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Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Seite: 197
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fungen durch Künstler aufzuzeigen sind, so können
für diese Erscheinung gute Gründe angeführt werden.
Zunächst stand der entwerfende Künstler vor einer
viel freieren Aufgabe als in anderen Zweigen des
Kunstgewerbes; Material, Technik fordern in wenig
gebietender weife ihr Recht. So ist es erklärlich,
daß völlig frei komponierte, stark individuelle
Schöpfungen hervorgebracht wurden. Ls ist kaum
zu bezweifeln, daß sich der Schreiner, Schlosser oder
Goldschmied u. a., gestützt auf begründete Reservat-
rechte ihres Handwerks, weniger fügsam erwiesen
als etwa der Schneider oder seine Kollegin, Hier
konnte, man sich also um einer aparten Wirkung
willen, die nur für e i n e Persönlichkeit erdacht und
angestrebt wurde, wohl einen Seitensprung er-
lauben. Line Verallgemeinerung solcher indivi-
dueller Lösungen, die ohne Voraussetzung, gleich
einem Werk der bildenden Kunst, rein aus dem
künstlerischen Impuls hervorquellen, mußte auf eine
schiefe Ebene führen. Die Zahl der geeigneten
Künstler, welche sich in dieser weise betätigten, war
sodann auch viel zu gering, um dem allgemeinen
Bedürfnis zu genügen; häufig hatte nur der aparte
Reiz der Trägerin die Intention ausgelöst. Dieser
weg war also nicht für alle gangbar. Man suchte
dann in der weise auf breitere Basis zu gelangen,
indem man allenthalben Kostüme um ihrer selbst
willen schuf und die Wahl ganz dem Interessenten
überließ. Damit war der Boden des Kunsthand-
werkes, auf dem wir in der Kostümfrage stehen
sollten, verlassen und der Konfektion um ein be-
deutendes näher gerückt.

Echte, rechte Handwerkskunst ist die Resultante aus
der Ausgabe, den erfüllbaren wünschen des Be-
stellers und (eigentlich an zweiter Stelle) aus der
Auffassung des produzierenden Kunstgewerblers.
Diese Bedingungen haben alle klassischen Werke des
Kunstgewerbes geboren, die modernen und die
alten. Lin gutes Kleid ist die Resultante aus dem
Wunsch der Auftraggeberin und der individuell
künstlerischen Lösung durch den aussührenden Teil.

Ls gibt wohl kein kunsthandwerkliches Gebiet, das
der Frau näher liegt — als die Frauenkleidung.
Alle theoretischen Erwägungen sind wertlos, die
den psychologisch leicht erweislichen Grundsatz
leugnen, daß die Frau ihre körperlichen Reize
durch das Kostüm zu heben bestrebt ist. wer aber
wäre feiner empfindend für das „was" dieses
Schmuckes als die Frau selbst? Ich meine, der ent-
werfende Künstler nimmt die Schöpfung eines
Kostüms zu sehr bildmäßig, er erdrückt durch seine
Individualität, die männlich ist, das Beste in der
Bekleidungskunst: den Schick. Er vermag ein schön-
heitstrunkenes Bild zu schaffen; es wird aber stets
ohne das sein, was wir der Frauenkleidung so sehr
wünschen: prickelndes, entzückendes
Raffinement. Kein Mann — und fei er noch
so feminin — wird allein jene Geheimnisse er-
gründen, ähnliche Kompositionen aus Eleganz und
Grazie erdenken können, die in der Atmosphäre des
Seine-Babel wie von selbst erblühen und die wir,
bodenständig, in deutschem Sinne anstreben. Aus
diesem Gebiet bleibt unsere Kunst doch immer eine
harte Männersache. Etwas, das allein im anderen
Geschlechtwurzelt, kann wohl fürTag undStunde vor-
getäuscht, doch niemals voll von uns gelöst werden,
was der Künstler in dieser Einsicht nicht restlos
zu erreichen vermag, erreicht die Künstlerin.
Sie, selbst ein Weib mit geläutertem Geschmack,
wird allein das in Linien, Formen und Farben aus-
drücken können, was wir von der fortschreitenden
Verbesserung der Frauenkleidung erhoffen.
Geradezu unbegreiflich muß daher die Tatsache
erscheinen, daß diese Ziele von den künstlerisch
tätigen Frauen so wenig erstrebt werden. Hunderte
von Kunstgewerblerinnen mühen sich jahraus,
jahrein gegen geringe Entlohnung an Aufgaben ab,
die ihnen gar nicht liegen. Die eigentliche
Frauenkunst aber überläßt man fast
noch ganz den Konfektioneusen,
Warenhäusern oder dilettantischen
versuchen.

Der Saperisthe Runstgewerbeverein

feine Tätigkeit und Wirksamkeit

(Sericht an Sie (Herren LanStagsabgeorSneten Ses
besonderen VII. Ausschusses zur 202. Sitzung der
Kammer der flbgeordneten vom IS. Dezember 1S1Z)

Der hohe Landtag hat kraft seines Amtes über die
Mittel zur Förderung des Kunsthandwerkes mit
zu befinden gehabt und hat bei dieser Gelegenheit
einem besonderen Ausschuß die Prüfung der zurzeit
bestehenden Verhältnisse übertragen. Ls darf

vorweg unsrer Freude Ausdruck gegeben werden,
daß der hohe Landtag das Kunstgewerbe als be-
achtenswerten und wichtigen Faktor anerkannt und
daß er die notwendigen Positionen zur Förderung
desselben bewilligt hat.

Die kritische Beleuchtung der Verhältnisse im
VII. Ausschüsse war eingeleitet worden durch die
Tagespresse, welche im Frühjahr schon und im
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