Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Seite: 92
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1913_1914/0108
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
werde", deren Tagewerk es ist, Schulter an Schulter
gute Arbeit zu leisten. „Den Schund bekämpfen,
das Verständnis für gute Arbeit fördern", das ist
wohl der Boden, auf dem sich alle ernsten Be-
strebungen finden müssen. Wohl nicht zuletzt werden
dafür diejenigen zu haben fein, die ein Teil der
Tagespresse in letzter Zeit, kurz gesagt, für „kunst-
handwerksfeindlich" erklären zu müssen glaubte.
Bei dieser Tätigkeit wird auch die Tagespresse
ein äußerst willkommener Mitkämpfer sein, falls
sie wirklich bestrebt ist, all den geschmacklichen Be-
strebungen und Errungenschaften unserer Zeit
gegenüber ein offenes und verständnis-
volles Auge zu haben.

wer die guten Leistungen der Alten verstehen und
schätzen gelernt hat, wird auch gutem, neuzeitlichem
Streben mit Verständnis folgen.

Mag deshalb der reiche Mann einen alten franzö-
sischen Kronleuchter kaufen, nicht etwa weil er alt,
sondern weil er künstlerisch gut und gediegen ge-

Deutscher Cisenkunstguß

von Dr. Rurt Simler-Glogau

Die allerletzte Zeit hat dem Kunstgewerbe eine
überraschend schöne Bereicherung beschert, die vor-
läufig eine fast ausschließlich geschichtliche Bedeu-
tung hat und doch bereits praktische Wirkungen
durch den erfolgreichen Beginn der Neubelebung
dieses Lisenkunstgusses zeitigt, wir stehen mit
unserer historisch geschulten und historisch denken-
den und fühlenden Persönlichkeit noch so fest in
dem Gedankenkreise des vorigen Jahrhunderts,
daß die bereits erfolgte Erweckung der Eisen-
plastik keine großen Schwierigkeiten beim kaufen-
den Publikum zu überwinden hat. Ls kommt
ihrer Wiederbelebung der deutsche Zeitgeist zu-
gute, der nicht bloß augenblicklich seine liebsten
Erinnerungen an das Völkerringen vor too Zähren
anknüpft. Line feste Ideenverbindungsbrücke ist
zu der heroischen Einleitung des Jahrhunderts
geschlagen, wir beschäftigen uns reichlich mit deren
Kultur und finden einen verborgenen und ver-
gessenen allerliebster: Sprossen des Kunstgewerbes
wieder, den wir als das ureigene Kind der Be-
freiungsjahre ansehen können.

Mit der endgültigen Einkehr des Friedens und
der Freiheit in die deutschen Gaue trifft die Ent-
wicklung des deutschen Eisenkunstgusses zur höch-
sten Vervollkommnung zusammen. Unglaublich
rasch entfaltet sich die Blüte dieser Lisenplastik,
die durch den eintretenden „nationalen Gehalt"
die ausgiebigste Nahrung und Förderung erhält.

arbeitet ist, so ist darüber nichts einzuwenden;
wir teilen den Respekt vor dem guten Stück. Irr-
tümlich aber ist die Anschauung, als ob eine Sache
nur deshalb gut wäre, weil sie etwa alte Patina
hat oder gar vom Auslande kommt,
wie viele echte japanische Bronzen werden dem
Publikum zugeschoben, die der Fachmann als
Formgüsse minderwertiger Antimon-Bleilegierun-
gen bezeichnen muß, und die Altertumsindustrie
treibt nicht nur in Italien und Paris, sondern auch
in unserer engeren kseimat ganz üppige Blüten.
Darum: nur Verständnis und williges Eingehen
auf die heimischen guten Leistungen der Gegen-
wart können mithelsen, die vielen Millionen, die
in die Taschen des Auslandes und dieser zweifel-
haften Industrien wandern, zurückzuführen in die
Kreise, die ein erstes Anrecht darauf haben: D i e
Kreise des aufstrebenden, ehr-
lichen, heimischen Schaffens.

Dezember G. wilhelin.

Die Grenzen, die der Technik des Eisengusses
Jahrhunderte hindurch gesetzt waren, schwinden
rasch nacheinander, und herrlich steht die Eisen-
plastik da, unbestrittene Herrin des Metallgusses
in Deutschland, bis in den zwanziger ^Jahren der
Bronzegnß wetteifernd in die Schranken tritt und
sie im Verein mit dem erstehenden Zinkguß nach
1.835 in ein Schattendasein hineindrängt, das von
der Mitte des t°>- Jahrhunderts an restlos in der
unkünstlerischen maschinellen Form des Eisens auf-
geht.

Die kurze Zeitspanne eines Vierteljahrhunderts
schloß die Entwicklung zur höchsten Stufe und den
verfall der Lisenplastik ein, nachdem sie schon auf
ein Jahrhunderte währendes Dasein zurückgesehen
hatte, das vielleicht nicht einer besseren künstleri-
schen Ausgestaltung zur Renaissancezeit entbehrte.
Nur war die Grenze stets eine sehr beschränkte ge-
wesen. Der ältere Eisenkunstguß kennt allein das
Relief. Ofen- und Grabplatten sind die einzigen
Vertreter dieses älteren Kunstgusses und nach In-
halt und Form am besten auf gleiche Stufe mit
der Reliefplastik der Zinn- und Glockengießer zu
stellen. Eine große Auswahl von derartigen eiser-
nen Reliefplatten besitzen wir leider nicht, der
geringe Metallwert schien kaum die Mühe einer
besonderen Erhaltung und des sehr notwendigen
Schutzes zu lohnen. Die in den parallelen Ge-
werben so tadellose Gnßtechnik der Renaissance

92
loading ...