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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 3.1868

Seite: 55
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Deutschlands stand: klarer konnte der große Abstand, die
künstlerische Beziehung zwischen ihnen kaum ausgesprochen
werden, so groß war die Kluft. Wir billigen durchaus
nicht die Richtung, welche die königliche Anstalt einge-
schlagen hat. Wie Sevres mit der Malerei, so hat sie
mit der Plastik zu viel hohe Kunst getrieben; es war Kunst
am unrechten Orte verwendet. Jhre Leistungen gingen
über die Grcnzen der Kunstindustrie hinaus und waren
doch nicht reine Kunst geworden. Man konnte und mußte
ihre Arbeiten in gewisser Weise schätzen, aber sie erfreuten
und erwärmteu uicht; manche wareu sogar durchaus ver-
fehlt. Nichtsdestoweniger waltete mit edler Entschieden-
heit das Bestreben ob, sich auf künstlerischer Höhe zu
halten.

Jn dieser Beziehung sind die Staatsfabriken keineswegs
weder ihren Traditionen noch ihrer Bestimmung untreu
geworden, und sie haben auch darin stcherlich ihren Zweck
erfüllt, durch ihr Beispiel die Privatthätigkeit in gewisser
Höhe zu halten und die Porzellanfabrikation überhaupt
vor dem völligen Versinken in das Gemeine zu bewahren.
Jhre Geschmacksbildung, ihr künstlerischer Charakter sind
allerdings verfehlt oder verschoben, abcr wir sind ja eben
drauf und dran, diese zu bessern, und hätten mit den Staats-
fabriken den Anfang machen können. Unabhängig von den
Wechselfällen des Geschäfts, unabhängig vom Mode-
geschmack der Menge und doch, von jeher und auch
jetzt noch, von großem Einfluß auf die private Fabrikation,
wären sie eines der wirksamsten Mittel in unseren Händen
gewesen, den gewünschten Umschwung herbeizuführen.
Museen und Schulen errichten wir zu diesem Zweck, aber
die Werkzeuge, die schon fertig sind und die nur einer
Umänderung und Verbesserung bedürfen, die zerstören wir
selber und lassen durch ihre Zerstörung die Jndustrie, die
wir heben wollen, erst um einige Schritte tiefer sinken.
Hier in Oesterreich hört man schon klagen, daß man seit
Aufhebung der kaiserlichen Fabrik nicht einmal mehr
stofflich einen feinen Porzellantellcr erhalten könne.

Die Franzosen haben noch einen andern Grund, wa-
rum sie ihre Staatsfabriken, selbst mit den größten Opfern,
aufrecht erhalten, und dieser Grund hat auch anderswo
seine Gültigkeit. Diese Fabriken schaffen dem Lande fort-
während einen Stock der ausgezeichnetsten Arbeiter, der
gewohnt ist, an dem Besten und Schönsten, an den größten
Aufgaben, die dem Jndustriezweige gestellt werden, seine
Kräfte zu üben, der, unter die Privatfabrikation sich ver-
theilend, diese selbst erhebt und zu höheren Leistungen be-
fähigt. Nehmt diese praktischen Schulen hinweg, und
ihr werdet alsbald die Lücke fühlen und sehen, die ent-
steht! Jetzt wollen wir in Deutschland aller Orten die
Kunstindustrie aus ihrer Versunkenheit erheben, den Ge-
schmack umbilden, die Schöpfungen veredlen, verschönern,
verfeinern, aber überall fehlen uns die Künstler, die zur
Ausführung dienen, die zur Stütze solcher Bestrebungen

uneutbehrlich sind. Wir brauchen Jahre, sie durch künst-
liche Hebemittel aller Art uns zu schaffen; sollten wir
da nicht vor allem bedacht sein, bereits bcstehende An-
stalten, wenn sie dem gleichen Zwecke dienen können, zu
erhalten und darnach einzurichten, zumal wir sie nur mit
größten Opfern neu errichten könnten? Unsere Aufgabe
ist nur, sie in zweckmäßige Kunstanstalten umzuwandeln,
sie auf den rechten Weg zu bringen, und das ist nach deu
Ergebnissen und Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr
so schwer.

Wien. Jacob Falke.

Äus dem Wiener Leluedere.

Der neue Oberstkämmerer. — Eine Ncstaurir-Schule. — Das
DepSt der Galerie. — Der Katalog. — Ein interessanter
Fund. — Herausgäbe eines photographischen Werkes. — Die
Restauration des Rogier van der Weyden vollendet, die der
Jo bevorstehend.

Jhrer freundlichen Aufforderung, den Lesern der
Zeitschrift etwas aus dem schönen Hause zu erzählen,
welches seit Kaiser Joseph'sll. Zeitendie herrliche Samm-
lung des Erzherzogs Leopold Wilhelm beherbergt, ent-
spreche ich um so lieber, da es den Anschein gewinnen
will, als käme in diesen sonst so stillen Organismus ein
neues Leben. Der neue Chef der Hof-Behörde, zu deren
Ressort die k. k. Galerie gehört, geht nach Allem, was
wir wahrnehmen, energisch daran, frisches Blut in die
mattgewordenen Glieder dieser Anstalt zu leiten und be-
reits sind einige Dinge im Werke, welche den lebhafteren
Pnlsschlag der verjüngteu Säfte deutlich merken lassen.

Als ich den Namen des neuen Oberstkämmerers zum
ersten Male nennen hörte, erinnerte ich mich, wie oft in
unserer berühmten Albertina Bände mit Kupferstichen
gefehlt hatten, von denen die Custoden, wenu man sie
verlangte, als Entleiher denselben Namen nannten, der
jetzt an der Spitze der Kunst-Sammlungen unserer Resi-
denz steht. Sie können sich vorstellen, daß mir diese
Erinnerung aus der Albertina als ein gutes Omen für
die neue Verwaltung der Kunstsammlungen des Hofes
erschien, und besonders für das Belvedere, dessen Schätze
gewissermaßen wie Dornröschens süße Schönheit im ver-
zauberten Schlosse schlummern.

Zu den erfreulichcn Zeichen einer kommenden besseren
Zeit gehört vor Allem die jetzt in's Leben tretende Jdee
einer im Belvedere eiuzuricktenden Nestaurir-Schule.
Es giebt wohl kein Fach, in welchem durch Pfuscherei
ärgeres Unheil angerichtet wurde und wird, als das des
„Restaurirens", mit welchem Ausdrucke für erfahrene
Kenner jene höchst sichere und qualvolle Hinrichtungs-
Methode bezeichnet wird, durch welche bereits unzählbare
Meisterwerke der Malerei, besonders die mit Lasuren ge-
segneten, vom Leben zum Tode befördert worden sind, und
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