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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

sein, da möchte man Kränze in die Schulstube hängen, daß
die Schüler sehen, hier wird ein Fest gefeiert. n

□ Wir können auch, zwar nur in ganz bescheidenem Maße,
durch die Schule auf das Haus einwirken. Es sei mir
gestattet, einen Versuch hierzu noch kurz anzumerken. Die
Schüler einer Klasse legen vierteljährlich je 5 Pf. zusammen,
woran sich auch der Lehrer beteiligt, damit er dazu gehört;
jeder Schüler bekommt dann zu seinem Geburtstage von
seinen Kameraden ein Kunstwart-Blatt geschenkt, welches
er sich selbst aus einer größeren Zahl ausgewählter Bilder
aussuchen darf. Dieses Bild rahmt er nun oft mit einem
Kalikostreifen und schenkt es bei Gelegenheit seinen Eltern
oder hängt es in sein eigenes Zimmer. Auf diese Weise
kommen in jede dieser Familien drei gute Bilder, und die
Angehörigen sind gezwungen, sie immer wieder anzuschauen,
was dann doch schließlich ihren Maßstab in etwa beein-
flussen muß. Es wird nicht ohne Interesse sein zu hören,
welche Bilder am meisten Anklang finden, es sind dies
vor allem »Der Tod als Freund« von Rethel und »Der
Frühling« von Millet. Einen Einfluß auf das Haus kann
auch die Schülerbibliothek ausüben, indem vor allen Dingen
nur saubere Bücher ausgeliehen werden, die einen zwar
einfachen, aber künstlerisch einwandfreien Einband tragen;
daß der Inhalt vorbildlich sein muß, ist selbstverständlich.
Ebenso müssen die Elternabende für unsere Ziele benutzt
werden. Ein Lichtbildervortrag, der Schülern und Eltern
Schönheit in jeder Gestalt vor Augen führt, wird immer
großes Interesse finden. Selbstverständlich dürfen solche
Vorführungen nicht in unsauberen, häßlichen Lokalen statt-
finden, vielmehr im Vortragssaal der Schule, der mit künst-
lerischem Geschmack ausgestattet sein muß. Die Forderung,
daß auch die übrigen Schulräume einen wohnlichen Ein-
druck machen sollen, ist schon oft genug aufgestellt worden,
zu wenig Beachtung wird aber an den Pflichtforlbildungs-
schulen durchweg noch den Veröffentlichungen geschenkt.
Diese Blätter finden oft eine große Verbreitung in den
unteren Volksschichten und müssen daher auch geschmack-
bildend wirken. o

o Auf dem Kunstkongreß wurde für die allgemeinbilden-
den Schulen mehrfach die Forderung aufgestellt, daß
die Schüler vorbildliche Baudenkmäler zeichnen müssen,
um ihren Schönheitssinn daran zu schulen und damit sie
Ehrfurcht vor dem Schönen empfinden lernen. Wo die
Verhältnisse günstig sind, wird diese Forderung heute
schon erfüllt; es muß den Schülern aber auch weiterhin,
wenn sie schon im Beruf stehen und die Fortbildungs-
schule besuchen, Gelegenheit gegeben werden, diese lieb-
gewordene Übung fortzusetzen. Es könnte also neben den
sonstigen Veranstaltungen, die die Jugend pflege für die Frei-
zeit eingerichtet hat, ein Skizzierklub gebildet werden, der
dann aber nicht nur Baudenkmäler als dankbare Aufgaben
zu wählen hätte, sondern dem Interesse der jungen Ar-
beiter entsprechend Wert darauf legen müßte, in industriellen
Werken Schönheiten zu entdecken. Auch beim Photo-
graphieren kann so durch den Ausschnitt des Motivs und
durch das spätere Aufkleben des Abzugs der Geschmack
gebildet werden. Um das Interesse für Nachkommende
zu erhöhen, könnten die besten Arbeiten nach dem Vor-
bild der >Heimatsarchive« zusammengestellt werden. □
o Nun, es kann sich hier nur um einige wenige Vor-
schläge handeln,' es werden noch viele andere und vielleicht
auch bessere zu machen sein. Es kommt in dieser Ab-
handlung ja lediglich darauf an, zu zeigen, daß die Pflicht-
fortbildungsschule berufen ist, ein wichtiger Faktor in der
Geschmacksbildung des Volkes zu sein. Weiterhin möchte
ich wiederholt Anregung geben, daß dieser Aufgabe erhöhte
Aufmerksamkeit zugewendet wird. Es ist meine Über-
zeugung, daß es in der Fortbildungsschule, vor allen Dingen
auch in den Arbeiterklassen, kein Lehrthema gibt, das die
Schüler so zu Dank verpflichtet, als wenn es uns gelingt, einen
Keim in ihre Herzen zu legen, der erst in späteren Jahren
als Frucht die Freude am Schönen zeitigen wird. Das
wird ja immer mehr das Ziel unserer ganzen Erziehungs-
arbeit sein, die Sucht nach äußeren Glücksgütern und lauten
Vergnügungen in innere Freudigkeit zu wandeln. o



