Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Literatur

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LITERATUR

Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des deutschen,
niederländischen und französischen Kupferstichs im
XV. Jahrhunderl. Textband I, Tafelband I. Wien, Ges.
f. verf. K. 1908. 40 und Fol.

In musterhafter Ausstattung liegt ein monumentales
Werk vor uns und gleichzeitig das Lebenswerk seines Ver-
fassers. Seit über fünfundzwanzig Jahren hat Max Lehrs
mit dem geduldigen unvoreingenommenen Scharfblick des
echten Kenners und mit vorbildlicher Gründlichkeit aus
allen erreichbaren Kupferstichsammlungen Europas das
Material zu seinem Buche zusammengetragen und kritisch
gesichtet. Wer den Verfasser und seine Arbeitsweise kennt,
der wußte im voraus, daß diese Publikation ein Muster-
werk in ihrer Art werden würde. In der Tat bedeutet sie
für den gegenwärtigen Stand unserer Wissenschaft einen
Abschluß und gleichzeitig für alle weitere Forschung eine
sichere Grundlage.

Die große Arbeit, die Lehrs nunmehr der Öffentlich-
keit übergibt, gliedert sich in drei Teile. Der erste, die
primitiven Stecher vor dem Meister E. S. umfassend, ist
hiermit vollendet. Die Darstellung ist eine zwiefache. Zu-
nächst gibt L. in zusammenfassender Übersicht eine Ge-
schichte des frühen Kupferstichs, sodann die Kataloge der
einzelnen Stecherwerke, die durch eine kritische Besprechung
ihrer Meister eingeleitet werden. Die Aufgabe des Histo-
rikers war in diesem Falle dadurch erschwert, daß die
feststehenden Daten, deren man sich zur zeitlichen und
örtlichen Bestimmung der Künstler unmittelbar bedienen
konnte, spärlich vorhanden sind. Die Methode mußte sich
daher mancher bisher nur ungenügend beachteter Neben-
umstände bedienen, um mit ihrer Hilfe auf hypothetischem
Wege die historische Entwicklung zu konstruieren. Bei
der ruhigen objektiven Betrachtungsart des Verfassers, der
vorsichtig erwägend von Bekanntem zu Unbekanntem fort-
schreitet und auf das sorgsamste sein Urteil formuliert,
gewinnt seine Darstellung den Charakter des Unangreif-
baren. L. kommt zu dem Resultate, daß wir im äußer-
sten Südwesten Deutschlands und in dem benachbarten
Grenzgebiete der Schweiz die ältesten Stätten der Kupfer-
stechkunst zu suchen haben. Er macht es wahrscheinlich,
daß der Meister der Spielkarten in der Gegend von Basel
zu lokalisieren sei, woselbst wir auch den Meister von
1446 und den des Johannes Baptista zu suchen haben
würden. Auch die nächsten großen Stecher, der Meister
E. S. und Schongauer, gehören als Elsässer der Nachbar-
schaft eben dieses Bezirkes an. Etwas später treten dann
die niederländischen, burgundischen und französischen
Meister auf. Ausführlich wird uns die Verwendung der
primitiven Kupferstiche auseinandergesetzt, die nur zum
Teil im Sinne moderner Auffassung um ihrer selbst willen
als Bilder betrachtet werden wollten, während sie im
übrigen praktischen Zwecken dienten, als Vorbilder für
Handwerker oder zum Schmuck von Manuskripten, Ablaß-
briefen und Glückwünschen verwendet wurden. Auch über
die Technik verbreitet sich der Verfasser und sagt über
die historische Entwickelung und Bedeutung der einzelnen
Stecher, über Art und Bestimmung ihrer Werke alles, was
gesagt werden kann.

