Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 8
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1913/0015
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
8



QUALITÄTSARBEIT UND SOZIALPOLITIK







über die Zusammenhänge von Armut und Rassen-
schönheit, von denen ein Auszug im Maiheft der
»Neuen Rundschau« mitgeteilt wird. Dort heißt es:
o »Wer je den Einfluß regelmäßiger Arbeit und an-
ständiger Behausung auf die Lebensführung beob-
achtete, weiß, daß die Geburtenbeschränkung, die jetzt
unter den regelmäßig beschäftigten Arbeitern üblich ist,
zum großen Teil der bloßen Hebung ihrer Lage ent-
springt. . . Die Emporhebung der Hafenarbeiter selbst
nur auf die Lebenshaltung der Gepäckträger bedeutet
schon eine erhebliche Herabdrückung der Fruchtbarkeit
der untersten Bevölkerungsschicht . . .« Das heißt
mit anderen Worten: die Anzahl der durch Vererbung
und Umwelt Lebensuntüchtigen wird durch die Hebung
des Arbeitsniveaus herabgemindert. n

o Es soll jetzt noch in kurzen Zügen von der Ein-
wirkung der Qualitätsproduktion auf den verbrauchenden
Arbeiter gesprochen werden. n

o Neuere Untersuchungen, namentlich von Dr. Paul
Drey in seinem Buche: »Die wirtschaftlichen Grundlagen
der Malkunst, Versuch einer Kunstökonomie«, haben
gelehrt, daß in der Rangordnung der Bedürfnisse,
welche die Grundlage jedes Verbrauchs bilden, das
Kunstbedürfnis durchaus nicht die späte Stelle, die
bisher die Volkswirtschaftslehre ihm angewiesen hat,
einnimmt. Denn damit, daß dieses Bedürfnis lange
Zeit, gerade in der Blüte der werdenden Volkswirt-
schaftslehre, verborgen oder doch verdrängt war (in-
folge bestimmter Entwicklungen, die hier nicht weiter
verfolgt werden können), ist noch nicht der Beweis
für das späte Einreihen des Kunstbedürfnisses in die
Bedürfnisskala von heute gegeben. Weiterhin auf die
Abhandlung dieses Punktes einzugehen, muß ich

mir an dieser Stelle versagen. Es genügt auch
völlig für unsere Zwecke zu erkennen, daß diesem
vorhandenen Kunstbedürfnis die Kunstindustrie mit
ihrem Angebot entgegen kommt. Sie verbilligt die
geschmackliche Herstellung und reicht ihr Angebot
nach Breite und Tiefe dar. Das aber hat zur Folge,
— und dies scheint mir von der durchgreifendsten
Bedeutung zu sein daß der Arbeiter die geschmack-
vollen Dinge, die er in kapitalistischer Großproduktion,
und geradezu durch sie erst in ihrer Massenhqfligkeit
bedingt, herstellt, auch konsumieren kann. o

□ Denn durch diese gegebene Möglichkeit des Kon-
sums geschmacklich einwandfreier Gegenstände muß
notgedrungen die Feindseligkeit gegen den zerrüttenden
Kapitalismus seitens des Arbeiters herabgemindert werden.
Sobald ihn die Tatsache belehrt, daß innerhalb dieser
Wirtschaftsform Werte geschaffen werden, die — von
allen als solche erkannt und begehrt — allen Wirt-
schaftenden gemeinsam zugänglich sind und zugute
kommen, entfallen die wichtigsten Beweise zur Ver-
nichtung eben derselben. — Sehr bezeichnend für
das gesagte ist die fortschreitende Abnahme der
sozialistischen Umstürzlertendenzen innerhalb der Or-
ganisationen der Arbeiterschaft kunstgewerblicher Be-
triebe. — Wo sie organisiert sind (und bezeichnender-
weise sind die Arbeiter des Kunstgewerbes zu einer
weit geringeren Prozentzahl organisiert als die Arbeiter
des allgemeinen Gewerbes), ist ihre Tätigkeit in die
Bahnen ruhiger, sachlicher Wirklichkeitspolitik gelenkt.
° Damit aber ist vermittelst der allerseits erwünschten
Entwicklung zur Qualitätsarbeit ein Weg gewiesen,
der uns ein gutes Stück dem sozialen Frieden näher
bringt. °

DIE GESCHMACKSBILDUNO DES VOLKES
DURCH DIE PFLICHTFORTBILDUNGSSCHULE

Von W. Krehino

IN unserer Zeit der Maschinenarbeit und der qualmen-
den Schlote, des unerbittlichen Konkurrenzkampfes ums
tägliche Brot, des Hastens und des Sehnens nach
äußeren Glücksgütern, erliebt sich auf der Höhe in
Hellerau ein Tempel der Schönheit, eine Stätte, in der man
den Alltag vergißt. Hier durften wir als Krönung des
4. internationalen Kunsterziehungstages eine Feierstunde
verleben. Die Schönheit, die Jacques Dalcroze in diesem
hohen, feierlichen, von verdecktem warmem Licht durch-
fluteten Räume aus dem rhythmischen Empfinden junger
Menschenkinder erweckte, war für viele Kunsterzieher eine
Bekräftigung der auf dem Kongreß mehrfach aufgestellten
Forderung die Freude am Schönen und das Interesse am
Kunstschaffen in unserer Jugend hervorzurufen und fort-
zubilden. Hier wurde uns einer von den vielen
Wegen gezeigt, die zum Ziele führen können, ein Weg,
der in der Idee schon von Goethe vorgezeichnet wurde.
Er fordert in der pädagogischen Provinz rhythmische
Übungen m Bewegung und Gesang, er gibt auch schon

Fingerzeige zu systematischer Schulung, wie wir sie bei
Dalcroze in Vollendung gesellen haben. »Bei dem Vor-
trag eines Chorgesanges«, so erzählt Goethe in den
Wanderjahren, »überraschte der Leiter öfters die Singenden,
indem er durch ein Zeichen den Gesang aufhob und irgend
einen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Stäbchen
berührend, aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied
dem verhallenden Tone, dem vorschwebenden Sinne an-
zupassen«. In diesem pädagogischen LItopia ist überhaupt
alles auf den Rhythmus gestellt, als Vereinigung aller
Grundgesetze der Schönheit, als einende Macht der ver-
schiedenen Schulen der Provinz und der einzelnen Glieder
derselben. »Es schien, als wenn keiner aus eigener Macht
und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer
Geist sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen
großen Ziele hinleitend.« — Nun wird es ja nicht unmöglich
sein, intelligente Arbeiter zum Empfinden des Rhythmus
anzuregen, der z. B. in einer gewaltigen Maschinenhalle die
strebenden Teile des Eisendomes mit den vielen ratternden
loading ...