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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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CARL SCHÄFER UND EINE LEBENDIGE BAUKUNST







CARL SCHÄFER UND EINE LEBENDIGE BAUKUNST

Von Wilhelm Lesenberq

ES ist nicht zu früh, Carl Schäfer heute schon in die
Register der Geschichte einzureihen. Er kann dem
Klarsehenden nicht als Grundstein einer Neu-
schöpfung, nicht als Prophet einer neuen Heilslehre
gelten, sondern muß ihm das Schlußstück einer Entwick-
lungsreihe sein, wie sie sich folgerichtig nur im 19. Jahr-
hundert, dem Jahrhundert der Historie ergeben konnte.
Zu einem Schinkel und Klenze gesellte sich Boetticher, auf
einen Viollet le Duc und Ungewitter mußte Schäfer folgen.
Boetticher erklärte mathematisch die Kunstformen der
Antike aus der Funktion der Bauglieder, und Schäfer ging
den Grundgesetzen der im Gegensatz dazu »deutschen<
Stile nach. Woraus sich dann ein steter Zwist mit der
zünftigen Kunstforschung ergab. Beide, Boetticher wie
Schäfer, sind in ihren Resultaten theoretisch interessant,
doch für ein lebendiges Vorwärts ohne Bedeutung. Ja,
man kann wohl sagen, wäre Schäfer nicht gewesen, vielleicht
hätte die offizielle Stilechtheit sich schon früher totgelaufen,
und das Eigene, das heute überall nach Verkörperung
ringt, wäre schon früher durchgebrochen. So muß man
heute rückschauend sprechen. °

o Anders tönen andere Stimmen. Ihnen ist Schäfer »der
Reformator der deutschen Kunst, ein Lehrer und Führer
in unserer Kunst, wie ihn Deutschland noch nicht gesehen
hatte» (Baurat Ludwig Dihm, Gedächtnisrede auf Carl
Schäfer, gehalten im Architekten-Verein zu Berlin am
23. November 1908), ein Mann, »dessen schwere und
ernste Lehren Generationen brauchen, um zum Gemein-
besitz einer Kulturwelt zu werden« (Architekt Albert Stein-
metz in der Einleitung zu den gesammelten Aufsätzen und
nachgelassenen Schriften Carl Schäfers, Berlin 1910).
Schließlich wird Schäfer als »der Sieger im Kampf des
19. Jahrhunderts« gefeiert (Prof. Karl Weber, Danzig, Vor-
rede zum Katalog der Schäfer-Ausstellung im Kgl. Kunst-
gewerbemuseum zu Berlin, April 1912). Kurzum: Schäfer
und Zukunft der deutschen Baukunst! Es sind die Kreise,
die in Entzückung geraten beim Anblick der »Riesen-
bautätigkeit der preußischen Staatsbauverwaltung, deren
sämtliche Ressorts sich heute mit Bewußtsein auf den
Standpunkt der historischen Kunst stellen« (Steinmetz).
Wahrlich ja, wir leben große, herrliche Tage der Kunst. . . .
o Zuletzt und am stärksten sind diese Anschauungen in
die Erscheinung getreten bei den Ausstellungen von
Schäfers künstlerischem Nachlaß im Januar und April
dieses Jahres. Die erste fand statt in der Technischen
Hochschule zu Charlottenburg, die zweite im Kunstgewerbe-
museum zu Berlin. Die Festrede bei Enthüllung von
Schäfers Büste sprach von »der tiefgreifenden Einwirkung
Schäfers auf die künstlerische und geistige Kultur unserer
Tage«. Und in dem zur zweiten Ausstellung erschienenen
Katalog spricht C. Weber sich nochmals in demselben
Sinne aus. Und zwar geschieht dies mit einer alles andere
abweisenden Schärfe, die in diesem Falle ein Gegenwort
verlangt. D

o Die Ausstellung war unbedingt sehr verdienstlich. Sie
gab für eine längere Zeit auch den Fernerstehenden die
Möglichkeit, über das Schaffen dieses so oft genannten
Mannes einen Überblick zu gewinnen und damit zugleich
einen Rückblick zu tun in Zeiten, die, wie jeder hoffen
muß und wie wir sicher wissen, gewesen sind, um nie
wiederzukehren. o

