Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart
NF 2.1891
Seite: Heft10
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Fig. 1. Doppelborte von einem Leinenärmel aus Aklimim. Östeir. Museum.

SPÄTANTIKE STICKEREIEN,

VON ALOIS RIEGL.
MIT ABBILDUNGEN.

OR der Erschließung der nach-
pharaonisehen Gräber von Sak-
karali und Akhinira hat man in
der Regel alle Verzierungen an
den gemalten oder gemeißelten

___ Gewändern aus dem Altertum als

nrch Stickerei hervorgebracht angenommen, einige
wenige rieten auf Kunstweberei. Die ägyptischen
•lextilfunde brachten eine unverhoffte Aufklärung:
es darf heute als ausgemacht gelten, dass die antiken
Gewandverzierungen zum größten Teile als
gewirkt zu denken sind. Von einer Kunstweberei
kann in den Ländern um das Mittelmeerbecken vor
Einführung der Seidenweberei keine Rede sein. Dagegen
wäre es gefehlt, das Gleiche hinsichtlich der
Stickerei anzunehmen. Es steht außer Zweifel, dass
der Stickerei im klassischen Altertum allezeit neben
der Wirkerei ein gewisses Betätigungsfeld eingeräumt
geblieben ist. Für die hellenistische Zeit beweisen
es die von Stephani (Compte rendu de la
comni. arcli. de St. Petersburg 1881, 112, Taf. III.)
Pubüzirten taurisehen Funde, für die ausgehende
Antike diejenigen aus Ägypten. Welches war nun
das der Stickerei im Altertum überlassene Bethä-
tigungsfeld?

Vor allem erscheint es notwendig, angesichts
noch immer schwankenden Datirung der ägyp-

KuiistgewertieWatt. N. F. II.

der

tischen Textilfunde die in der Überschrift gewählte
Bezeichnung „spätantike Stickereien" zu rechtfertigen.
Wie die Mehrzahl dieser Funde überhaupt, so werden
auch die zur Erörterung bestimmten Stickereien
höchst wahrscheinlich in der Zeit nach 47(5 n. Cli.
entstanden sein. Die Epoche von 476 war gewiss
in politischer Beziehung höchst bedeutsam für das
Abendland, weit minder dagegen für das Morgenland
und am allerwenigsten auf kunsthistorischem
Gebiete. In letzterem Sinne werden wir daher
unsere Stickereien, mögen sie selbst erst dem
7. Jahrhundert angehören, noch immer als spätantik
bezeichnen dürfen, wodurch ihre kunsthistorische
Stellung am prägnantesten zum Ausdruck gebracht
erscheint.

Ferner wird es sich mit Rücksicht auf die vielseitige
Verwendung der Nadelarbeit, die wir an den
ägyptischen Funden beobachten können, empfehlen,
vorerst noch den Begriff der Stickerei wie er im
nachfolgenden zu verstehen sein wird, schärfer zu
umgrenzen. Mit dem von der Nadel geführten
Faden wurden nämlich Verzierungen sowohl auf
gewebtem (Leinwand-) Grund als auch auf gewirktem
(Wollrips-) Grund hervorgebracht. In letzterem
Falle, wo es sich hauptsächlich um weiße Linienzeichnung
auf vorher gewirktem Purpurgrunde
handelte, wurde die Stickerei nachweislich mit

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