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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







liehen und sozialen Verhältnisse lassen es notwendig er-
scheinen, daß soweit als möglich die Schule das über-
nimmt, was Familie und Haus in der Regel nicht mehr
leisten und nicht zu leisten vermögen. Daß einem be-
trächtlichen Teile der Großstadtjugend die planmäßige An-
leitung zur körperlichen Erziehung fehlt, die rechte Arbeits-
freude unbekannt ist, zeigt sich vor allem bei der Berufs-
wahl. Die Neigung, schwere körperliche Arbeit zu ver-
richten, nimmt ab. Sehr lebhaft klagt darüber vor allem
das Handwerk. Auch die Industrie leidet zum mindesten
bei günstiger Konjunktur an einem Mangel gelernter
Arbeiter. Der Deutsche Ausschuß für das technische Schul-
wesen hat gerade neuerdings darauf hingewiesen, daß es
für die mechanische Industrie außerordentlich wichtig sei,
eine größere Zahl gut vorgebildeter Facharbeiter als bisher
auszubilden. Damit werde die rasche Anpassung an tech-
nische Neuerungen möglich und so eine wichtige Voraus-
setzung für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf
dem Weltmarkte erhalten. Dagegen ist der Andrang zu
angelernter Arbeit außerordentlich groß. In Berlin machen
die Lauf- und Arbeitsburschen mehr als ein Drittel, in
manchen rheinischen Großstädten fast die Hälfte der er-
werbstätigen männlichen Jugend aus. Die Arbeitsstelle
wird oft gewechselt; der Arbeitgeber kümmert sich nicht
oder nur ausnahmsweise um seine Leute. Vor allem wird
der junge Mensch viel zu früh von seiner Familie unab-
hängig. Er erhält einen verhältnismäßig hohen Lohn;
andererseits steigt dieser nicht erheblich mit zunehmendem
Lebensalter, und die Existenz bleibt dauernd unsicher. Die
Erziehung dieser Massen jugendlicher gelernter Arbeiter
ist eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart. Fort-
bildungsschule und Jugendpflege haben auf diesem Gebiete
bedeutsame Aufgaben zu lösen. Immer wird die erziehliche
Einwirkung, die die Wahl eines bestimmten Lebensberufes
ausübt, fehlen. Von größter Bedeutung ist es daher, daß
die Zahl der ungelernten Arbeiter nicht größer wird, als
es nach den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Ver-
hältnissen notwendig ist. Alle Mittel, die dazu dienen
können, die Jugend zum Ergreifen eines »Gelernten Be-
rufes« zu veranlassen, verdienen daher ernste Beachtung.
Die rechte Beratung bei der Berufswahl durch Volks- und
Fortbildungsschule, durch Schularzt und Arbeitsnachweis
ist ein dringendes Bedürfnis. Vor allem aber wird der
Handfertigkeitsunterricht geeignet sein, die Lust und Liebe
zur Erlernung eines bestimmten Berufes zu erwecken. Auch
im Auslande erblickt man im Handfertigkeitsunterricht das
wichtigste Mittel zur Förderung der gelernten Arbeit und
zur Erziehung eines berufstüchtigen Nachwuchses. Gerade
neuerdings erstreben in England die Unterrichtsbehörden,
die sehr zahlreichen Veranstaltungen für Handfertigkeit in
engere Verbindung mit dem allgemeinen Unterrichtswesen
zu bringen. England ist in steigendem Maße bemüht, die
allgemeine und berufliche Ausbildung der Jugend zu fördern,
in der Erkenntnis, daß davon seine Wettbewerbsfähigheit
auf dem Weltmarkt wesentlich mit bedingt wird. o

