Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 3.1868

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fernsten Westen, selbst aus den deutschen Künstlerkolonien
Amerika's waren die Gäste herbeigeströmt, und bildeten
mit der Künstlerschaft Wien'S nnd der dentsch-österreichi-
schen Kronländer, sowie mit einigen Knnstgenossen dent-
scher Schule aus Ungarn eine ebenso zahlreiche wie bunt-
gewürfelte Menge, die sich zu ernstem Rathen und heiteren
Thaten brüderlich vereinte*).

Daß für das Erstere selbst unter den Kunstgenossen
sich eine weit geringere Theilnahme zeigte, als Manchcr
erwarten mochte, erklärt sich daraus, das für sehr viele,
wenn nicht für die Mehrzahl der Besncher Wien über-
haupt, jedenfalls aber das neue Wien, eine bisher unbe-
kannte Größe war. Sie wanderten eben lieber in den
Galerien herum, die man während der Festwoche sämmt-
lich geösfnet hatte, oder schlenderten durch die prächtigen
neuen Straßen und Parkanlagen, anstatt in den Sitz-
ungen über Pensionsfonds und Statutenänderungen zn
schwitzen. Dazu kam, daß der geistige Gehalt dieser Sitz-
nngen, von dcn iuternenAngelegenheiten derGenossenschaft
abgesehen, diesmal wie schon seit mehreren Jahren
ein zienilich dürftiger war. Am ersten Tage, an welchem
übrigens die Theilnahme sich nock etwas reger zeigte,
fand die allgemeine Begrüßnngsfeierlichkeit, die Vorstel-
lung des Büreau's nnd der Delegirten statt. Als Präses
fungirte der Maler Selleny aus Wien, als erster Vice-
präses Maler Frhr. v. Blomberg aus Berlin, als
zweiter Präses der BildhauerProf. Knoll aus München,
als Schriftführer der Maler Aigner und der Kupfer-
stecher Post aus Wien. Nachdem der Bürgermeister von
Wien, Or. Zelinka, nnd der Kultusminister v. Hasner
den Künstlern im Namen der Stadt nnd des Staates
ihre Bewillkommnungen dargebracht, gedachte der Vor-
sitzende der Verstorbenen, zunächst der beiden Künstler-
fürsten, König Ludwig I. von Bayern und Peter v.
Cornelius, dann der abgeschiedenen Mitglieder der
Genossenschaft, und unter ihnen des jüngstverstorbenen

*) Vertreten waren die Lokalgenossenschaften von Berlin
(durch den Delegirten Frhrn. v. Blomberg), Breslau
(Deleg. Brehmer), Darmstadt(Deleg. Felsing und Noack),
Dresden (Deleg. Simonsen), Düsseldorf (Deleg. Hoff und
Schlesinger), Franksurt a. M. (Deleg. Malß), Hamburg
(Deleg. Steinfurth), Karlsruhe (Deleg. Dieß), Leipzig
(Deleg. vr. Mothes), Magdeburg (Deleg. Wodick), München
(Deleg. Kuoll und Schleich), Stuttgart (Deleg. Kurz), Wei-
mar (Deleg. Thumann), Wien (Deleg. Friedländer und
Selleny). Von den anwesendenGästen seien ferner genannt:
die HH. Arnold (Dresdcn), Alb. Becker (Berlin), Herm.
Becker (Köln), C. L. Brandt (New-Uork), H. Bürkner
(Dresden), A. Doundors (Drcsden), W. Georgh (Leipzig),
E. Hünten (Düsseldorf) Th. Kaufmann (Ncw-Uork), I.
Knabl (München), G Lüdcritz (Berlin), H. Mackart
(München), E. Max (Prag), E. Milster (Berlin), B. Neher
(Stuttgart), H. Rustige (Stuttgart), E. E. Schäffer
(Frankfurt a. M.l, C. Steinhüuser (Karlsruhe), H. Wittich
(Berlin).

Emannek Leutze, in welchcm die Versammlung einen
ihrer Gründer zu verehren hat. Frhr. v. Blomberg
dankte im Namen der Versammlnng für den herzlichen
Empfang. Dann ging man zur Tagesordnung über.
Diese betraf erstens Asseknranz-Angelegenheiten, zweitens
den Fonds der Albrecht-Dürer-Stiftuug.*) Der Delc-
girte von Düsselvorf legte den nach Maaßgabe eiues
früheren Beschlnsses modifizirten Statutenentwurf der
Stiftung vor. Es wnrde beschlossen, das Elaborat deu Lo-
kalgenossenschaften znr nochmaligen Berathnng znkommen,
danndurch denHauptvorstand redigiren zulassen, und endlich
in der nächsten Delegirten-Versammlung darüber defini-
tiv abzustimmen. — Beträchtlich interessanter und wich-
tiger war dcr zweite (nnd zngleich letzte) allgemeine Ber-
sammlnngstag. Zunächst entschied man über den Ort
der nächsten Ansstellung: es ward einstimmig nnd
unter lebhaftcr Akklamation Berlin gewählt, ein Be-
schlnß, der gewiß allseitigen Beifall sinden wird. Als
Zeitpunkt ist das Jahr l 872 in Aussicht genommen. Ferner
wnrde zum Ort der nächsten Künstlerversammlung Nürn-
berg bestimmt, und zwar soll diese Bersammlung am 20.
Mai 1871 znr Feier des 400sährigen Gebnrtstages
Dürer's in den Mauern seiner Vaterstadt erösfnet werden.
Auch dieser Beschlnß trägt seine Nechtfcrtignng in sich
selbst. Unter den übrigen Verhandlungsgegenständen sind
noch zwei besonders hervorzuheben: erstens die neuerdings
augercgte Debatte über das artistische Eigenthums-
recht nnd zweitens die Regelung der Preiskonknr-
renzen. Die Kunstgenossenschaft sieht die Jnteressen der
Künstler durch den von buchhändlerischer Seite ansge-
gangenen neuen Entwurf über das artistische Eigenthums-
recht in mehreren Punkten ernstlich bedroht, und die Ver-
sammlung beschloß daher, eine gegen jenen Entwurf ge-
richtete Petition auszuarbeiten, dieselbe znnächst an die
Lokalgenossenschaften zur Amendirnng und Beschlnßfassnng
zu leiteu und sodann im kommenden Jahre dem Bundes-
rathe und Reichstage des norddeutschen Bundes vorzulegen.
Vou einschneidcnder Wichtigkcit kann dcr Beschluß über
die Preiskonkurrenzen werden. Auch auf den ftüheren
Genossenschaftstagen war das Unwesen, das in unscrer
Zeit mit den Konknrsen getrieben wird und worunter be-
sondcrs die Architekten viel zn leiden hattcn, wiedcrholt
zur Sprachc gckommen. Die in der Wiener Versammlung
über diesen Pnnkt geführte Debattc war die pikanteste der

*) Bei dieser Gclegenheit seien zwei unliebsame Ver-
sehen in den Zahlenangaben unsereS Nückblicks in voriger Nr.
der Knnst-Chronik berichtigt. Der Kassabestand der Albrccht-
Dürer-Stiftung ist nämlich nicht 10,000 Thlr., wie dort an-
gegeben, sondern dies ist die Gesammtsunnne des Vermögens
ddr Genossenschaft, von welchem der Albrecht-Dürer Fonds
nur einen Theil bildet. Ferner war der Ertrag der ersten
allgemeine» AuSstellnng lin Mllnchen) nicht >0,000 Fl., sondern
14,000 Fl. südd. W.
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