Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

Seite: 213
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llTaterialfontroKe im Aunstgewerbe.

schließlich möge noch das Grabdenkmal er-
wähnt werden, das Karl Groß für seinen freund
den verstorbenen Bildhauer August Sudler für einen
Münchener Friedhof entworfen hat. Gin schönes,
stimmungsvolles Werk, ein echtes Künstlergrab, das
sich nach unserer Auffassung vorteilhaft unterscheidet
von den gewaltigen Steinkolossen, bei denen offenbar
Trauer und Schmerz nach Zentnern gemessen werden.
Die Darstellung im Relief erinnert an eines der
edelsten Werke des allzufrüh verstorbenen feinen
Künstlers, hinter der Inschriftplatte birgt sich die
Arne mit seinen Aschenresten.

Die weiteren Grabdenkmäler endlich zeugen davon,
daß Groß auch in dieser Kunstgattung seine Schüler
an eine großzügige ernste Auffassung, gute Verhält-
nisse und geschlossene Wirkung zu gewöhnen sucht.

So dürfen wir das Wirken von Karl Groß in
Dresden als erfolgreich in jeder Richtung bezeichnen.

Dresden-Blafewitz. Paul Schumann.

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gewerke.

m Nachlaß des schwedischen Gelehrten
Prof. Rydberg fand sich eine Schrift
„Die weiße Rasse", in der er sagt: das
Schlagwort „Geschäft ist Geschäft" hat
sich mehr und mehr als eine Unabhängig-
keitserklärung der Industrie gegenüber der Ehre
und guten Sitte erwiesen. Verfälschungen von
Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen aller
Art sind an der Tagesordnung; Thenrie und Physik
werden ebensosehr zum Betrug und Verderb wie
zum Nutzen des Menschengeschlechtes angewendet.

Wer wollte die Wahrheit dieser Sätze leugnen?
Es ist kein Deut darin zu viel gesagt. Merkur ist
nicht nur der Gott der Kaufleute, sondern auch der
Diebe. Aber was die Nahrungsmittel anbelangt,
so haben wir seit Jahren eine öffentliche Nahrungs-
mittelkontrolle, die zum Teil streng vorgeht. Und
wir haben auf einem dem Kunstgewerbe verwandten
Gebiete, der Farbenfabrikation und Maltechnik, seit
einer Reihe von Jahren ebenfalls eine Kontroll-
station, die vom bayerischen Staate übernommene
Versuchsstation der Deutschen Gesellschaft zur Be-
förderung rationeller Mahlverfahren. Aber im
Kunstgewerbe, wo heute die Fälschung der Materiale
eine ungeahnte Ausdehnung erfahren hat, hat noch
niemand an eine öffentlich ausgeübte Kontrolle ge-
dacht. Und doch würde eine solche erstens einmal
im Interesse des kaufenden Publikums, zweitens in:
Interesse der soliden Industrie und drittens im

Interesse der Qualitätssteigerung und Exportwert-
steigerung der deutschen Industrie liegen. Das ein-
zige, was im kunstgewerblichen Materiale an eine
öffentliche Kontrolle erinnert, ist der Silberstempel.
Aber wir haben keinen Stempel für echte, reine
Seide, der dein Käufer die Garantie bietet, daß das,
was ihm an Seide angsboten wird, wirklich reine,
animalische Seide ist, nicht aber Zinnchlor mit
Seide x). Und so auf tausend anderen Gebieten des
Kunstgewerbes. Das Beispiel mit der Seide ist be-
sonders interessant, weil sich der Seide gegenüber
der großen Masse des Käuferpublikums bereits ein
lebhaftes und steigendes Mißtrauen bemächtigt hat.
Und ähnlich bei den Goldschmiedearbeiten. Die
künstliche Fabrikation der Edelsteine hat dank ihrer
nun vollkommen gelungenen Synthese solche Fort-
schritte geinacht, daß wirklich vornehmen Damen
die Lust, Brillantschmuck zu tragen, vergangen ist
nnd sie am liebsten, wie anno \8 \3 Stahlschmuck
tragen würden. Auf allen Gebieten des Kunst-
gewerbes ist eine Sucht vorhanden, ein Material
durch ein anderes, minderwertiges zu imitieren, und
die Kunst wird vielfach darin gesehen, bis zu welchem
Grade das täuschend ähnlich nachgemachte Material
dem Original an Ansehen gleichkommt. Beispiele
findet man in meinen: Artikel: Materialfälschung

im Kunstgewerbe in der Kölnischen Zeitung Nr. 7ß5,
Oktober \ty032). Wie kann aber bei einem Gegen-
stände von: Kunstwert die Rede sein, wenn die
Grundlage desselben, das, woraus es geinacht ist,
das Material, eine Falsifikation darstellt, eine Täu-
schung beabsichtigt? Können Surrogate Kunstwerke
sein? Die Errungenschaften der modernen kunst-
gewerblichen Bewegung beruhen zu einen: nicht
geringen Teile darauf, daß uns der Sinn für das
Material und der Respekt vor den: Material wieder
gegeben wurde. Schon Ruskin und Morris
legten hierauf ein großes Gewicht. In der Tat ist
die Materialfrage die eigentliche Grund- und General-
frage des Kunstgewerbes. Nicht nur der Schönheit,
sondern auch der Solidität wegen. Schön kann ein
Gegenstand nur dann sein, wenn das Material, aus
den: er geinacht ist, schön ist. Und solid kann er
nur dann sein, wenn das Material, aus den: er
besteht, solid ist. Die Echtheit des Materials, ob
es sich nun um Gold, Leder oder Seide handelt, ist
geradezu die Voraussetzung der Solidität desselben
und der Möglichkeit, ihn als kunstgewerblichen
Gegenstand ernst zu nehmen. Kostbar braucht das

*) Dgl. hierzu deu Artikel des Derfaffers: „Die Beschwe-
rung der Seihe" iit der „Nationalzeitung" vom 22. ©Ff. ;yos.

a) Dgl. hierzu auch den Artikel des Derfaffers: „Der
Materialstil" in der „Innendekoration", September ;y08.

Kunft und Handwerk. 59. Iahrg. Heft 7.

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