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Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Seite: 219
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L. 3- ^chmid

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vom Runstgeschmack und seiner Förderung

Das Geschmacksurteil erfolgt allemal mittels des
Vermögens, durch Lust und Unlust zu werten,
was dem Sinnengeschmack gemäß sein wird, läßt
sich von vornherein nicht ausmachen. Ob mir
etwas schmeckt, weiß ich erst, wenn ich es ver-
sucht habe. Darum gehören die aus elementaren
Sinnesempfindungen geschöpften Urteile der indi-
viduellen Erfahrung an. Ls gibt keine Theorie
des Geschmacks der Sinne. Dies hindert nicht, daß
viel überflüssiger Lärm über Dinge erhoben wird,
die sich der Beugung unter eine allgemein gültige
ästhetische Norm entziehen. Sehr viele Kunstwerke
enthalten neben den höchsten ästhetischen Wirkungen
zugleich solche, die von dem individuellen Geschmack
als unangenehm empfunden werden können, ohne
daß diesem der berechtigte Vorwurf mangelnder
ästhetischer Reife gemacht werden darf. Die Musik
Richard Wagners, Richard Straußens, die Werke
der Impressionisten und viel anderes, auch inner-
halb der alten Kunst, stößt bei ästhetisch sonst hoch-
stehenden Menschen auf solche widerstände der
elementaren Sinnlichkeit, und es ist nur eine Frage
des Lharakters, ob sie ausgesprochen oder dem
Modeurteil angepaßt werden, von der Stellung-
nahme zu der sonstigen ideellen oder ästhetischen
Bedeutsamkeit der angedeuteten Kunstwerke ist
hier nicht die Rede. Das Bestreben aber, den
eigenen, individuellen Sinnengeschmack elementarer
Natur zum allgemein verbindlichen Gesetz zu er-
weitern, also in solchen ursprünglichen Voraus-
setzungen der ästhetischen Empfindlichkeit einen
Geschmack zum Dogma zu erheben, ist ebenso un-
duldsam wie borniert.

Dennoch ist alles darüber einig, daß Geschmack-
losigkeiten allerorten gen Himmel schreien. Und
die Geschmacksverbesserer schreien mit. Sehr häufig
ist das Klagelied, daß der Geschmack der Zeit im
Argen liege, nur eine Variante des Leibspruchs
jeder ästhetischen Elique: „Nul n’a d'esprit que
nous et nos amis". Kant hat recht, wenn er
sagt: „Alles Interesse verdirbt das Geschmacks-
urteil und mit ihm seine Unparteilichkeit". Das
gilt, — mag das Interesse Kunsthandel, Lamara-
derie, Ehrgeiz, Eitelkeit, pädagogischer Eifer, pa-
triotische Begeisterung oder sonstwie immer heißen.
Die Erfahrung lehrt, daß eine ausgebildete Ge-
schmacks-„Richtung" dazu neigt, dogmatisch zu
werden, die Geschmäcker anderer Leute zu ver-
ketzern, — die andere Richtung paßt ihr eben nicht.
Obschon nun der elementare Sinnengeschmack un-
endlich variiert, so gibt es doch über ihm eine
feste Plattform, von der aus gewisse Haltepunkte
für allgemeiner gültige Geschmacksurteile sichtbar
werden. Im rohen Zustande des Geschmacks pflegt
der ästhetische Reiz nach seiner Ouantität gemessen
zu werden. Man sieht's am Kinde und am Bar-
baren: je greller die Farbe, je lauter der Ton, je
primitiver der Rhythmus, je derber die Form, desto
angenehmer die Empfindung. Der feinere Ge-
schmack, anstatt Genuß zu empfinden an der
Stärke sinnlicher Eindrücke, beginnt Freude zu
haben an wohlgefälligen sinnlichen Verhältnis-
sen, und zwar an solchen, die keine zu starken
Kontraste umfassen. Nebenbei gesagt: man täte
der reinen Kunst einen Gefallen, wenn man von
ihr nicht sagte, daß sie „genossen" wird (wie

Aonst und Handwerk. 64. 3ahrg. Heft 9.

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