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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 3.1868

Seite: 58
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Bilder angegeben sind, ein Fund, der die Knnstfreunde in
den weitesten Kreisen auf das lebhafteste interessiren dürfte.
Die Heransgabe dieses Jnventars gilt als bevorstehend.

Die KunsthändleuvMiethke nnd Wawra geben, wie
Jhre Leser schon wissen, ein photvgraphischcs Werk heraus,
in welchem Zeichnungen hiesiger Künstler (man wählte
dazu die besten Kräfte) nach den Perlen der k. k. Galerie
vereinigt werden sollcn. Es ist zn hoffen, daß das Unter-
nehmen in durchaus künstlerischer Weise angefaßt und
dnrchgeführt werden wird; ist ein solches Werk nicht sehr
gut, so ist es sehr schlecht; im ersteren Falle kann es aber
sicher sein, einerseits scine Rechnnng zn finden, andererseits
einer reichen Galerie Ehre zu machen. So fragt man
sich z. B., wie denn die „Justina" wohl in dieser neuen
Neprodnktion gelingen wird, und da haben wir mit Freude
gehört, daß Bitterlich, ein Schüler Rahl's, der nament-
lich als trefflicher Zeickmer hier in hoher Achtung steht,
sich für diese schöne Anfgabe lebhaft interessirt. Mögen
die dem Unternehmen gewidmeten Kräfte, Arbeiten nnd
Kosten ein schönes Resultat zu Stande bringen!

UnserbekanntesAltarbildvonNogier vanderWeyden,
von Waagen zuerst mit Recht diesem edlen Schüler der
van Eyck zugeschrieben, hat im abgelanfenen Jahre eine
dnrchgreifende Restauration erfahren. Wie manche kost-
baren Gemälde unserer Galerie, war es in Folge der
Meißner'schen Luftheizung „aufgestanden", d. h. es hatte
sich an zahllosen Stellen die Farbe blasenförmig vom
Grunde abgehoben. Engcrt unterzog sich der schwierigen
Aufgabe, das Bild wieder auf seiner Unterlage festzumachen,
mit der größten Sorgfalt; auch wurden bei dieser Ge-
legenheit jene Schäden, welche theils die Zeit, theils eine
frühere Restauration (unter Krasft) demselben zugefügt
hatten, nach Möglichkeit gutgemacht, und zwar mit dem
besten Erfolge, so daß es wohl eines sehr scharfen
Auges bedarf, um dem Bilde die überstandene Kur
anzusehen; es ist auf lange Zeiten hinaus gerettet nnd
läßt ohne alle Störung die gediegenste Vollendung
aller Theile, den tiefen seelischen Ausdruck, die satte,
klare und mildleuchtende Färbung genießen, durch welche
Vorzüge dieser edle Meister in so hohem Grade ausge-
zeichnet ist. — Dem Vernehmen nach steht auch die „Jo"
von Correggio auf der Liste der Gemälde, welche demnächst
restaurirt werden sollen. Dieses bewundernswerthe Bild,
dem man endlich auch im Auslande die Ehre des Origi-
nals geben zu wollen scheint (wenigstens hat ihm Waagen
in seinem Buche über das Belvedere diesen Tribut gezvllt)
ist an mehrfachen Stellen barbarisch übermalt, besonders
in der Luft; auch ist es theilweise sehr schmutzig; es steht
nun zu erwarten, ob sich nach Abnahme der Uebermalungen
und des SchmutzeS guterhaltene Originalstellen oder doch
solche Anhaltspunkte finden werden, welche die Herstellung
im Geiste der (noch sehr beträchtlichen) gut erhaltenen
Theile ermöglichen werden. Der noch mehr in derselben

Weise verunstaltete Ganymed, das Gegenstück der Jo, wird
dann hoffentlich auch nicht mehr gar zn lange auf Erlö-
sung zu hoffen haben.

Wien, Anfang Januar 1868.

W. Wy.

Korresponderrzen.

Bcrlin, Anfang Januar.

-s- Böse Beispiele verderben gutc Sitten, nicht minder
in der ästhetischcn als in der moralischen Welt. Das
wurde ich jüngst mit einem gewissen Entsetzen gewahr, als
ich bei Lepke's Salon vorbeigehend ein kleines Bildchen
am Fenster erblickte, das von keinein Geringeren, als von
Wilhelm Gentz herrührte, und das von Gckrome in
dem letzten Pariser Salon mit frivoler Licbe behandelte
Thema wieder anf's Tapet brachte, einen oricntalischen
Sclavinnenmarkt, auf dem ein roher Serailmakler einer
jungen nackten Sklavin in glcichgültiger Brutalität mit
ein paar in den Mund gesteckten Fingern die Zähne
untersucht. Ein Künstler von so originellem Wcrthe, wie
Gcntz, ist schwerer als cin anderer minder begabter dafür
verantwortlich, wenn er sich von einem künstlerischen
Repräsentanten modern - französischer moralischer Ver-
kominenhcit in's Schlepptau nehmen läßt und nun gar in
seiner gesund-realistischen Kunstart die tiefste Herabwür-
dignng der menschlichen Natnr darstellt, über deren boden-
lose Traurigkeit der Franzosc echt charakteristisch durch
äußerliche Glätte wenigstens vorübergehend zu täuschen
weiß. — Von Paul Meyerheim waren bei Lepke Kühe
auf einem Waldwege zu sehen, ein Bild, das die volle
Einkehr des Künstlers in die schlichte Natur in erfreulicher
Weise konstatirt, und in technischer, besonders aber in
coloristischer Hinsicht einen überraschend günstigen Einflnß
seiner Studien in Frankreich gewahrcn läßt, wie ihn
einige in Paris selbst gemalte Bilder kaum in Aussicht
stellten. Es wird freilich wohl eine Weile währen, bis
das durch seine „geistvollen" Affen entzückte und über-
reizte „große" Publikum in solchen Bildern seinen Liebling
auf derselben, ja noch höherer Höhe stehend erkennen
wird, als ehedem; aber die Zeit wird kommen, und die
Geschmacksläuterung des Künstlers auch seinen Verehrern
zu gute kommen. Dies alles sagen wir im Entferntesten
' nicht, als ob wir in grämlicher Pedanterie in jenen
früheren Bildern die sprudelnde Frische eines höchst
genialen jungen Künstlers verkannt hätten; nur haben
wir stets, wie noch jetzt, die sinnvollen Thiere höchstcns
fllr eine Domäne der Jllustration halten können, und
nicht ohne Grund Gefahr vom Mißbrauch gefürchtet. —
Auch einige andere Bilder, wie Landschaftcn von Oswald
und Andreas Achenbach, eine kleine höchst feine und
duflige von Bernhard Frics und besonders ein Thier-
stück von Auguste Bonheur dürfen nicht unerwähnt
bleiben.— VonAdolph Schreyer ausFrankfurta.M-,
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