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Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Seite: 117
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Über neuere Dekorationsmalerei: /Inton Riesgen

von Stephan Steinlein, München

Die neu aufblühende Dekorationsmalerei sieht sich
noch immer vor den Widerpart gegen eine dok-
trinäre These gestellt.

Der hartnäckig sestgehaltenen ästhetischen Forderung,
der Anwendung des reinen Werkmaterials alle
bjoheitsrechte innerhalb der Architektur mit puri-
tanischem Eifer fast ausschließlich und allein zu
wahren, setzt sich das ausgereiste Können der
Malerei in neuerer Zeit bewußt entgegen.
Allerdings einer durch mannigfache Erfahrung di-
sziplinierten Malerei, deren reifste Vertreter im
besten Sinne wieder erlernt haben, daß die Farbe
als Raumelement nicht unabhängig und selbst-
herrlich gerichtet, auf spezifische Wirkung und vor-
dringliche Sonderexistenz bedacht, innerhalb des
Architektonischen ihre Rolle zu spielen berufen ist.
Das asketische Festhalten an der Verwendung der
reinen Werkstoffe um ihrer selbst willen ist indes
nichts als die Nachwirkung einer der Herkunft nach
larviert-ästhetischen, im Grunde jedoch ethisch fun-
dierten Forderung, eine wohl zu verstehende, dar-
um aber von nicht minder bedauerlicher Einseitig-
keit in ihrer einseitigen beharrlichen Dauer.

Ls ist nichts als die Überspannung einer Idee,
deren fundamentale Begründung heute doch nicht
mehr in allen Punkten stichhaltig genannt werden
kann. Das Pochen der Architekten, der Znnen-
künstler, auf die im Grunde einseitige Doktrin der
fast ausschließlichen Verwendung reiner Werkstoffe
stammt als wahlberechtigte Kampfparole aus jenen
ersten Streitperioden einer ethisch verantwortungs-
voller fühlenden Generation, als Weckruf einer
leidenschaftlichen Absage und Anklage wider alle
jene schamlosen Talmiwerte, welche das Regiment
des Pseudo-Rinascimento und der ihm folgenden
Stilhetze mit mehr kaufmännischer Pfiffigkeit und

Rücksichtslosigkeit als künstlerischem Takt und Ge-
wissen in die Welt gesetzt hatte. Zn eine Welt,
die allerdings selber vom Wunsch und willen zur
Täuschung durchaus beseelt, dem Schein und
Trug in jeder Form die Möglichkeit der Aus-
wirkung bot.

Zene Zeit besaß allerdings keine irgendwie achtung-
verdienenden handwerklichen Kräfte und noch viel
weniger subordiniertes Können dekorativ schöpfe-
rischer Künstler. Die von der Staffeleikunst zu
Reformern des Kunstgewerbes gewordenen Maler
drangen von der Gestaltung kunstgewerblicher
Linzeldinge über das Möbel zum Raum und
standen nun auch vor den architektonischen Proble-
men mit Tendenzen, die ihnen zu Anfang alles
andere der Lösung weit würdiger erscheinen ließen,
als das Problem der Farbe als Mittel zur Raum-
gestaltung im Sinne besonnener, gebändigter, deko-
rativer Malerei. Dazu brachten sie, durch ihre
meist akademische Erziehung, nicht die geringsten
handwerklich erworbener: Kenntnisse mit, dafür
aber die tiefste Mißachtung alles dessen, was die
dekorative Malerei im ganzen anging. Durch die
ablehnende Tendenz, welche sie zu allen durch
Tradition gewordenen und weitergebildeten For-
menelementen in ein negierendes Verhältnis setzte,
ward ihnen das Erstrebenswürdigste die technische
Vollkommenheit und das fast völlige vermeiden
tektonischer Gestaltung. Die Tendenz trieb immer
bewußter und dringlicher auf vermeiden „archi-
tektonischer" Gliederungen, man mäßigte Profile
und Gesimse bis zum endlichen Kult der abstrakt
funktionellen Form an sich, und der idealen For-
derung des Tragens und Lastens unter strengster
Verwendung des reinen Materials, „Material-
gerechtigkeit", mit Betonung der letzten wort-

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