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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 3.1868

Seite: 72
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werthlose Bildet um bedeutenden Preis habe „an-
schmieren" lassen.

Der „Vcrf." der Rettung konnte dieses köstlichen
Winkes nicht verfehlen, und spann seitdem, glücklich die
Restaurationsangelegenheit los zu sein, das angefangene
Thema in einer Reihe von Feuilletons der „Post" unter
der Ueberschrift: „Die Museumsfrage im Abgcordneten
hause" in verschiedenen Schattirungen wciter, wobei er
mit wunderbarer Anmaßung und Selbstgefälligkeit vom
hohen Pferde seiner untrüglichen und vor Alters schon
bewährten Weisheit herab plumpe Streiche ohne Wahl
nach allen Seiten austheilte.

Ehe er das heiklige Restaurationsthema aber ganz
verließ, hielt er es für nöthig, mich seinen ganzen Zorn
empfinden zu lassen, indeni er es besonders empörend
fand, daß ich aus der (faktischen) Anonpmität seines
Artikels für mich die Berechtigung abgeleitet hattc,
„Zweifeln und Bedenken willig Raum zu geben," und
mich dafür mit einer Blüthenlese aus cinem noch unge-
druckten Wörterbuche zu scineu „Dioskurcn" überschüttete,
dadurch seiuerseits den Beweis liefernd, daß er den Streit
aus dem Gebiet des Sachlichen in's Perjönliche hinüber-
zuführen gesonnen sei, was er bis da allen seinen Gegncrn
— versteht sich mit Unrecht — vorgeworfen hatte, um
den eignen Mangel sachlicher Argumente ;u verstecken.

Unter solchen Umständen mußte ich mir leider in einem
Artikel der Spener'schen Zeitung „Andrea dcl Sarto
und kein Ende" die Mühe nehmen, ihm den Unterschied
zwischen Sache und Person an diesem speciellen Fall als
Beispiel etwas zu verdeutlichen und ihm die bis dahin vor-
gebrachten, die Sache als solche recht scharf treffenden
Argumentationen seiner Gegner ins Deutsche zu über-
setzen, indem ich zugleich am Schlusse meine Bereitwillig-
keit zu ferneren ähnlichen Auseinandersetzungen, falls sie
gewünscht würden, aussprach. Der Herr hat sich indessen
mit einer „letzten Erklärung" klüglich aus der Affaire
gezogen, iu der er als Mohr seine Schuldigkeit, — gewiß
mit Recht, — gethan zu baben glaubt.

Dies der äußere Gang einer Angelegenheit, die,
wenn es nach menschlicher Berechnung geht, leider um
einen bedauerlichen Preis, den Berlust eines der edelsten
Kunstwerke, für unsere Kunstzustände epochemachend werden
muß. Es ist diese famose Restauration eben nur ein für
Jeden augenfälliges und begreifliches Specimen von der
Art und Weise, wie in unseren Kunstinstituten geschaltet
wird; und nur die Menge von Mißgriffen der verschie-
densten Art, die sich die Generaldirektion kraft ihrer
unverantwortlichen Machtvollkommenheit während dreier
Decennien ungeahudet hat dürfen zu Schulden kommen
laffen, und die bei dieser eklatanten Gelegenheit wieder
insgesammt frisch in die Erinnerung treten, giebt dem Er-
eigniß eine solche Tragweite und rechtfertigt einen
solchen Sturm der öffentlichen Meinung, wie er sich

jetzt erhoben hat. Es scheiut kaum glaublich, und wäre
- wenigstens trost- und hoffnungslos, wenn die alten Zu-
stände diese ihre schlimmste Ausgeburt sollten alt und
vergessen werden sehen.

Berlin, im Febrnar. Bruno Meyer.

Korrespondenzen.

Wicn, Anfang Februai.

b''. Seit ich Ihnen znletzt geschrieben, lst ein Um-
j schwung im politischen Leben Oesterreichs eingetreten,
wie er in den Annalen der modernen Staatengeschichte
kaum cin zweites Mal verzeickmct steht. Wic natürlicki,
j kuüpfen sich an das folgenschwere Ereigniß auch auf
künstlerischem Gebiet Hosiuung und Zuversicht aller
dercr, die mit deu ösicntlichen Zuständen unseres Kunst
lebens vertraut, aber davon nicht cben in jeder Beziehung
^ sehr erbaut sind.

Vor Allem gilt dies von einigen Fragen, welche die
Arckiitekturwelt der Kaiscrstadt in letzter Zeit so lebhast
bewegt haben. Das Ministcrium des Jnnern, in desseu
Machtsphäre die Angelegenheit der vielbesprochenen beiden
kaiserlichen Muscen hineiufällt, hat einen neuen, durch
reichc und vielseitigc Bildung wie durch eineu cntschicdeu
fortschrittlichen Geist ausgezeichneten Chef erhalten. Wird
er — so fragt man sich gespannt — nun auch diese
gründlich verfahrene Sache dem Einfluß einer beschränkten
^ Büreaukratie zu entziehen und vor das cinzig kompetentc
Forum, nämlich vor das der Kunst und ihrer bewährten
l Vertreter zu bringen wissen? Wir wollen es hosfen.
Durch nichts könnte sich das neue parlamentarische Rö-
gime in den Augen der Welt mehr schaden, als wenn cs
unsre höchsten und wickitigstcn künstlerischen Jnteressen
mit Gleichgültigkcit behandelte. Es gilt jetzt, zu zeigen,
daß nicht mehr der svgenanute aufgeklärtc Absolutismns,
sondern gerade die wahre Bolksregierung Boden und
Bürgschaft für eine gesunde Blüthe des geistigeu und
künstlerischen Lebens darbiete.

Auch der dritte Mnseumsbau, der sich für dic aller
nächste Zeit als ein driugendes Bedürfniß hcrausgesteUt
hat, der des österreichischen Museums für Kunst und
Jndustrie, *) harrt noch immer der definitiven Ent-
scheidung. Hier ift es nicht die Regierung, sondern die
Gemeinde, welcher der schlcppende Gang der Sache in
ihrem jüngsten Stadium zu verdanken ist. llnsere Väter
der Stadt sind wahre Meister der parlamentarischen Ber-
schleppungSknust. Sie haben jetzt auch cin Mittcl gcfun

") Jn auswärtigen Blättern habe ich diesen Bau wieder-
holt niit dem zuvor erwähnten Neubau für die beiden kaiser
lichen Museen verwechselt gefunden. Diese letzteren sollen die
Galerien uud naturwissenschaftlichen Sammlungen des Hofes
in sich aufnehmen, während das österreichische Museum eine
bekanntlich erst vor wenigen Jahren begründete,'zur Hebung
der Kunstindustrie bestimmte Staatsanstalt ist.
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