Zehn Meister sind es, die in diesem ersten Bande als
deutlich umgrenzte Persönlichkeiten mit einem Oeuvre auf-
treten. An den bedeutendsten von ihnen und gleichzeitig
den frühesten, den Spielkartenmeister, wird außer den ein-
zelnen Persönlichkeiten seiner Nachfolger noch eine ano-
nyme Gruppe seiner Schule angereiht. Oanz am Schluß
figurieren noch drei anonyme niederländisch-französische

Stiche. Der größere Teil der behandelten Meister — außer
dem Spielkartenmeister, die Meister von 1446 und 1462,
der Nürnberger Passion, des Johann Baptista, des St. Wolf-
gang — sind Deutsche, und zwar mit der einzigen Aus-
nahme des Meisters von 1462 Oberdeutsche. Zu ihnen
kommen in der zweiten Abteilung ein Niederländer (der
Meister des Todes Mariä), zwei Burgunder (die Meister
des Calvarienbergs und der Liebesgärten) und ein Fran-
zose — ein einziger nur! Was hätte Bouchot dazu gesagt!
Durch die reichlichen Reproduktionen des Tafelbandes, für
die vernünftigerweise der Lichtdruck gewählt worden ist,
werden Geschichte wie Katalog veranschaulicht und ergänzt.
Alles, was sich an Notizen über jedes einzelne Blatt in
der Literatur finden ließ, ist sorgfältig vermerkt und hierin
vermag ich durchaus kein Zuviel zu erblicken, da bei der
äußersten Seltenheit dieser Drucke jeder, wenn auch noch
so flüchtige Hinweis wertvoll werden kann.

Die einzelnen Bestimmungen des Verfassers zu kriti-
sieren, bin ich nicht imstande, doch glaube ich, mich über
dieses Unvermögen damit trösten zu dürfen, daß es den
allermeisten Kunsthistorikern nicht anders gehen wird.
Nur langjährige Spezialforschungen auf demselben Gebiete
können zu einer eingehenden Kritik dieses Kataloges autori-
sieren. — Statt dessen seien mir ein paar allgemeine Be-
merkungen vergönnt.

Selbstverständlich können so eingehende Spezialfor-
schungen wie die vorliegenden von der großen Menge des
Publikums weder verfolgt, noch in ihrem Werte gewürdigt
werden. Sie sind zunächst nur für die Gelehrten da und
kommen erst mittelbar in ihren letzten Resultaten der allge-
meinen Bildung zugute. Sehr zu bedauern wäre es indessen,
wenn innerhalb der Fachkreise der hohe Wert des hier Ge-
leisteten irgendwie verkannt werden sollte. Daß einige Ab-
seitsstehende an solch einer gründlichsten Katalogarbeit eine
übertriebene pedantische Breite bemängeln, will nicht viel
sagen. In jeder Wissenschaft gibt es Vertreter, die fern vom
Schusse sich die Zeit damit vertreiben, daß sie die Taten der
anderen beschwatzen — den trojanischen Greisen vergleich-
bar, die am skäischen Tore auf der Mauer saßen und die
Streiter durchhechelten, die sich unten in der Feldschlacht
plagten. Lassen wir sie! Den Jüngeren und Rüstigeren,
denen, die noch selber mittun, darf indessen Lehrs in
mehr als einer Hinsicht als vorbildlich gelten. Er hat sich
mit aller Hingebung strengsten Pflichtgefühls einer Auf-
gabe unterzogen, die insofern eine gewisse Entsagung er-
forderte, als sie nicht zu den verlockenden gehört, nicht
zu denen, die durch die Erhebung reichlicher Genüsse den
Forscher wieder und wieder für seine Arbeit belohnen.
Aber auch solche Aufgaben müssen von der Wissenschaft
gelöst werden. Und die Art, wie Lehrs dieses getan, die
Sauberkeit seiner methodischen Arbeit ist musterhaft. Er
hat damit die vor einem Jahrhundert von Bartsch eingelei-
tete Bearbeitung graphischer Kunst auf eine neue — die
höchste bisher erreichte Stufe erhoben und eine Forde-
rung aufgestellt, mit der sich jeder künftige Bearbeiter
dieses Gebietes abzufinden hat. Wir haben alle Ursache,
gerade jetzt, in einer vom Journalismus überfluteten Zeit
kunstgeschichtlicher Arbeit, den methodischen Wert dieses
Lebenswerkes eindringlich zu betonen. Sodann aber ver-
dient noch ein anderes an diesem Buche und seinem Ver-
fasser hervorgehoben zu werden. Ich meine die mensch-
lichen Eigenschaften der völligen Unvoreingenommenheit,
der freudigen Anerkennung fremden Verdienstes, der mil-
den, wenn auch sachlich entschiedenen Abwehr fremder
Verkehrtheiten, des freimütigen Bekenntnisses der eigenen
früheren Irrtümer. o. Pauli.
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