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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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FRAUENHANDARBEIT

FRAUENHANDARBEIT

Von Ernst Zöllner-Kassel

WIE die Architektur, so hat auch das Kunstgewerbe
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die De-
koration als wesentliches Element über die reine
Tektonik, über eine aus den jeweiligen Aufgaben
heraus entwickelte, klare, sachliche Formengebung gestellt.
Man ging nicht auf das Wesen der Sache, auf den Körper,
sondern auf einen irgendwie gearteten äußeren Effekt.
Man bildete nicht, sondern dekorierte. Ein organischer
Zusammenhang der Künste war so nicht möglich; er ist
stets nur zu finden, wo die tektonische Form zuerst da
war, d h. diejenige Kunstform, die klarer Ausdruck des
Zweckes und der Funktion eines Gegenstandes ist. Für

eine tektonisch empfindende Epoche ist der Schmuck, sei
er plastisch oder malerisch, nur Mittel, die strukture Form
noch ausdrucksvoller zu begründen. Diese Erkenntnis
fehlte der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gänzlich.
Und so empfand man nicht die Barbarei einer Dekorations-
weise, die mit allen möglichen aus ihrem ursprünglichen
Stilzusammenhang herausgerissenen Elementen arbeitete
und durch ihre Imitation auch zu einer Reihe von Verstößen
gegen den Charakter des verwendeten Materials gelangte.
□ Daß die Verirrungen und Verwilderungen auf dem
weiten Gebiete des Kunstgewerbes gerade den sogenannten
Handarbeiten am verhängnisvollsten wurden, ist nur na-
türlich, da ihr schmiegsames Material
sich am leichtesten zu allen Stillosig-
keiten mißbrauchen läßt, während in
anderen Zweigen des Kunstgewerbes,
etwa in der Tischlerei oder Schlosserei
der Materialcharakter wesentlich stärkere
Widerstände gegen eine Vergewaltigung
bietet und die Bedingungen, die Holz
und Eisen der Bearbeitung auferlegen,
doch nie ganz ins Gegenteil verkehrt
werden können. o

n Neben der unsachlichen und nicht
materialgemäßen Dekorationsmanier, die
das ganze Kunstgewerbe beherrschte,
ist den Handarbeiten gleichzeitig die
schematische Massenproduktion der Fa-
briken verhängnisvoll geworden. Da
man nun alles billiger und gleich fertig
haben konnte, was früher Mutter und
Großmutter selbst am Webstuhl und
mit der Nadel gearbeitet hatten, so wurde
die seitherige Tradition unterbrochen.
Die heranwachsende weibliche Jugend
übt heute die überkommenen Techniken
(z. B. Weberei) zum Teil gar nicht mehr,
/um Teil nur gelegentlich als Zeit-
vertreib ohne ernstes Wollen, ohne
rechtes Bedürfnis und ohne Ahnung von
dem beglückenden Werte schöpferischer
Arbeit. Und was da geleistet wird, ist
noch überwiegend eine Nachahmung
dessen, was in Vorlagen und Modejour-
nalen steht und was die Fabriken, der
wechselnden Mode Untertan, auf den
Markt werfen. So kann es kommen, daß
in einer Stadt ein oder zwei Tapisserie-
geschäfte mit Fabrikerzeugnissen von
irgendwoher den Geschmack aller Käufer
und sogar die eigene Handarbeit der
Frau in ihrem Heim bestimmen! o

n Früher waren die Handarbeiten ein
Stück Volkskunst, wie es die Trachten
waren, verschieden nach Landschaft
und Stamm, nur langsam sich entwik-
kelnd,zäh festhaltend an einigen wenigen
Techniken, die man ganz beherrschte
und mit denen man dauerhaft vorbild-
liche Leistungen für die folgenden Gene-
rationen schuf. Heute dagegen ist die
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