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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 61
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KUNSTGEWERBEBLATT

NEUE FOLGE SM 912 /1-3 TS2^-JAHRGANG

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WANNSEEBAHN ■ TELEPHON: ZEHLENDORF 1053

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VLIvLrtU. HOSPITALSTR. IIa ■ TEL. 244

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JANUAR

VEREINSORGAN £"RB*vS

BERLIN, DRESDEN, DÜSSELDORF, ELBERFELD,
FRANKFURT A. M., HAMBURG, HANNOVER, KARLS-
RUHE I. B., KÖNIGSBERG I. PREUSSEN, LEIPZIG,
MAGDEBURG, PFORZHEIM UND STUTTGART ehkh

MODE UND KUNSTGEWERBE

Von Herbert Mhe.

Magazin des Modes 1788

Aus: Die Mode im 18. Jahrhundert

(Verlag von F. Bruckmann A.-O., München)

u

BER den Einfluß, den Mode und Kunst auf sich ausüben, über das
Verhältnis, in dem beide stehen, herrschen die geteiltesten Meinungen.
Die einen sehen nicht die geringsten Verbindungen, die andern
bedauern einen vermeintlichen Einfluß; und Unklarheiten und nutzlose
Erwägungen vermehren sich durch eine sehr schwankende Terminologie.
a Wenn die Mode, worunter wir hier den wechselnden Stil der Kleidung
verstehen, überhaupt mit der Kunst etwas zu tun haben kann, so wäre
es nur in einem ähnlichen Verhältnis möglich, wie dieses zwischen
der Kunst und dem Gewerbe besteht; ein Verhältnis, das wir mit dem
Schlagwort Kunstgewerbe zu bezeichnen pflegen. In der Tat ruhen Mode
und Kunstgewerbe letzthin auf einander ähnlichen Fundamenten kauf-
männischer Bedingungen. Beide wollen dem Geschmack, unserem etwas
sensationslüsternen Sinn am Dekorativen entgegenkommen; beide sogar
zuweilen im gleichen Bestreben, die Masse für sich zu erziehen. Die
Mode folgt dem Gesetz der Abwechselung, der interessierenden Neuheit
am weitesten und — bewußtesten. Das Kunstgewerbe geht unbewußter
und wesentlich langsamer der gleichen Bedingung nach. Beide basieren
also auf sehr ähnlichen Folgerungen, gehorchen denselben Gesetzen,
wenn auch in verschiedenen Zeitmaßen; die Mode von Saison zu Saison,
das Kunstgewerbe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Ursprünglich, als man
noch nichts von »Kunstgewerbe« wußte, das Gewerbe auf einer reinen
aber naiven Kultur stand, muß ein inniges Zusammengehen der Mode
mit allen Neuheiten des Gewerbes geherrscht haben. Wenn man das
Weimarer Journal des Luxus und der Moden, das der vielseitige Zeit-
genosse Goethes, Bertuch um 1785 herausgab, durchblättert, so findet
man in jedem Heft neben dem Modebericht des Pariser und Londoner
Korrespondenten einen eingehenden illustrierten Aufsatz über: »Die neueste Mode des Meublements«. Man
sah damals eine Veränderung des Stils ganz naiv als ein gleiches Resultat an, wie die Neuheiten der Kleidung!
Welcher Kunstgewerbler würde heutzutage von der Mode im Kunstgewerbe sprechen, wenn er »stilistische«
oder »individualistische« Strömungen meint? In ganz wenigen Köpfen dämmert die verächtliche Feindschaft
des Kunstgewerbes für die Mode zu einer einsichtsvolleren Anerkennung! Ganz zaghaft regt sich die
Erkenntnis, daß Mode und Kunstgewerbe nicht so ungleichwertige Dinge sind, wie man bisher annahm,
daß eben sehr ähnliche Bedingungen bei beiden vorhanden sind, und daß eine Beschäftigung des Künstlers
mit der Mode und Modezeichnung nicht so geringwertig ist, wie man meint. o

q Man fragt sich erstaunt, wie in das ursprünglich harmonische Verhältnis eine derartige Mißachtung
gegenseitig eindringen konnte! — 0

o Als die Bewegung des Kunstgewerbes sich Ende des vorigen Jahrhunderts mit seinem Bestreben aus-
bildete, die geistlose Stilimitation, die ins Gewerbe hereingebrochen war, zu bessern, jenen reinen Zu-
sammenhang mit der Zeit wieder erstrebte, wie er zu Goethes, Bertuchs Zeiten noch vorhanden war,
und sich genötigt sah, das verlorene naive Gefühl durch Ideale und Theorien erst zu ersetzen, mußte
es sich, sollte die Kraft für die ungeheuere Aufgabe reichen, vor Verzettelung, vor jeder Beschäftigung mit
Gebieten hüten, die nicht gänzlich in den notwendigsten und innersten Kreis der Aufgaben gehörten.
Das Kunstgewerbe mußte sich emanzipieren. 0

Kunstgewerbeblatt. N. F. XXIV. H. 4 jq
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