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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 3.1868

Seite: 195
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diesmaligeu Berhandlungen. Vcn allen Seiten trugen
die Redner Stoff zu Beschwerden über die unerträglichen
Mißbräuche zusammen, die neuerdings denn auch schon
dahin geführt haben, daß ehrenwerthe und bedeutende
Künstler gar nichts mehr von Konknrrenzen wissen wollen
und an ihrer Statt die einfache Bestellung der Werke bei
namhaften Meistern empfehlen. Hier wird zu Gnnsten
eines Bevorzugten der festgesetzte Termin für die Einsen-
dung der Konknrrenzarbeiten verlängert; dort „verquickt"
man die eingelanfenen Pläne zu einem „höheren Dritten"
und findet die Urheber der besten Arbeiten, nachdem man
sie geplündert, mit „Honoraren" für ihre Mühewaltung
ab, und was dergleichen Unfug mehr ist. Um nun dieser
Willkürherrschast, wenn auch nicht durch ein Gesetz, so doch
durch ein einmüthiges Botum der gesammten deutschen
Kunstgenossenschaft moralisch zn stenern, beschloß die Wie-
ner Versammlung, von den Lokalgenossenschaften in Ber-
lin, Düsseldorf und Wien einen darauf bezüglichen Ent-
wurf ausarbeiten zu lasseu. Derselbe soll die Normen
feststellen, welche nach dem Ermessen der Kunstgenofsen-
schaft bei Preiskonkurrenzen einzuhalten sind. Nachdem
über diese dann die Bota der Lokalgenossenschaften einge-
holt sein werden, hat das Plenum weiter zu beschließen.
Ein Hauptpunkt, der dabei zur Sprache kommen muß,
ist die Frage nach der Zusammensetzung der Jury. Hier
kommen die unglaublichsten Dinge vor. Hat doch noch
jüngst der Wiener Gemeinderath das absurde Princip be-
folgt: keine Kunstgelehrten in die Jury wählen zu laffen,
die über die Rathauskonknrrenz entscheidcn soll. Keine
Kunstgelehrten — aber Gemeinderäthe! Ein Wink für
unsere Freunde Eitelberger, Falke, Heider, Zimmermann
u. s. w., nur bei Zeiten Väter der Stadt Wien zu werden,
wenn man sie in 'der Rathausfrage für kompetent halten
soll! Ein weiterer Punkt ist die allgemeine Einführung
der Defsentlichkeit, uicht nur durck Ausstellung der Pro-
jekte, sondcrn bci Kunstwerken von allgemeinem Jntereffe
und monumentaler Bedeutung auch durch öffentliche
Abhaltnng derJury-Berhandlungen. Wäredieser
Grundsatz beispielsweise bci der vorjährigen Jury über
dic Wiener Musenmspläne befolgt worden, es wäre
Manches nicht geschchen und die Sacke stände beffer, als
sie leider jetzt steht.

So barg die Bersammlung der deutschen Kunstgenoffen-
schaft in Wien in ihrer unscheinbaren Hülle doch manch
fruchtbaren Kern. Aber die eigentliche Bedentung und
idealc Weihe bekam sie durch die gleichzeitige Erösfnüng
des Wiener Künstlerhauses und der dritten allgemeineu
deutscken Ausstellung. Speciell das Kunstleben Wiens
wird von dem Zusammenfallen dieser Ereigniffe — soviel
kann man schon jetzt mit Gewißheit sagen — eine neue
Epoche zu datiren haben.

(Schlnb folgt.)

Korrespondenzen.

Kassel, Ende August.

ch: Gestattcn Sie mir, meinem ersten Berichte über
hiesige Kunstverhältnisse cinen knrzen Nückblick auf die Ver-
gangenheit vorausznschicken, der zum vollen Verständniß
der Gegenwart nicht ganz überflüssig sein dürfte. Jch darf
als hinreichend bekannt voraussetzen, daß unter der kur-
hessischen Regierung von einer Pflege oder Förderung
der bildenden Kunst so gnt wie gar nicht die Nede ge-
wesen und daß man iu jenen Regionen sein offizielles Ge-
wissen vollkommen damit bernhigt fühlte, wenn der Etat
deö Staatshaushaltes alljährlich mit einer bestimmten
Snmme für die Kunst-Akademie belastet erschien. Um
Weiteres kümmerte man sich nicht, überließ die Anstalt
einer schlechten Berwaltung, duldete, daß sie ihre kümmer-
liche Existenz in einer elenden Lokalität fristete und hatte
es schließlich dahin gebracht, daß ihr bloßes Dasein für
viele Einheimische eine Mythe geworden war. Die
Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen die Feindseligkeit,
welche der kurfürstliche Hos allem künstlerischen Streben
und Schafsen gegenüber an den Tag legte, mag denn
anch der Grund gewesen sein, daß die au der Akademie
angestellten wirklich talentvollen Lehrer in ihrer Thätig-
keit allmälig erlahmten, da ihr keinerlei Ermunterung zu
Theil wurde; andere, „die's Gott sei Dank nicht nöthig
hatten", begnügten sich mit ihrer Professoren-Würdc und
ließen Kunst — Knnst sein. Ein strenger Befehl hielt
überdies die Bilder-Galerie dem Stndiiim verschlossen,
und unter solchen Umständen konnte von einer Heranbildung
junger Talente nicht die Rede sein. Dieser gänzliche
Mangel an Theilnahmc für einen der edelsten Zweigc
menschlicher Thätigkeit scitenS der Kreise, die vor allen
dazu berufen erscheinen, sie kräftig zu fördern, mußte denn
auchnachgeradedieFolgehaben,lähmend anfdaskünstlerische
Schaffen zu wirken und es dürfte nicht leicht eine Stadt
von der Größe nnd Bedeutnng der unsrigen zu sinden
sein, in welcher die künstlerische Thätigkeit geringer ge-
wesen. Von einem Knnstsinn in privaten Kreisen, der
sich in Ankäufen oder Bestellungen äußert, war fast keine
Rede, nnd nnr die jährlichen Ausstellilngen des Kunst-
vereins hielten die Einwohnerschaft einigermaßen in einer
losen Verbindung mit dem Kunstschaffen der Gegenwart.
Längst hatten die bedeutenden Talente der Vaterstadt den
Rücken gekehrt und den Kaffeler Künstlernamen auf
dankbarerem Bvden zu Ehren gebracht.

Unter solchen Verhältnissen überraschte nns die ncue
Zeit und ließ anch auf diesem Gebiete sofort wahrnehmen,
daß ein intelligentes Regiment an die Stellc des alten ge-
treten war. Eine der ersten Verfügungen der Regierung
cröffnete unsere schmählich verschlossen gehaltenen Kunst-
sammlungendemBesuchedesPublikums und dem Studium,
wies der Akademie passende Räumlichkeiten an und be-
stellte eine zeitgemäße Verwaltung derselben. Von Düffel-
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