Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 16.1863

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am 25. Juli 1863 bei der Taufe der Brigg „Kladderadatsch" zu Wollin

gehalten von R. Lötveiistein.')


liegst du nun, du neugeborenes Schiff, ein schmuckes, lächelnde» Kind,
noch unerschüttert von den Stürmen, noch nicht bedrückt von den Lasten
des Lebens, noch nicht berührt von den Sorgen, denen deine tausend und
aber tausend Brüder und Schwestern im Oceane preisgegcben sind.
Noch bist du, gleich dem Waffervogel, der auf dem Lande aus dem Ei
gekrochen ist, nicht in deinem Elemente; noch ist dir hier oben Alle» sremd
und unbehaglich. Bald aber, o Kind, wirst du hinauSgestoßcn, und in einen,
Momente zum Manne erwachsen, wirst du .wetten und wagen, da« Glück
zu erjagen," und deine Kräfte erproben im Kampse nicht bloß mit den Ge-
le tzen, nein, auch mit der Willkür deiner neuen Heimat.
Da« Meer ist dir Heimat und Mutter zugleich.
Von den Mächten droben wird es abbängen, ob dir das Meer eine
gute oder Harle Mutter, ob es dir Freund oder Feind, Wiege oder —
Sarg werden soll.
Dein Vater aber, der dir das stattliche Haus gezimmert hat. dem
du verdankst die Kraft deiner Rippen, den Schmuck des Helm« und die
Stärke deiner Wanten, dein Vater, der dasür gesorgt bat, das, du fest
seiest vom Vorder- bis zum Hintertbeil und mit männlicher Brust dich
den Wogen entgegen Wersen kannst, er hat dir zum Vorbilde gesetzt den
Kladderadatsch und hat dir vorgehalten als Spiegel Schultze und
Müller, auf daß du dich richten mögest nach diesen Seglern und tragen
den Namen des lustigen Steuermannes, der sich durch fünfzehnjährige See-
fahrt bis aus den heutigen Tag bewährt hat.
Ja, geliebter Täufling, er hat sich durchgeschlagen in seinem kleinen
Segelboote durch die?oria ^Vestpkaliea, durch die Klippen Branden-
burg« und di« Sandbänke der Mark.
Tic Wellen der Revolution haben gegen seine Wände geschlagen, die
Wogen der Reaktion ihn geschüttelt, die Flut der neuen Aera hat ihn
gehoben, die Ebbe der jüngsten Tage ihn nicht aus« Trockene gesetzt.
Er ist gesegelt mit gutem Winde und nicht verzweifelt, wenn sich der
Sturm in feine Segel setzte.
Er ist hinauSgesteucrt auf das hohe Meer der Erwartungen, hat
manche grüne Küste schimmern, gar oft die Palmen des Friedens winken sehen,
und hat doch nicht genießen dürfen von ihren Früchten.
Er ist eingelausen in Len Hafen der Ruhe, nur um seine Schätze auszn-
ladm und neue Schätze, neue Stoffe aufzunehmen.
Er hat gerastet, nur um aufs Neue zu kämpfen.
Er hat neben sich untergehen sehen manch stolzes Schiff mit stolzem
Namen, und mehr als ein S taatsschisf ist vor seinen Blicken zerschellt.
Er sah mit an len Schiffbruch von Gaeta, sah die Apostel versinken bei
Sewastopol, sah die übermülhigen Dänenschisse schwanken in Todesge-
fahr, sah auch — wie gern möcht' ich darüber schweigen — hinsinken unter
dem Hammer das letzte Schiff der deutschen Flotte!
,,blch, einstmal« tlie» der wind, eia frischer, > Bi» aus den karg veiklcpsl alStaun.
Der deutschen Floite Segel an, ?>m Sarge webklogtin die trauerrdrn kieben:
Sie wurde — gute Nacht, Herr Fischer!— I O Floite, o Conue — wo bist du geblieben?" —
Das Alles hat Lein GalionischeS Vorbild mit angeschaut und ist doch
gesund und ohne Leck geblieben trotz aller Schwenkungen und Schwankungen,
aller Wendungen und Windungen, Weiter und Unwetter, kalten und heißen
Schläge, trotz aller Feinde, die sich an seinen Kiel setzten und sein Herz zu
durchbohren trachteten.
Zwar ist auch ihm manch Unglück Hugestoßen: er ist manchmal hart
angefahren worden, die Ankerkclte ist ihm gerissen, die Segel sind ihm
zerfetzt worden. Er hat in der Ncth manch liebes Gut über Bord
werfen und den Haifischen opkern müssen. Er ist mehr als einmal an-
gehaltcn, seine Papiere sind als verdächtig durchsucht, seine Leute inquirirt
worden, ja, er hat sich einmal sogar verrannt und hat es büßen müssen
mit zehn Thalern Liegnitzer Währung.
Aber doch sind ihm die Mccresgötter und auch die Parzen günstig
gewesen und haben ihn gerettet durch alle Tiefen und Untiefen.
Und also befindet er sich noch heut auf Reisen, um zu entdecken eine
bessere, schönere Welt. Leider aber ist er dabei noch nichtweiter gekommen
als bis zum Vorgebirge — der guten Hoffnung.

