Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 25.1872

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Berlin, den 3. Mär; 1872.

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Montan, den 4. März.

Valet muh ich dir geben,

Du arger, schlimmer Mann!

Dein liberales Streben
Mir nicht gefallen kann.

Dienstag, den 5. März.

„Des Ew'gen Compah" führest
Du nicht in Stürmen wild;

Als Schirm und Hort erkürest
Du nicht „des Glaubens Schild."

Mittwoch, den 6. März.

§ Unheimlich" ist dein Walten,
,hrt zum Verderb zumal!
ohl nennt, die zu dir halten.

Man „gouvernemental."

Ccibroodjmftafcnbcr.

Donnerstag, den 1. März.

Doch wir, sonst wie jetzunder,
Wir sind „conservanv."
Geschieht nicht noch ein Wunder
So geht mit dir es schief!

Freitag, den 8. März.

Du hältst cs mit den Rothen,
Des Satans wilder Meut',

Und was du einst verboten,

Das thust du selber heut!

Sonnabend, den 9. März.

Wohl ist von ird'schem Scheine'
Umstrahlt noch deine Macht;
Wir aber ha'n alleine
Das Himmelreich in Pacht!

Humoristisch - satirisches Woctjcnüfatt.

Die um

d^och klinget zu der Romantik Ruhm
Die proventzalische Cither,

Noch kämpfen für ihr Königthum
Viel hundert fahrende Ritter.

Noch satteln zu Aventiuren sie
Die klappernden RoflnanteS,

Noch ist gesorgt für das Genie
Der Voltaire und Cervantes.

Noch zieht hinaus voll Gottvertrau'n
Manch lustiger Gracioso;

Er schwärmt für die herrlichste der Frau'n,
Dulcinea von Toboso.

Das schönste Weib. daS auf der Flur,

Zur Göttin sie erlesen,

Zwar ist es eine Stallmagd nur.

Wie jene ist gewesen —

Doch beugt, als vor der Majestät,

Das Knie er vor der Dame
Devot; — Frau Legitimität
2st der Erwählten Raine.

Als einz'gcr Helfer in aller Roth
2st unS Graf Chambord erkoren;

Acht Monde nach seine« Vaters Tod
Ward er — Heil uns! — geboren.

Mag auch die böse Scandalgeschicht'

3u sagen sich unterfangen,

ES sei mit rechten Dingen nicht
Beim Kindbett zugegangen —

Uns scheert nicht, was man schwatzt und denkt!
Der Prinz, den heiß wir lieben,

^ard uns als Wunderkind geschenkt,

Und jst's bis heut geblieben.

Und er allein ist legitim
Für unS, die Partisane;

Als erste Windel unter ihm
Lag schon die weiße Fahne.

Er blieb uns treu in Leid und Freud',

Auf unser Wohl nur sann er;

Die Windel ist frisch gewaschen heut,

Und heißt — das Liltenbanner.

DeS Kindleinö keusche Mutter fand
Zwar Trost in zweiter Bemannung;

Doch ward das Kindlein aus dem Land
Gestoßen in die Verbannung.

2n fremdem Land hat manches Leid
Und Prüfung es dann erlitten;

Doch standen ihm immer treu zur Seit'
Kreuzehrliche Jesuiten.

Zum Züngling ward' eS und zum Mann,

Von kühnen Gedanken getragen;
von seinen kühnen Thalen kann
Man zwar nicht? Großes sagen.

Doch trug der Prinz sein Loos mit Geduld
2m Süden wie im Norden;

ES ist fürwahr nicht seine Schuld,

Daß er kein Held geworden.

Es trieb ihn ohne Rast und Ruh'n
Bon einem Land zum andern;

WaS konnte der Acrmfle BeffreS thun
Als — wandern, wandern, wandern!

Er sah, wie sein geliebtes Land
Herr Louis Philippe regierte,

Und wie die Republik erstand;

Er sah'S und — protestirte.

Er sah, wie mit der goldnen Krön'

Prinz Bonaparte sich zierte

Und stieg auf des heiligen Ludwig Thron;

Er sah's und — protestirte.

Er sah, wie die Krone kam zu Fall,

Und was im Lande passirle.

Und wie der Thron zerbrach mit Schall;

Er sah's und — protestirte.

Er sah, wie ThierS ihn frisch und froh
Aus Frankreich exilirtc,

Ter stolze Herzog von Bordeaux
Er sah'S und — protestirte.

Er sah's und flüchtet aufs neue nun
Von einer Stadt zur andern;

Was kann er Edleres wohl thun

AlS — wandern, wandern, wandern!

Antwerpen strahlt in höherem Glanz:

Es nahen viel hundert Gäste —

Welch herrlich legitimer Kranz —

Zu deS „Königs" HuldigungSfcste.

Sie kommen herbei in dichten Reih'»

AuS Lille, Saumur und Nantes
Mit Lilien und weißen Fähnelein,

Die tapfren Ritter Cervantes'.

Doch als sie der Majestät sich tief
Just legen wollten zu Füßen,

Da kam vom Bürgermeister ein Brief,

Der ließ Herrn Chambord grüßen.

Er laS. wie vor Antwerpens Thor
Ter Rath ihn dirigirle;

Den Grafen sammt der Getreuen Chor,

Er las es und — protestirte.

Und sprach: Wir wollen in Gnaden geruhn.
Den Hof z» halten in andern
Gastfreien Städten! WaS können Wir thun
Wohl Bcssres alS — wandern, wandern!
So zieht er denn trauernd weiter fort
Und wandert von Staat zu Staate,

Der Legitimen Schutz und Hort,

Ter größte — Jmpotentate.

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