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Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Seite: 145
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Zeichnung von )an lvysocki

Moderne Me-aillenkunst

von vr. Max öernhart

Das geistige Leben Deutschlands beginnt seit etwa
zwei Jahrzehnten neue Züge anzunehmen. Nach
dem verrauschen der letzten Ausläufer der klassi-
schen Zeit, deren huinanistische Richtung bis vor
kurzem für unsere geistige Arbeit bestimmend ge-
wesen, verlegte sich der realistische Strm der Deutschen
mehr als zu irgendeiner Zeit vorher auf die Pflege
des Praktischen und Technischen. Symptome, wie der
Rückgang der humanistischen Studien, deuten auf
einen tiefgehenden Wechsel der geistigen Arbeit.
Dabei ist es fraglich, ob jenes Aufkommen der tech-
nischen Interessen nicht zum Schaden der künstle-
rischen Arbeit ausschlagen muß. Man spricht heute
zuweilen von der erzieherischen Bedeutung der
Maschine, von der Klärung unserer ästhetischen
Begriffe durch die praktischen Aufgaben der Technik,
die in allen Dingen auf der Suche nach dem knapp-
sten Ausdruck und der kürzesten Formel ihrer Ab-
sichten ist. <£s läßt sich nun nicht leugnen, daß eben
hierdurch unser Sinn für die Schätzung des Schlich-
ten und Formenklaren sich verfeinert hat. Daneben
aber treibt die Kultur der Gegenwart so viele un-
erfreuliche Erscheinungen hervor, daß wir manch-
mal von einer heimlichen Sehnsucht nach der mehr
aufs Dichterische gerichteten Zeit ergriffen werden.
Als Beispiel diene der pinweis auf den beginnen-
den Ruin des Bühnenlebens durch das Aufkommen
des Kinematographen. Er bietet dem naiven
Schaubedürfnis die Handlung nicht durch das künst-
lerische Mittel der Sprache, sondern durch das tiefer-

stehende der bloßen Gebärde dar. Ihm gelingt eine
mechanische Vervielfältigung des Lebens, die zwar
den gröberen Sinnen des Durchschnitts entgegen-
kommt, im Grunde aber eine Einbuße an künst-
lerischer Kultur bedeutet. Auch auf anderen Ge-
bieten macht sich das vorwalten des technischen
Geistes unerfreulich geltend. Das Ausscheiden des
Individuellen aus der schöpferischen Arbeit hat
nun — wir sind ja alle Zeugen dessen — auch auf
die bildende Kunst übergegriffen. Denn was anderes
als die Erhebung des wissenschaftlichen über das
Künstlerische, des psychologischen wie über das
ästhetische was bedeuten die Absichten des Futu-
rismus und verwandter Bestrebungen,
wie schon des öfteren beklagt wurde, hat auch das
Gebiet der Medaille unter der Herrschaft des Tech-
nischen und Maschinellen zu leiden. Die leichte
Möglichkeit der mechanischen Vervielfältigung führt
den üblen Nachteil mit sich, daß die ursprüngliche
Empfindung des Künstlers ihres persönlichen Hau-
ches beraubt und zum unpersönlichen Tharakter
einer künstlerischen Ware verurteilt wird. Das Auge
dessen, was man Publikum nennt, haftet allzu
leicht an der Glätte einer gefälligen Oberfläche, als
daß es gegen die geleckte Art der bis vor kurzem
üblichen Medaille, wie sie in Frankreich und «Öster-
reich heute noch herrschend ist, etwas einzuwenden
hätte. Bedauerlicher noch als der irregeleitete Ge-
schmack der Allgemeinheit ist das Urteil enes be-
deutenden Fachmannes wie Victor v. Renner, der
gelegentlich der Besprechung der Medaille in der

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Kunst und Handwerk. 6«*, )ahrg. Heft 6.

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