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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







haltung« rühmt, so finden wir ihn kalt und kahl. Ebenso
wirkt der Entwurf für die Gewerbeschule in Kassel (1867).
Eine lange Fabrikfront. o

o Wenn wir auch heute noch Schäfersche Lösungen des
Kirchenbaues annehmen, so werden unsere Kirchen weiter-
hin als fremde Gebilde inmitten einer anders gewachsenen
Welt stehen und unverständliche Verkörperungen einer
dadurch dem Leben künstlich ferne gerückten Idee sein.
— Wie Schäfer eine Platzgestaltung wollte, zeigt der Ent-
wurf für den Jung-St. Petersplatz in Straßburg (1899) mit
lauter kleinen Obelisken, die wie Kinderspielzeug oder
Zuckerhüte wirken. Der Schmucktyp des Platzes vorm
Berliner Brandenburger Tor. Mit der Ausstellung solcher,
Schäfers Eigenstem fernen Dingen, hat man ihm einen
schlechten Dienst erwiesen. q

.. Uns ist Carl Schäfer zwar nicht »einer der größten
Künstler aller Zeiten« (Dihm), aber ein echter, deutscher
Künstler seiner Zeit, ein Mann, der mit starkem Willen
und idealstem Wollen seinem Volke eine bauliche Basis
zu schaffen strebte. Als einzige Wege zu diesem Ziel
bezeichnete er ein Zurückgreifen auf die historischen, im
wesentlichen den romanischen und den gotischen Stil. —
Im gleichen Jahrhundert formulierte ein Gewaltiger der
Baukunst, Gottfried Semper, sein Programm so: »Die
Lösung der modernen Aufgabe soll aus den Prämissen,
wie sie die Gegenwart gibt, frei heraus entwickelt werden.«
Er glaubte aber dies im Anschluß an die römischen Formen
erreichen zu müssen, denen Schäfer selbst ein hohes Lied
anstimmte auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896:
»Welche Mannigfaltigkeit der Gebäudeanlagen und des
Grundrisses. Jeder Raum hat seine angemessene Form und

gruppiert sich in zweckmäßiger und geistreicher Weise. . . .
Eine Baukunst, die den mannigfaltigsten Ansprüchen des
privaten und öffentlichen Lebens genügt. Bis zum Ende
des 18. Jahrhunderts fußt alle Baukunst auf der der
Römer.« Es klingt uns, an Schäfers Lebensarbeit ge-
messen, recht eigen. o
□ Schließlich spricht Otto Wagner: »Die moderne Bau-
kunst unserer Zeit sucht Form und Motive aus Zweck,
Konstruktion und Material herauszubilden.« Die Stilformen
früherer Tage werden über Bord geworfen, aus sich selbst
soll alles neu erwachsen. □
n Wo ist das Heil?

d Zuerst streichen wir den Begriff »Stil« gänzlich und
gründlich aus unserm Baugewissen. Er war die Krücke
und das Verhängnis des 19. Jahrhunderts. Wenn wir
unsere Blicke in die Vergangenheit wenden, so mögen
wir uns nicht bemühen, »deren Formensprache genau nach-
zusprechen«, sondern erkennen und verwerten wir die
schöpferischen Gedanken, die sie geschaffen hat. In jeder
Periode und für jede Aufgabe neu. Das Bestreben, aus
sich selbst heraus alles grundsätzlich neu erfinden und
schaffen zu wollen, verdammt sich selbst zu künstlerischer
Armut. Was unsere Väter geschaffen, sei uns köstlicher
Erwerb, aus dem immer neue Anregungen fließen. o

o Ruhend auf diesem Erbe, in freier, eigener Durch-
arbeitung früherer Formen und Lösungen stelle der Bau-
meister unserer Tage aus dem Charakter der jedesmaligen
Aufgabe heraus, mit den Vielseitigkeiten des Materials
sich steigernd, sein Werk hin, das ein Denkmal sein wird
ihm, seinem Volke und seiner Zeit. Nicht ein neuer Stil
— ein neuer Ausdruck! o



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

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NEUE BUCHER

Leo Balet, Schwäbische Glasmalerei. Kataloge der Königl.
Altertumssammlung in Stuttgart, Bd. II. Stuttgart und
Leipzig 1912. Deutsche Verlagsanstalt. n

a Innerhalb zweier Jahre sind von Leo Balet, dem Direk-
torialassistenten am Königl. Landesgewerbemuseinn in
Stuttgart, die beiden ersten Kataloge der Königl. Altertümer-
sammlung erschienen. Es sind zwei reich illustrierte Pracht-
bände von je ca. 160 Seiten. Der erste Teil dieser Arbeit
will den Besucher der Sammlungen, und vor allem den
Laienbesucher an Hand derselben über die gesamte schwä-
bische Glasmalerei orientieren. Wir beschränken uns auf
eine kurze Besprechung des Glasgemäldekataloges. Eine
Geschichte der schwäbischen Glasmalerei wird trotzdem
noch zu schreiben sein, und wir werden dem künftigen
Verfasser dafür um so größeren Dank wissen, als die
schwäbischen Meister gerade auf diesem Gebiete denen
in den angrenzenden Staaten und ganz besonders denen in
den Landen der Eidgenossen vielfach die Wege wiesen,
o Die staatliche Sammlung in Stuttgart ist nicht besonders
reich an guten Glasmalereien schwäbischer Herkunft und
dabei wird der kunstgeschichtliche Wert gerade der besten
Stücke noch sehr wesentlich beeinträchtigt durch die um-
fangreichen Restaurationen, denen sie unterzogen wurden
und die zuweilen die Arbeit des ursprünglichen Meisters
in einer Weise überwuchern, daß sich dessen Leistungen
kaum mehr mit einiger Sicherheit beurteilen lassen, Dieser

Übelstand ist leider ein allgemein verbreiteter und macht
es äußerst schwierig, die Arbeiten bestimmten Glasmalern
oder auch nur Werkstätten zuzuweisen. Eine vollständige
Übersicht über die schwäbische Glasmalerei vermögen
darum die in dem Kataloge gebotenen Bilder nicht zu
geben. Deswegen sind sie nicht weniger willkommen,
denn wenn auch der Glasmalerei nicht die Bedeutung für
die deutsche Kunstgeschichte zukommt, wie der Tafelmalerei,
da es sich bei Ihr mehr um eine Betätigung handelt, die
einen sehr starken Einschlag von Handwerk hat, so trieb
sie doch in ihren besten Leistungen Blüten, die sie mit an
die Spitze der kunstgewerblichen Schöpfungen stellen. o
o Die mittelalterliche Glasmalerei ist in der staatlichen
Altertümersammlung im großen ganzen nur durch mein
oder weniger wertvolle Fragmente vertreten, wie dies
übrigens in den meisten Altertumssammlungen der Fall
ist. Wir wollen auch nicht bedauern, wenn gerade diese
monumentalen alten Glasbilder an den Orten belassen
werden, für die sie bestimmt waren und wo sie zu bester
Wirkung gelangen. o

n Auch die für Profangebäude arbeitende Kabinettmalerei,
deren Produkte sich allerdings von den für die Kirchen
bestimmten vielfach nicht unterscheiden, kann nur eine be-
schränkte Zahl von Stücken aufweisen, denen ein allgemeines
Interesse zukommt. Diese aber sind lehrreich genug.
Sie beweisen, daß sich zu Ende des 15. Jahrhunderts
nennenswerte Unterschiede zwischen süddeutscher und
schweizerischer Glasmalerei noch nicht herausgebildet
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