AUSSTELLUNGEN

° Ausstellung der Beratungsstelle für das Bauge-
werbe im Landesgewerbemuseum zu Stuttgart. So-
viel mir bekannt ist, ist diese Ausstellung wohl das erste
derartige Unternehmen, das in Deutschland unternommen

wurde, wie ja auch die Bewegung selbst sehr jung ist.
Die Anregung ging von der hiesigen Beratungsstelle aus
und wurden in dankenswerterweise die auswärtigen Unter-
nehmungen beigezogen, die das gegebene Material natür-
lich sehr vergrößert haben und denen es zu verdanken ist,
daß ein nachhaltiger Eindruck uns geblieben ist. Es dürfte
wohl nötig sein, eine kurze Vorgeschichte zu geben und
zu diesem Behuf wollen wir die Beratungsstelle Stuttgart
kurz behandeln. Sie wurde im Jahre 1905 gegründet behufs
Auskunftserteilung an Fachmänner wie Laien in künst-
lerischen und technischen Fragen, die ja zumeist sich
gegenseitig ergänzen. Sehr richtig wurde eine gesunde
Basis dadurch geschaffen, daß für die Bauhandwerker
im weitesten Sinne sogenannte Meisterkurse eingeführt
worden sind, woselbst nach Besuch der Kurse auf Grund
einwandfreier und mustergültiger Vorlagen Wettbewerbe
erlassen wurden, die den Zweck hatten, neue selbständig
entworfene Werkstücke zu schaffen. Dies bedeutet mit
nackten Worten nichts weniger als eine Regeneration des
Kunsthandwerks; von hier aus geht ja eine weitere gesunde
Entwicklung des Architektenproblems. Um nun diese Ar-
beiten sinnfälliger auf uns wirken zu lassen, wenden wir uns
am besten der Ausstellung selbst zu. o

o Zuerst zu unserer einheimischen Beratungsstelle unter
der Leitung des Prof. Schmohl. Eine Reihe von zum Teil
ganz minderwertigen eingesandten Entwürfen stehen den
einwandfrei gelösten Umarbeitungen gegenüber. n

o Hausentwürfe, die deutlich erkennen lassen, daß das
Hauptbestreben des Einsenders auf das Konstruktive ge-
richtet war, sind trotzdem ungewandt gelöst. □
o Es fehlt zumeist ein klarer, auf das Ganze gerichteter
Wille. Während so die Techniker im allgemeinen kein
besonders glänzendes Bild geben, beweisen die Bauhand-
werker schon einen besseren Geschmack. Laternen und
Leuchter von Schlossern und Drehern sind ganz hübsche,
aus der Materialbehandlung hervorgewachsene Arbeiten.
Ferner beteiligen sich Schreiner und Zimmerleute unter
anderen mit Holzbrüstungen und dergleichen, überhaupt
ist fast jeder Handwerkerstand vertreten. Am originellsten
wirken jedoch die Grabkreuze, die in ihrer Naivität etwas
an alte Tiroler Sachen erinnern. Doch das Schwerste für
den Architekten wie für den künstlerisch empfindenden
Laien sind die kleinen Bauten, die zu technischen Zwecken
dienen, Transformatorenhäuschen und sonstige verwandte
Bauten, hier wurde hauptsächlich für eine hübsche Form,
die trotzdem ihrem Zweck vollkommen dient, und für
eine harmonische Einfügung in das Landschaftsbild gesorgt.
An zweiter Stelle wäre dann noch der Bayrische Verein für
Volkskunde zu nennen, sowohl Villen wie das typische
bayrische Bauernhaus vom Gebirg zeigend, ferner Haus-
bemalungen, Grabsteine und die allbekannten Marterln vor-
führend. Ein bezeichnender Zug ist darin zu finden, daß ein
Hauptwert auf die farbige Behandlung gelegt wird. Der
schlesische Landesverein zeigt besonders Backsteinbauten,
im allgemeinen landwirtschaftlichen Zwecken dienend, Köln
bringt ganze Häuserblocks in Umarbeitung. Es ist zu
hoffen, daß alle beteiligten Kreise sich für diese so allge-
meine Sache erwärmen können, sie müssen es sogar, denn
es ist im Interesse aller Kunstgewerbler, wie auch nur eine
sehr allgemeine Beteiligung uns auf unserm Wege einen
guten Schritt vorwärts bringt. O. H.

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Für die Redaktion des Kunstgewerbeblattes verantwortlich: Fritz Hellwao, Berlin-Zehlendorf
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig. — Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h. in Leipzig
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