davon, daß sich Oester-
reich um da» große goldene Tintenfaß, England sich um die Uhr bemüht
habe, welche den Deputirten gesagt, wa» die Glocke geschlagen; der Türke
soll sich die Tinte auSgcbctcn haben, die für ihn so wichtig geworden; der
Sardinier allein hat sich — um Nichts bemüht.

Neueste Pariser Depesche.

D. 27. Früh. Se. Kaiserliche Hoheit der Prinz sind heut
abgehalten worden — die Mitglieder de« Senat« persönlich zu em-
pfangen. _
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