Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 21.1886

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21. Iahrgang.

Nr. 28.

1885/86.

Aunstchronik

April.

Wochenschrift für Aunst und Aunstgewerbe.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine.

l^erausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur j)abst

Wien Berlin, VV^. '

Therefianumgasse 25. Rurfürstenstraße 3.

Lxpedition:

keipzig: L. A. Seemann, Garteristr. zs. Berlin: w. ks. Kühl, Iägerstr. ?z.

Die Runstchronik erscheint von Mktober bis Ende Iuni wöchentlich, im Iuli, August und September nur aller ^ Tage und kostet in verbindung
mit dem Runstgewerbeblatt halbjährlich 6 Mark. — Inserate, ä 30 j)f. für die dreispaltige ssetitzeile, nehmen außer der verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein L vogler in Leipzig, wien, Berlin, München u. s. w. entgegen.

Inhalt: Neuentdeckte Handzeichnungen Botticelli's zum Inferno. — R. woermann, Geschichte der Malerei; Byzantinische Gmails; Gipsabgüsse
von Teilen der Lorscher Halle im Museum zu Darmstadt. — R. A. Regnet f; R. Schuler ch. — Aufdeckung einer griechischen Grakel-
slätte. — wereschagins Gemälde in Berlin. — l?empers Bauten, ^kizzen und Lntwürfe; Aus j)aris; Über die vorbereitungen zu der
Berliner Iubiläumsausstellung; Berlin: Deutsche Gewerbe- und )ndustrieausstellung für ^888. — Auktion von Brenken-Bechade in Röln
— Zeitschriften. — Berichtigung. — Inserate.

Neuentdeckte handzeichnungen Botticelli's zum
Inferno.

Über die mit der Hamilton-Sammlung uach
Berlin gekommenen Manuskriptenschätze und speziell
über die bis dahin fast unbekannten Handzeichnungen
Saudro Botticelli's zu Dante's Commedia ist auch
in diesen Blättern des vfteren gesprvchen wvrdeu >).
Jmmer aber mischte sich in die Freude dieser bedeuten-
den Erwerbung das Bedauern über einige fehlende
Blätter. Denn die 84 Zeichnungen des Berliner
Kupferstichkabinettes bilden keine ununterbrochencFolge,
bildeten sie schon im Jahrc 1803 uicht, wie die Kvlla-
tionirung des Francesco Bivliui beweist. Jm Jnferno
z. B- sehlen dem Texle uach die Gesänge I—VI und
VIII—XV. Fol. 1 giebt die Jllnstratiou zum sieben-
ten, Fol. 2 u. s. s. diejenigen vom XVII. Gesange
au. Die fehlendcn Blätter t—VII und IX—XVI
mußten aber wohl existirt habeu, da man ja die Zeich-
nung zu Gesang VII hatte und Vasari überdies be-
richtet, der Künstlcr habe das Jnferno illustrirt und
es im Druck ausgehen lassen. Man nimmt gewöhn-
lich an, wir hätten in den scltenen Stichen der Folio-
ausgabe von 1481 niit dem Kommentar des Christo-
phoro Landino, gedruckt in Florenz von Nicholo di
Lorenzo della Magna Nachbildungcn der Jllustrationen
des Botticelli. Da aber in den vollständigsten Exem-
plaren mindestens achtzehn Stiche zu den ersten Ge-

1) Zeitschrift, Bd. XVIII, S. 116 und Beiblatt, Sp. 59
und 64. Vgl. Lippmann im Jahrb. der preuß. Kunstsamml.
von 1883, S. 63 ff.

sängen des Jnferno vorhanden sind und sich beraus-
gestellt hat, daß die drei in Berlin erhaltenen Hand-
zeichnungen jedenfalls als Grundlage sür die gleichen
Stiche der Ansgabe von 1481 gedient haben so müssen
notwendig auch die sünfzehn fehlenden B.ätter zum
Anfange des Jnserno einst wirklich vorgelegen haben.

Es ist mir gelungcn, sicben dieser Handzeichnungen,
zu denen als achte die wertvolle Gesamtdarstellung der
Hvlle kvnimt, in dcr Vatikanischen Bibliolhek
aufzusinden ^). Sie finden sich in einer Miscellaneen-
handschrift der aus dem Besitze der Königin Christine
von Schwcden ini Jahre 1690 an den Vatikan über-
gegangenen Mannskriptenschätze, Ivelche untcr dem
Namen der Libllotbson keZinolwis bekannt sind. Mit
den bei Pertz^) genannten Fragmenten wurden unsere
Blätter erst unter Pius IX. zusammengebunden.

Jch zweifelte schon beim Gewahrwerden der be-
treffenden Pergamentblätter und noch viel weniger
bei Durchsicht der Zeichnungen keinen Augsnblick an
ihrer Zugehörigkeit. Wie wäre auch wohl ein
Zweifel denkbar bei dem, der nur einmal einen
Blick anf jenc phantasicvoll, kräftig gezeichnetcn Jllu-
strationen gelvorfen, wclche das Berliner Kupferstich-
kabinett ja jedem zugänglich gemacht hat^)?

1) Es drängt mich, msinem Freunde vr. Reitzenstein zu
danken, der mich, wie auf andere Miniaturen, so auch auf
diese Blätter zuerst aufmerksam machte.

2) Archiv untsr der Registernummer 1896.

3) Vergl. auch dis bis zum dritten Teile gediehene
Publikation „Zeichnungen von Sandro Botticelli zu Dante's
göttl. Komödie", herausgegeben von Friedrich Lippmann.
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