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







NEUE BÜCHER

R. Brück, Die Sophienkirche in Dresden, ihre Geschichte
und Kunstschätze. Mit 64 Lichtdrucktafeln. Dresden 1912.
o Diese mit Beihilfe des Dresdener Rats herausgegebene,
reich und trefflich illustrierte Publikation über das älteste
Bauwerk, das sich in dem an mittelalterlichen Bauten
nicht gerade reichen Dresden erhalten hat, enthält viel mehr,
als man wohl zunächst in Hinblick auf den Titel erwartet:
sie ist nicht bloß die Beschreibung einer mittelalterlichen
Kirche und ihrer üblichen Denkmale; letztere, die zum Teil
erst durch die neue Instandsetzung der Kirche und die
dabei erfolgten umfangreichen Ausgrabungen zutage ge-
kommen sind, sind von so besonderer Art, daß sie nicht
bloß lokales Interesse haben, vielmehr von ganz allgemeinem
kunst- und kulturgeschichtlichen Werte sind und so auch
die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich zu ziehen
vermögen. Die Kirche selber, die im Jahre 1351 an Stelle
einer kleinen, unscheinbaren Kapelle des dortigen Franzis-
kanerklosters begründet ward, stellt im allgemeinen kein
irgendwie hervorragendes Bauwerk dar. Nur dadurch, daß
sie von Anfang an eine zweischiffige mit zwei Choranlagen
war, beansprucht sie eine besondere Stelle innerhalb der

alten Kirchenbauten Deutschlands. Viel interessanter für
uns ist sie jedoch wohl dadurch, daß sie dann so recht
ein typisches Beispiel für die so vielen durch die Einseitig-
keit des Kunstgeschmacks des IQ. Jahrhunderts verrestau-
rierten alten Kirchen der gotischen Zeit geworden ist: erst
hat man hier, wie üblich, alles, was die Pietät späterer
Jahrhunderte hinzugefügt hatte und sie malerisch, ehr-
würdig und erinnerungsreich gestaltete, pietätlos wieder
hinausgeschmissen, um sie dann so stilgerecht zu ver-
schönern und auszubauen, daß man dann kaum noch er-
kannte, daß man hier einem alten Bauwerke sich gegenüber
befand. Es hat jetzt bei der neuen Instandsetzung Mühe
genug gemacht, diesen Schaden nur einigermaßen wieder
zu kurieren, was vor allem durch den Dresdener Stadt-
baumeister Erlwein trefflich gelungen ist. Wissenschaftlich
interessant ist aber dann, was über den reichen plastischen
Schmuck der Kirche gesagt wird, der sich freilich nur noch zum
Teil in der Kirche selber befindet, zum Teil an anderer
Stelle aufgestellt ist — man denke an das berühmte
»Goldene Tor« am Johanneum — schließlich auch noch
im Dresdener Stadtmuseum und dem des Altertumsvereins
untergebracht ist. Hier wird vor allem noch einmal die
Werkstatt Nossenis, des Urhebers der berühmten Freiberger
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