a Doch das Katalog-Vorwort war in dieser Form wohl
ein Mißgriff. Es braucht auf den Geist, der die Ver-

anstaltungen des Kunstgewerbemuseums kennzeichnet,
nicht hingewiesen zu werden. Die Worte C. Webers aber
klingen im Gegensätze dazu wie das Programm des Rück-
schritts oder wie der Hilferuf einer Heldenschar, die allein
das Ideal bewahrt und hütet und nun durch freche Ein-
dringlinge bedroht sieht. Schlagwörter fallen, wie »Tempel-
schema«, »Verödung, Schematisierung und Vergewaltigung
alles baulichen Schaffens«, »Aufgeben der glücklich er-
rungenen Einheit«, »Erneuerung der Kämpfe, die jede
gesunde Kunstbetätigung und Kunstentwicklung unmöglich
machen«:. °

□ Ihr steht auf verlorenem Posten. q

o Die Gründe liegen nur zu klar zutage. Schäfers Werke
und Schäfers Worte geben den Aufschluß. — Carl Schäfer
war in seiner Kunst kein Neuschaffender. Er führte nur
eine Idee, die in der Zeit lag, weiter und auf eine Spitze,
über die es ein Hinaus ohne völlige Umwälzung nicht
gut geben kann. Historischer, wissenschaftlich korrekter
kann man als Baumeister schlechterdings nicht werden.
Inwieweit Schäfer da noch Schüler und Schuldner Unge-
witters blieb, sei dahingestellt — in einem überragte er
ihn wesentlich: in der Persönlichkeit! Daher in seiner Be-
deutung als Lehrer und eindrucksvoller Vertreter seiner
Anschauungen. Er war ein in sich geschlossener, starker
Mann, dem eine ungeheuere Überzeugungskraft innewohnte.
Er glaubte die Wahrheit zu haben, und solche Menschen
sind für Schwächere ein Bedürfnis und ein untrüglicher
Leitstern. o

d Sehr interessant ist es jetzt, zu sehen, wie die Anhänger
Schäfers im Gefühl der gar großen Einseitigkeit ihres
Führers zu ganz verallgemeinernder Interpretation seines
Schaffens greifen, um das Lebenswerk des Meisters dem
heutigen Gedankenkreise zwanglos einfügen zu können.
Sie sprechen von »dem in Schäfer verkörperten Siege des
Grundprinzips der deutschen Kunst, die von dem abso-
luten Maßstab der menschlichen Größe und des zur Ver-
fügung stehenden Materials ausgehend in dem organischen
Aufbau und der charakteristischen Durchbildung der Einzel-
heiten ihre Hauptaufgabe sah.« Seid offen, das ist doch
alles nur ästhetische Wortakrobatik, die im Munde eines
Baumeisters am wenigsten sinnvoll klingen will. Damit
baut man keinen festen Begriff. Das ist kein greifbares
Prinzip. Auch die Modernen haben ganz das gleiche mit
fast denselben Worten oft genug als ihr Ziel hingestellt.
d Nein, auf ganz etwas anderm liegt in Schäfers Schaffen
der Ton: auf dem nationalen Stil! — Auf der Gewerbe-
ausstellung 1896 in Berlin sagte Schäfer: »Die alten Zeiten
hatten ihren bestimmten Stil, für unsere heutige Baukunst
aber gibt es keine bestimmte Bauregel. Wenn wir dieses
Segens wieder teilhaftig werden wollen, so können wir
uns nur an die historischen Baustile halten.« Es folgt der
Vergleich der Stile mit den Sprachen. Schäfer folgert, man
darf nicht Stilmengerei treiben, ebensowenig wie man z. B.
halb italienisch, halb altgriechisch reden kann, und an
anderer Stelle, mit dem Hinblick auf das Nationale, uns
Deutschen kann nur die Gotik eine Basis abgeben, da
alles andere uns wesensfremd. Wir greifen diesen Ver-
gleich von Sprache und Baustil auf und folgern unserer-
seits: Wenn Dihm von Schäfer rühmt: »Er hat gebaut
romanisch, gotisch aller Perioden, frühe und späte deutsche
Renaissance, Barock und Rokoko. Vielfach noch in den
charakteristischen Unterschieden der einzelnen Landesteile.
Alles mit gleicher Meisterschaft« — so sagen wir: Schäfer
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