Kladderadatsch, o Täufling, ist ein Kind der freien Presse; du
aber bist ein Kind der freien Rhede — von Wollin.
Heil dir und deinem Vorbilde, daß gerade im vielverlästerten und be-
spöttelten Pommerland, gerade in Wollin ein braver Mann den Mutch
hatte, dem Humor eine Stätte, ein schwimmende« Haus zu erbauen!
Höre denn, o Täufling, den Rath und Segenswunsch eines alten Ma-
trosen, der deinem Namensvetter fünfzehn Jahre treu gedient hat im Sand-
meere der Mark:
Achte aus den Eompaß, damit du nie dein Ziel verlierest.
Achte auf den Wind, damit du wissest, welche Gefahr dir von Osten
droht, und was im Westen auf dich lauert.
Achte aus das Barometer, damit du wissest, was in der Luft steckt.
Achte auf die Wolken, damit dir kein Unwetter über den Kopf komme.
Achte auf die Sterne, damit du in dunkler Nacht den rechten Weg
findest. Achte auf die Leuchtfeuer, damit du fern bleibest dem Verderben.
Und kommt die sturmverkündende Möwe mit der ersten und eine scharfe
Brise mit der zweiten Verwarnung, dann sei vorsichtig, festen Auges
und festen Herzens sprich daS rechte Wort am rechten Ort, bis der Sturm
vorüber, und durch die Wolken wieder blickt die Sonne des schöneren Tage«.
Des schöneren TageS!-Mögest du ihn schauen, lieber Täufling,
und mögen sich unsere Wunsche für dich erfüllen.
Bleib« frei von dem Gewürm, daS sich heimlich einfrißt und einbohrt,
um deinen Rumpf zu corrumpiren und zu vernichten!
Bleibe frei von Rost, dem gefährlichen Eisenfresser, der schon
manches Staatsschiff zum Sinken gebracht!
Bleibe frei von Riffen, Spaltungen und Entzweiungen!
Hüte dich vor Leckereien, Sandbänken und Untiefen!
Verliere nie den Faden, lege viele Knoten glücklich zurück und sondir«
stets aut, che du vor Anker gehst.
Sei klug im Laviren, behend im Wenden und unerschrocken, auch
— wenn der Mast bricht.
Laß dich im Frieden tragen vom Strome, aber zeige, daß du auch gegen
den Strom fchwimmen kannst.
Sei gesegnet mit reichen Gütern, aber überlade dich nie.
Bringe deinem Vater seine goldene Frucht.
Ach, daß du rcn uns entführen könntest als Ballast alle Sorge, die
unS peinigt!
Möge dich kein wilder Caper confisciren, kein Prisengericht in
Prison biegen, keine Blckadenkelle dich sesthalten.
Mögest du nie mit deinen Plänen scheitern.
Vom Top bi« zum Kiel, vom Bug bis zum Steuer sei Alle« in beßtcr
Ordnuna. Mannhaft sei deine Bemannung, stark wie deine Taue.
Sei solid, aus daß du nicht zu viel zu pumpen brauchst.
Sei. gleich deinem Vorbilde, heiter auch in ernster Zeit.
Sei ein vreußisches Schiff! Von deinem Maste flattre unser Banner
zum Zeichen, daß dir hoch stehe — Preußens Ehre!
Und neben diesem Banner flattre diedeutscheTricolorezumZeichen, Laß
dir gleich hoch .stehe Deutschlands Größe, Deutschlands Ernhelt!

Run fliege hinaus in» Hoff, in» Haff,
In die bcchausschäumenden Wogen,
Tie Magen fest und die Kegel straff,
Bon günstigem Wind- gezogen I
Und »eure hinaus in» Meer, in« Meer,
Zu der fernsten kanker Gestaden,
Mil edlen GUI ein der Menflhheil schwer,
Mil Segenswünschen beladen!
Und fährst du vorbei am Sund, am Sund,
Und schauest de» Dänen Wälle,
Tann rufe hinüber mil Irohigem Mund-
Wir sprechen un« noch, Geselle!
Und fährst tuangrankreich« Lüste vorbei,
Tann frage — doch ganz verstohlen -
Wann weiden denn die ffranzosen frei,
Und wann durch IHN die Polen?

Und fährst du vsrbei an S ngland» Strand,
Tann grüße die freien Briten.
Eie haben für lsreibeil und B-terl-nd
Gestritten und gelitten.
Hinan» in die Welt, in die weite Welt
Sollst unsre Grüße tu tragen.
Und sollst, von lustigem Winde geschwellt,
Hinstcuern ,u glücklichen I agen.
So rufet denn mit frohem Blick
Ihr Paibcn und ihr Gevattern-
Fahr wohl, du schmucke, stattliche Brigg,
Laß deine Wimpeln flattern,
Ihr Markanten, stimmet ein.
Laßt tönen Geig' und Bratsche.
Trompet' und Pauke, schmettert darein:
Lm Hoch dem —

Ktadderadalsche.

Auf vielfach geäußerten Wunsch aus diesem Wege der Lesfentlichleit übergeben.
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